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Gedanken

Mein Gehirn & ein verlängertes Wochenende (ADHS-Version)

Am 06.01. hatte ich unverhofft frei und ein verlängertes Wochenende stand an. Mein Plan war, ganz entspannt das gesamte Wochenende mit meinen neuen Metallic-Aquarellfarben zu verbringen. Ich stellte mir vor, wie ich über das Wochenende fünf, sechs, sieben oder sogar acht außerordentlich großartige Bilder male. Nur irgendwie stand mir was im Weg…

Freitag 06:30 Uhr

Als ich loslegen will, fällt mir mein Vision Board ein. Was stelle ich mir für 2023 eigentlich so vor? In der nächsten Sekunden fallen mir die gezogenen Inspirationskarten von Neujahr wieder ein, deren Symbolik ich noch in ein Journal schreiben wollte. „Geht schnell. In ’ner Stunde bist du fertig.“, denke ich und fang an.

1 Stunde später sind vier von 17 Karten interpretiert. Ich bin genervt.
Mir fallen die zig angefangenen Journale ein, die ich nie zu Ende bringe. Journaling nervt. Zumindest der Part, für den ich was tun muss. Ich will, dass es schön aussieht und irgendwie tiefsinnig ist, was bringt. Muss aber schon für ein „es sieht okay aus“ so viel Geduld und Disziplin aufwenden, dass es mich Ende nur noch nervt.

Ich überlege, ob ich es digital besser finde und verlier mich kurzer Hand in Ausführungen über digitales Bullet Journaling. Als ich gedanklich wieder auftauche, ist es 17:00 Uhr. Ich denke „Ok. Dann ist der Tag jetzt ja eh vorbei.“ und verbringe den Rest des Abends mit genervt sein und komisch fühlen 🙄

Samstag, 08:00 Uhr

Ich setze mich an den Schreibtisch und schaue in mein Pinterest-Board nach Ideen. Was will ich malen? Federn! Insekten! Pilze! Blumen! Ratten! Katzen! Vögel! Mein Vision Board! Kimba! Kühe! Fischreiher! Und in welchem Format? Lesezeichen? Vierecke? DIN A4? DIN A5? Ich brauche eine Papierschneidemaschine. Gibt es gutes Aquarellpapier in Lesezeichen-Größe? Oder so schöne kleine Kärtchen? Bis 14:00 Uhr verliere ich mich in Recherchen und Möglichkeiten. Verschwendete Zeit. Genervt räume ich alle Malsachen weg und bereite Essen zu.

Nach dem Essen setze ich mich erneut hin und zwinge mich, zu malen, was mir zuerst in den Sinn kommt. Ein Specht also. Fast sieben Stunden später bin ich fertig.

Das Ergebnis: Wunderschön. Aber nicht perfekt. Und außerdem habe ich viel zu lange gebraucht. Wer malt sieben Stunden an einem mittelmäßigen Specht? 🙄 Marius fragt mich, ob ich einen schönen Tag gehabt habe. Ich überlege kurz. Er mutmaßt, mein Tag sei sicher schön gewesen, schließlich hätte ich Zeit gehabt, all das zu machen, was ich gerne mag. Tja. Im Grundsatz ja richtig, nur die Schlussfolgerung passt nicht so ganz. „Du bist ein einziger Haufen Scheiße!“ denke ich, erschrecke mich im nächsten Moment über diesen Gedanken und bin noch wütender auf mich selbst, als sowieso schon.

Sonntag, 09:00 Uhr

SO! Heute erwarte ich weniger. Habe ich mir zumindest vorgenommen. Ich setze mich um neun an den Schreibtisch. Nach fünf Stunden ist mein Waldkauz fertig. Und ich? Bin nicht zufrieden. Ich will einen schöneren Waldkauz malen. Will mehr als nur zwei Bilder malen. Will schneller malen, ohne dafür zu üben.

Ich will, ich will, ich will

Will nicht so viel Zeit verschwenden. Will jetzt noch tanzen. Mit Marius ein Spiel spielen. Endlich mal wieder singen. Für die Blogs Artikel schreiben. Raus zum Fotografieren. Wandern. Alles kaufen, um Aquarellfarben selber zu machen. Alle Metallic-Aquarellfarben dieser Welt. Neue Pinsel. Anderes Papier. Diese eine Idee umsetzen. Und die und die und die und die.

Ich will meine gerissene Halskette reparieren. Socken häkeln. Die Wohnung renovieren. Eine neue Küche. Opas Keyboard nutzen. Einen neuen Couchtisch. Eine neue Couch. Gesellschaft für Kimba. Sein, wer ich nicht bin. Können, was ich nicht kann.

Ich will zum Wandern in den Schwarzwald und in die Berge. Und nach Norwegen und Finnland und Schweden. Abschalten. Eine Woche in Stille. Oder gleich eine einsame Insel. Draußen schlafen. Die Blumen umpflanzen. Das Vogelhaus aufhängen und bestücken. Den Blumentopf reparieren. Einen stylishen Bilderrahmen für Familienfotos. Rhythmische Sportgymnastik machen. Contemporary Dance und Electro Swing lernen.

Ich will in Ruhe schwimmen. Mit gutem Gefühl zu Oma ins Heim. Einen letzte Hilfe-Kurs machen. Die Käuze beobachten. Ein Makro-Objektiv und ein Tele-Objektiv und ein Nachtsichtgerät. Mal wieder Videos drehen. Meine Nägel lackieren. Regenbogenfarbene Haare. Weniger am PC sitzen. Mit meiner Mama zum Open-Air Rudelsingen.

Ich will, dass die Zeit nicht immer so fliegt. Weniger Nachdenken müssen. Dass mir die Dinge leichter von der Hand gehen. Nicht mehr ständig etwas wollen. Das Gefühl loswerden, etwas tun zu müssen. Mich entspannen können. Dass Zeit mich nicht so belastet und bedrückt. Mehr Gedanken teilen. Anerkennen können was ich schaffe. Abends raus gehen. Wesentlichkeit. Meine Fehlbarkeit annehmen.

Ich will alles auf einmal und dann doch gar nichts davon und am Ende vielleicht nur eine Sache. Nur welche? „Normal“ sein? Nichts wollen? Gehirn-Ruhe? Blödsinn! Naja.

Was für ein schöner Kauz 💜

6 Antworten auf „Mein Gehirn & ein verlängertes Wochenende (ADHS-Version)“

wie sehr ich dich liebe, mit all deinen Facetten und bitte nie wieder solche abwertenden Gedanken. . Ein Nachtsichtgerät habe ich glaube ich für dich ich schaue im Keller. 😘

Und ich habe mich immer gefragt, warum andere mit erzählen, dass ich zu viel auf dem Schirm habe. Die Leute wohl gemerkt, die selber ewig am wollen und machen sind. Nun weiß ich es. Von Außen sieht man es sofort. All das Gewusel, all das Können, all die herrliche Kreativität. Und man denkt, wie gesegnet und beschenkt ist dieser wundervolle Mensch denn bitte. Aber warum zum Henker, feiert derjenige sich nicht selber für seine Grossartigkeit und genießt es. Feel you!

3 1/2 Wochen krank geschrieben. 3 1/2 Wochen Zeit für viele wichtige Dinge, mit Abgabe- und Prüffrist. 3 1/2 Wochen Zeit um kreativ zu sein, die Wohnung auszumisten, etwas zu tun, was ich schon lange machen wollte. 3 1/2 Wochen…. fast nicht produktiv gewesen. Zwar um die Gesundheit gekümmert aber sonst? Alles wichtige ist liegen geblieben….. in 3 Tagen fange ich wieder das Arbeite an, muss Fristen einhalten und Lernen um eine Klausur (Teilzeitstudium) nicht zu verkacken. Zeit hatte ich lange genug. Jetzt sind es nur noch wenige Wochen bis zum 01. Oktober und die Masse an Dingen die gelernt, organisiert und erledigt werden wollen – kaum noch zu schaffen.

Ich fühle dich! Danke für diesen Artikel!

ADHS-Kollegin im Geiste

Ein tiefer und eindringlicher Einblick in das Gedankenkarussell eines verlängerten Wochenendes mit ADHS. Wie oft verstricken wir uns in den Wirren unseres Geistes, getrieben von einer Idee zur nächsten, ohne wirklich unser eigentliches Vorhaben zu erfüllen. Dieser Beitrag erinnert uns daran, dass wir nicht allein sind mit unseren chaotischen Gedankensprüngen und der ständigen Suche nach Perfektion. Es ist wichtig, sich selbst zu vergeben, innezuhalten und das Hier und Jetzt zu schätzen. Danke für diesen ehrlichen und authentischen Einblick. Es ermutigt und inspiriert gleichermaßen. Ein wahrer Lichtblick für alle, die sich in diesen Zeilen wiederfinden.

Wow, das klingt nach einem intensiven Wochenende voller kreativer Höhen und Tiefen! Es ist bewundernswert, wie du dich durch die Herausforderungen gekämpft und am Ende wunderschöne Kunstwerke geschaffen hast. Die Aquarellbilder, besonders der Specht und der Waldkauz, klingen beeindruckend!

Es ist normal, dass wir uns manchmal von unseren eigenen Erwartungen überwältigt fühlen, aber du hast durchgehalten und etwas Schönes geschaffen. Es ist wichtig, sich selbst die Zeit zu geben, zu experimentieren und zu lernen. Deine vielfältigen Interessen und Wünsche zeigen, wie leidenschaftlich und neugierig du bist.

Die Suche nach der richtigen Balance zwischen dem Wollen und dem Genießen des Moments ist oft eine Reise. Deine Ehrlichkeit über die Herausforderungen und inneren Gedanken macht deinen Weg umso inspirierender. Möge deine künstlerische Reise weiterhin von Freude und Selbstakzeptanz begleitet werden. Und ja, der Waldkauz klingt wirklich wunderschön! 💜🎨

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