Mind & Soul

Die ersten zwölf Stunden ohne Smartphone

Wie abhängig man von seinem Smartphone ist, merkt man tatsächlich erst, wenn man versucht darauf zu verzichten. Mich hat die Erkenntnis ziemlich schockiert, um ehrlich zu sein. Gestern Abend um 21:20 Uhr ging mein Smartphone aus und wanderte in die Schublade. Begleitet von besorgten Worten meines Freundes: „Ja aber, wie erfahre ich denn dann, ob du gut angekommen bist? Was ist denn, wenn dir was passiert?“. Früher wusste man das auch nicht. Da muss man(n) jetzt durch! Er ist bisher auch der Einzige, dem meine Selbsttherapie irgendwie unbehaglich ist 😀

Was macht man eigentlich, wenn man nicht am Handy fummeln kann? (03.08.2015, 21:30 Uhr)
Das Erste, das mir gestern Abend auffällt: Ich bin erst nervös und dann plötzlich glücklich. Die ersten Minuten liege ich auf dem Bett und mir fehlt das Smartphone. Was macht man so, wenn man nicht am Handy fummelt? Statt also, wie sonst, sinnlos durch die Timelines der Social Media Welt zu scrollen, lege ich mich aufs Bett und guck ne Tierdoku. So dermaßen bewusst, wie ich schon lange nichts mehr bewusst geschaut habe. Jedes kleinste Detail könnte ich heute noch malen. Jeden Versprecher des Erzählers nachplappern. Normalerweise spiele ich während dem fernsehen ständig am Handy rum und bekomme so nur die Hälfte mit.

Dann stehen vor unserer Haustür plötzlich sechs Feuerwehrwagen und zwei Polizeiwagen. Wisst Ihr, was das Erste war, das ich machen wollte? Mein Handy holen und bei Facebook schreiben, dass in Wuppertal mal wieder der Bär steppt. Da fällt mir zum ersten Mal auf, wie krank das eigentlich alles ist. Ich hab nicht nur selbst das dringende Bedürfnis, ständig über alles und jeden Bescheid zu wissen und das ständig überprüfen zu können, ich will auch selbst, dass alle jeden Scheiß von mir mit verfolgen können. Nachdem die Doku zu Ende war, habe ich dann jedenfalls einfach so da gelegen und überlegt, wie ich mich weiter ablenken kann.

Ablenken! Wovon denn eigentlich? (03.08.2015, 21:45 Uhr)
Irgendwie eine essentielle Frage. Ich habe offenbar verlernt, wie es ist, wenn man einfach mal Nichts tut. Wenn man sich seinen Gedanken hingibt. Ist es tatsächlich das? Sich so viel abzulenken, dass man nicht mehr nachdenken kann, dass man nicht mehr einfach „Nichts“ tun kann? Ich hab keine Ahnung. Eigentlich denke ich ohnehin den ganzen Tag nach und verliere mich in Horror-Szenarien. Da kann nicht mal das Smartphone was ausrichten. Aber ich bemerke noch eine Sache, die mir vorher nicht bewusst war: Andauernd überlege ich, ob die Situation gerade gut für ein Foto oder ein Posting wäre, das man online teilen könnte. Was zur Hölle ist eigentlich los mit Dir, Sandra? Mir passiert jedenfalls nichts Schlimmes, während ich dort liege und einfach gar nichts mache. Außer, dass ich bemerke, wie hirnrissig mein Umgang mit dem Smartphone ist und wie viele Dinge das Teil in sich trägt, die ich eigentlich täglich brauche.

Hilfe, ich hab keinen Wecker mehr! (03.08.2015, 22:15 Uhr)
Und dann kommt da wieder diese Nervosität in mir auf. Ich hab keinen Wecker! Wie zur Hölle soll ich Morgen früh geweckt werden? Ich stehe aus dem Bett auf und suche vergeblich nach einem Oldschool-Wecker. Dann fällt mir mein Freund ein, der hat sein Handy ja noch. Soll er den Wecker doch stellen! Im nächsten Moment fällt mir ein, dass mein Chef noch gar nicht Bescheid weiß. Wenn was ist, schreiben wir uns immer bei Whatsapp. Was ist, wenn heute Abend oder morgen früh was ist? Wenn er was Wichtiges schreibt? Und wie komme ich eigentlich in meine Accounts rein, ohne die Authentifizierungscodes für den Blog, für Facebook, für die Mails, für Google, für Youtube? Ich muss eine Uhr tragen! Und Morgens Radio hören, damit ich weiß, ob es regnen soll! Morgens. Was mach ich eigentlich Morgens beim Kaffee trinken, wenn ich nicht am Handy rumspiele? Über all diese Gedanken hinweg bin ich dann eingepennt und in der Nacht auch nicht aufgewacht, um mein Handy zu checken.

Ohne Smartphone direkt verpennt (04.08.2015, 06:40 Uhr)
Als der Wecker von meinem Freund klingelte und ich die Augen öffnete, wusste ich SOFORT, dass ich verschlafen hatte. Ein Blick auf die Uhr (06:40 Uhr) und es war klar: Du bist ne verdammte Stunde zu spät aufgestanden und solltest seit 10 Minuten auf der Arbeit sein. Als ich „Scheiße!!!!“ schrie und aus dem Bett sprang, beschwichtigt mein Freund und sagt irgendwas von wegen „Wir haben doch erst soundsoviel Uhr und du hast mir außerdem gesagt, ich soll den Wecker auf 6:40Uhr stellen.“ Schlaftrunken guck ich auf die Uhr unserer Wetterstation. 6:42Uhr. Und weil ich nicht klar denken kann, huscht ein: „Ach ja ok, haste dich vertan, bist ja voll in der Zeit.“ durch mein Gehirn.

Also trink ich nen Kaffee und statt am Handy zu fummeln, mache ich mir Notizen und lese ne dämliche Modezeitung. Und wieder fällt mir auf, dass ich ohne Smartphone deutlich aufmerksamer bin. Wusstet Ihr, dass US-Studien heraus gefunden haben, dass Kinder, die in ihrer Kindheit Cartoons mit dicken Hauptfiguren gesehen haben, später im Alltag Süßigkeiten schlechter widerstehen können? Ich muss direkt an Garfield denken. Wegen dem hab ich in meiner Kindheit ständig Hunger auf klebrige Pizzastücke gehabt. Ich bin mir sicher, dass die US-Forscher voll Recht haben! 😀

Dann bemerke ich, dass es ohne Smartphone morgens schöner ist. Auch wenn ich gar nicht weiß wie viel Uhr wir haben und wie das Wetter wird. Dafür ist die Reizüberflutung nicht so groß. Ich beschäftige mich nicht schon morgens mit den Problemen der Welt und den First World Problems meiner Freunde und Bekannten. Es gibt keine hässlichen Bilder von Kussmündern und keine Food-Fotos, die mir schon um halb sechs das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Halb sechs? Irgendwie fühlt es sich immer noch an, als hätte ich verschlafen. Wo finde ich eine Uhr? 07:00Uhr. SIEBEN UHR? Es ist so scheiße ohne Smartphone. Ich muss meinem Chef Bescheid sagen! Aber wie? Früher konnte man das auch nicht, also bleib ruhig. „Aber mach noch schnell ein Foto von deiner verschlafenen Fresse und poste es auf Facebook, könnte lustig werden.“ denke ich und schüttel den Kopf. Grenzenloser Freak!

Mehr Gelassenheit ohne Smartphone (04.08.2015, 10:00 Uhr)
Und Tadaaa, da war sie kurz, die Gelassenheit, die ich so vermisse. Das erste Mal denke ich: Du kannst deinem Chef gleich noch erzählen was los ist. Er wird schon nicht gleich in Panik geraten und die Polizei rufen, nur weil du 45 Minuten später kommst. Bestimmt hat er deinen Artikel sowieso schon gelesen und ahnt, was los ist. Also chill verdammt noch mal und sieh zu, dass du fertig wirst.

Es ist wirklich wahr: so schön viele Sachen sind, die mir ein Smartphone bietet. Das Größte, was es mit mir macht, ist Stress verbreiten. Stress in Bezug darauf, dass ich kontrollieren kann, ob alles „ok“ ist und das alle 5 Minuten, aber auch Stress in Bezug auf all das, was man durch das Smartphone mitbekommt oder was man mit Hilfe des Smartphones tun kann. Tatsächlich waren sowohl mein erster Abend, als auch mein erster Morgen (trotz verschlafen!) viel entspannter. Und zum ersten Mal habe ich jetzt gerade, wo ich das hier schreibe, ein gutes Gefühl. Es tut verdammt noch mal gut, das Smartphone aus zu haben. Auch wenn ich Euch heute Morgen liebend gerne meinen massakrierten Arm gezeigt hätte. Mich hat nämlich ne Wespe gestochen! Böses Vieh. Aber es war viel toller, sich auf den Stich zu konzentrieren und darauf, dass die Schmerzen besser werden, als zuerst ein Foto zu machen 😉

Und sonst so?
Bisher stört es mich noch gar nicht ohne Smartphone. Im Gegenteil fühle ich mich sogar eher total befreit und erleichtert, als eingeschränkt oder ängstlich. Viele fragen mich, wie ich das schaffen will. „Ich könnt das nicht!“ – „Ich würde wahnsinnig werden!“ – „Wie soll das gehen?“. Und je mehr ich über diese Fragen nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Ihr Euer Smartphone auch mal ausschalten solltet. Immerhin sind die meisten von Euch auch in einer Zeit ohne Smartphone und Internet groß geworden und ich werde das Gefühl aktuell einfach nicht los, dass das damals für uns Menschen deutlich entspannter war. So sehr heutige Möglichkeiten unser Leben auch erleichtern und erweitern.

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Über den Autor

Die Checkerin

Frohnatur! - Freak! - Philosophin!
Kommt selten schnell auf den Punkt, trifft aber irgendwann trotzdem den Nagel auf den Kopf.

8 Kommentare

  • Huhu Sandra,
    ich finde deine Aktion toll, klasse von dir.
    Ich bin auch ohne „Handy und Co.“ groß geworden. Es gab bei uns nicht mal eine Tel-Zelle.
    Wir haben es auch geschafft uns mit unseren Freunden zu verabreden ohne tel. so etwas kennt heute keiner mehr. Sind die Kids aus der Schule müssen sie schreiben oder stundenlang tel.
    Ich persönlich nehme diesen Smatphone-Horror schon lange wahr. Habe nur ein „altes“ Handy für den Notfall wenn ich Unterwegs bin.
    Und läufst in der Stadt kommst dir komisch vor ohne Phone in der Hand, weil die meisten beim laufen tippsen. Gehst du Essen sitzen andere am Tisch reden nicht mit einander sondern tippen in Phone. Ich habe da schon mal laut gesagt, fehlt nur noch die schreiben sich gerade gegenseitig eine Nachricht. Da haben die beiden am Nachbartisch aber blöd geschaut. Ich habe sie nur frech angelächelt.
    Blöd nur das die meisten denken es geht nicht ohne, … es geht sehr wohl.
    Man muss auch nicht immer und ständig erreichbar sein!
    Viel Erfolg für dich.
    GLG Diana

    • Huhuuu Diana 🙂
      Danke für dein Kompliment.
      Ich gehöre zwar nicht zu den Leuten, die nicht mal in der Lage sind, eine Unterhaltung zu führen oder das Essen (ok, NACH dem Foto) zu genießen, ohne das Handy in der Hand zu halten, weil ich immer Angst habe, überfallen zu werden aber so grundsätzlich hab ich es trotzdem viel zu oft in der Hand. Und das natürlich nicht nur, weil ich Angst habe, dass etwas passiert ist, sondern einfach generell. Das ist wirklich ätzend.
      Aktuell überlege ich ernsthaft, ob ich nach dieser Woche einfach alles an Apps runter schmeiße und es nur für den Notfall nutze und z.B. für so Sachen wie die Bestätigungs- und Sicherheitscodes zum Anmelden auf dem Blog usw. Schauen wir mal, wohin das alles die nächsten Wochen führt 😀

      Liebe Grüße <3

  • das hast du schön geschrieben. ich selber erwische mich, dass ich total abhängig von dem teil bin, bis auf dem wecker 😛
    es geht jedoch schlimmer. gerade in meinem job erlebe ich jeden tag, dass die kids die teile nur, wirklich nur noch in der hand haben und es ihnen verdammt schwer fällt diese in der tasche zu lassen. was gibt es da für debatten und geschimpfe, wenn das handy mal ne stunde weg genommen wird. lebenswichtig! ohne geht gar nicht! was ist wenn ich ne nachricht bekomme? was ist wenn jemand anruft?…
    ich frage mich heute ernsthaft: wie haben wir das früher gemacht? briefe geschrieben, mit dem festnetz telefoniert… jepp das wars.
    liebe gruesse!

    • Ist wirklich so. Wenn man sich mal kritisch damit auseinander setzt, dann merkt man, dass dieses Teil eigentlich der pure Luxus ist. Nichts, was wir WIRKLICH brauchen würden. Schon gar nicht 24/7

  • Toller Artikel! Und wieder einmal bin ich froh, kein dämliches Smartphone zu besitzen. Ich find das ganz furchtbar, was man seit Smartphonezeiten so beobachten kann…Pärchen sitzen sich im Restaurant schweigend gegenüber, beide mit ihrem Smartphone beschäftigt; Menschen telefonieren lauthals ungeniert über intime Dinge in der Bahn; das bestellte Essen wird erst mal geknipst, bevor es noch warm verzehrt werden kann; Kolleginnen unterbrechen mal eben das Gespräch mit Dir, weil die eingehende Whatsapp-Benachrichtigung interessanter erscheint und mein besonderes Highlight: Menschen laufen Dir halb ins Fahrrad oder in Dich als Fußgänger, weil sie den Blick nicht vom Smartphone heben können. So könnte ich noch unzählige andere typische Situationen aufzählen…
    Tja, was soll ich sagen…mal wieder Fluch und Segen der Technik in einem Gerät.

    Ich finde Deine Entscheidung super und bin gespannt, wie lang Du durchhältst. Und im Hinblick auf Deine Historie ist das Loslassen und nicht jederzeit erreichbar sein wollen/müssen vielleicht auch ein klein wenig Therapie 😉 Wie Du schreibst: früher ging das auch. Nur weil man mal nichts vom anderen hört, muss ja nicht automatisch was Schlimmes passiert sein.

    Ganz liebe Grüße!

    • Danke Hasi 😉
      Ich hab ja echt verhältnismäßig sehr sehr spät erst ein Smartphone gehabt und hätte darauf wohl wirklich besser verzichtet. Vieles ist mega praktisch aber nur dann, wenn man die Dinger auch echt nur dann nutzt, wenn man es wirklich brauch. Irgendwann verselbstständigt sich der Gebrauch einfach total und das bei nahezu jedem, der son Ding hat 😀

  • Hallo Sandra,

    ich finde es gut, dass du unsere Abhängigkeit bezüglich unserer Smartphones hinterfragt hast und dich diesem Experiment gestellt hast. Ich finde auch, dass durch die ganzen medialen Informationsquellen mittlerweile eine Flut von Daten auf uns zu kommen, die uns möglicherweise nicht nur aufklären, sondern teilweise auch unseren Fokus auf wirklich wichtige Dinge im Leben negativ beeinflussen. Genau aus diesem Grund probiere ich auch hin und wieder das Smartphone bei Seite zu legen und mich auf das Leben an sich zu konzentrieren. Besonders bei einem gepflegten Spaziergang macht sich der Unterschied mit und ohne Smartphone bemerkbar. Man achtet auf Kleinigkeiten die einem sonst schon lange nicht mehr auffallen. Sollte man definitiv des Öfteren mal machen! Darüberhinaus muss ich sagen, dass der Artikel wirklich schön und spannend geschrieben ist. Mit einem so schönen Schreibstil kann man auf viele wichtige Dinge aufmerksam machen. Also weiter so!

    LG

    Markus

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