Nicht das Alter zählt, sondern der Mensch

In den letzten Monaten ist mir etwas aufgefallen, dass mich wütend und nachdenklich stimmt.
Deshalb wird es mal wieder Zeit, für einen kleinen, kritischen Beitrag.

Als mein Opa starb und ich Menschen davon erzählte, war nach „Oh mein Beleid“
meist die erste Frage:
„Und? Wie alt ist er geworden?“.
Nachdem ich mit „siebenundsechzig“ antwortete, sagten ALLE:
„Ach, ohje, so jung! Das tut mir leid!“.
Schon damals fragte ich mich, wo eigentlich der Unterschied gelegen hätte, wenn ich gesagt hätte, dass er 97 war.

Kürzlich starb ja, wie Ihr wisst, eine weitere Person.
Und wieder die Frage „Und? Wie alt ist er geworden?“
Achtundvierzig.
„Ach, ohje, so jung! Das tut mir leid!“.

Heute ist meine Timeline voll mit „RIP Peaches Geldof“ und „Oh mein Gott, sie war so jung!“ Postings.
Mal abgesehen davon, dass ich keinen blassen Schimmer habe wer diese Frau ist oder war, stelle ich mir die Frage:
Wäre es für irgendjemanden einfacher gewesen, wenn sie in hohem Alter gestorben wäre?

Was zum Teufel spielt das für eine Rolle?
Ist es nicht scheiß egal WANN ein Mensch stirbt?
Ist es nicht IMMER ein furchtbares Schicksal für die Angehörigen, wenn jemand stirbt?
Ja, offenbar hatte sie zwei Kinder aber die hätte sie wohl auch in 60 Jahren noch gehabt.

Diese Oberflächlichkeit macht mich so dermaßen wütend.
Natürlich hat ein Kind noch das ganze Leben vor sich.
Und natürlich hat jemand, der in jüngeren Jahren stirbt (also laut dem Großteil der Menschheit dann wohl alles unter 85), ebenso ein langes Leben vor sich.
Aber ist nicht jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde eines jeden Lebens kostbar?
Und ist es nicht genauso traurig, wenn ein 97 jähriger Mensch stirbt, der vielleicht glücklich und gesund hätte 115 Jahre alt werden können?

Nicht das Alter zählt, sondern der Mensch und die Liebe.

Ach und wo wir gerade beim Thema sind:
Muss nun also alle 5 Minuten jeder seine unmoralische Meinung zum Tod dieser Frau preisgeben ala:
„War ja klar, Mutter Heroinabhängig, sie bestimmt auch. Die armen Kinder!“ oder
„Ja typisch size zero aber RIP trotzdem“.

Wo sind wir gelandet?

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Die Checkerin

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Kommt selten schnell auf den Punkt, trifft aber irgendwann trotzdem den Nagel auf den Kopf.

13 Kommentare

  • Ich glaube vielen Leuten geht es eher darum, dass es eher unnormal ist mit 25, 48 oder 67 zu sterben. Ich glaube wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass man locker flockig 85 werden kann – alles darunter erscheint uns dann als zu zeitig. Grade 25 z.B. ich glaube da hören viele von uns kurz ihre eigene Uhr ticken, denn oft sind wir nur wenig drunter oder schon kurz drüber und dann bemerken einige Menschen vielleicht einfach, wie schnell es vorbei sein kann. Vielleicht weil es vorher nie so präsent war…
    Aber natürlich hast du Recht, in dem Moment wo jemand stirbt tut es so oder so weh, egal ob jemand 85 oder 25 geworden ist. Mein Uroma ist vor vielen Jahren mit 82 gestorben und auch wenn man sich sagen kann, sie hat ihr Leben gelebt, einen wundervollen Mann und tolle Kinder gehabt, so tut es trotzdem auch heute noch weh zu wissen, dass man sie nie wieder sehen wird (andere Todesfälle kann ich nicht verzeichnen, deswegen muss die Uromi herhalten).

    Wie gesagt, ich glaube vielen Leuten wird bei so jungen Jahren einfach kurz bewusst wie flott es gehen knn und wie unerwartet, deswegen die Reaktionen…

    Liebe Grüße
    JuJu

    • Huhu Juju,

      das haste schön gesagt <3
      Ich hab im Eifer des Gefechts ein bisschen vergessen zu erwähnen, dass ich die Reaktionen manchmal nachvollziehen kann.
      War gerade einfach so aufgebracht, als ich diese dämlichen Postings zum Tod dieser "Peaches" las, dass ich den Beitrag einfach binnen 10 Minuten raus gehauen habe 😀
      Wie datt manchmal so bei mir ist.
      In jedem Fall zeigst auch Du mir eine andere Sicht auf diese dämlichen Fragen.
      Danke <3

  • Hallo,
    hm… ich denke die Frage ist natürlich, und umso jünger ein Mensch ist, desto unverständlicher ist meist deren Tod.
    Wenn ich heute mit 28 Jahren sterbe, dann habe ich soviel nicht erleben dürfen, soviel nicht sehen und hören dürfen…. Sterbe ich aber mit 67, wie dein Opa, dann habe ich vielleicht meine Enkel gesehen, habe viele glückliche Jahre mit meinen Liebsten verbracht….

    Ich denke das Alter spielt eine kleine Rolle… auch wenn es um jeden Menschen schade ist, der stirbt. Die Menschen die älter werden hatten eben mehr Zeit auf der Erde….

    Mein Vater zum Beispiel hat mit 70 mal gesagt: „Ich möchte 77 werden, das war schon immer mein Wunsch. Dann hab ich alles gesehen, und kann gehen!“. 2007 wurde er 77… und ist drei Tage später tot umgefallen. Was soll ich dazu sagen? Mein Mutter auf der anderen Seite ist ganz überraschend mit Anfang 40 gestorben.. da war ich 16… und plötzlich ist die Welt ganz anders. Sie hat nicht gesehen, wie ich meinen Abschluss mache, meinen ersten Freund nicht kennengelernt, und wird nicht auf meiner Hochzeit sein. Ja, ich hätte den beiden mehr Zeit gewünscht… Aber im Falle meines Vaters, der seit Jahren krank war und keine Lust mehr hatte zu Leben, war ich darauf vorbereitet, er hatte ein Alter, in dem man gehen darf, wenn einem das Leben zu schwer wird. Bei meiner Mutter habe ich es bis heute nicht verstanden, warum sie so früh gehen musste. Das Alter macht etwas aus.

    Wenn jemand diese Frage stellt, ist denke ich unterbewusst der Gedanke dabei: „Ach, so alt geworden, der hat wenigstens Zeit auf der Erde gehabt“ (Natürlich wäre auch mehr Zeit schöner gewesen). Und bei einem jungen Menschen: „Er konnte nie sein Leben leben…“

    Außerdem ist es bei jüngeren Leuten auch so, dass es meist unerwarteter kommt, und Eltern ihre Kinder begraben müssen, was definitiv ein Schicksal ist, dass in den Köpfen der Menschen nicht passt. Kinder haben ihre Eltern zu begraben, möglichst nachdem der Stammbaum fortgeführt wurde.

    Ja, es ist traurig, egal wie alt jemand geworden ist. Ja, jeder dieser Menschen hätte mehr Zeit verdient.. und doch scheint es „unfair“ das einige mehr Zeit bekommen haben als andere….

    Das sind allerdings meine ganz persönlichen Gedanken… und bei diesem sensiblen Thema gehen die Gedanken und Meinungen denke ich sehr stark auseinander.

    • Liebe Caro,

      danke für deinen tollen Kommentar.
      Deine Sicht auf die Dinge kann ich durchaus nachvollziehen, nachdem was du hier geschrieben hast.
      Ich sehe es sogar genau so, dass es besonders „unfair“ ist, wenn Menschen früh sterben müssen.

      Mir ging es aber mehr darum, dass man häufig den Eindruck hat, dass diese Frage nach dem Alter so furchtbar oberflächlich ist und einem suggerieren soll, dass es weniger schlimm gewesen wäre.
      Dieser Punkt ist der, der mich so nervt an der Sache.

      Alles andere kann ich natürlich nachvollziehen.
      Insbesondere dann, wenn man ein so krasses Beispiel wie in deinem Fall aufgezeigt bekommt.
      <3
      Danke, dass du einen Teil von Dir hier geteilt hast!

    • Dein Beitrag hat mich total berührt Falbala,

      genauso sehe ich es auch. Ich kann dem nichts hinzufügen und bedauere sehr, dass Deine Mama so früh gehen musste.

      Liebe Grüße von Marion

  • Ich glaube, der Gedanke „die Person hat bereits lange Zeit gelebt“ ist bei älteren Menschen, die verstorben sind, „tröstlicher“ als wenn ein junger Mensch stirbt. Natürlich ist es – gerade wenn uns Menschen nah standen oder wir sie mochten / sympathisch fanden – immer schwerer, sich zu verabschieden und man braucht vielleicht längere Zeit.
    Meine Oma war 69, als sie starb,und ich war 14. Der Gedanke daran macht mich heute noch schrecklich traurig, aber so ist das nun mal. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Man kann auch nach vielen Jahren noch trauern und eines geliebten Menschen gedenken.
    Ich hoffe, Du behältst Deinen Opa noch lange lange Zeit in Gedanken und im Herzen.

  • Hallo,
    auch ich habe den Tod von Peaches Geldof geteilt, weil es mich einfach geschockt hatte, dass eine junge Frau genau in meinem Alter stirbt und sogar zwei Kinder (ich habe nur eins) im Alter von 1 und 2 Jahren hinterlässt.
    Ich muss mir einfach vorstellen, wie schrecklich es für diese kleinen Menschen sein muss.
    Wenn ich sehe wie sehr meine Tochter an mir hängt und dann ist die Mama auf einmal für immer weg. Wie erlärt man das diesen kleinen Wesen?
    Es geht mir einfach Nahe, weil ich mich in diese Situation eindenken kann.

    Ich denke auch, dass die Meisten davon ausgehen, dass der Tod einfacher zu verarbeiten ist, wenn man davon ausgehen kann, dass ein älterer Mensch einfach viel erlebt hat.
    Sicher ist es genauso schwer einen Menschen mit 86 gehen zu lassen, aber die Sicherheit, dass er das Leben gelebt hat, kann es vielleicht einfacher machen.

    Aber egal wie alt, wenn ein Mensch stirbt ist es einfach schrecklich für die die zurück bleiben.

    Zu den Kommentaren:
    Sätze ala „Wenn SizeZero stirbt“ sind für mich unverständlich und man merkt, dass es manchen Menschen einfach an Respekt und Feingefühl fehlt.

    Liebe Grüße Steff

    • Huhu Steff,

      nahe geht einem das natürlich und das teilen selbst find ich auch gar nicht verwerflich.
      Das kann ja jeder so handhaben wie er mag.
      Was das Teilen angeht ging es mir wirklich nur um diese Respektlosigkeit mancher Leute 🙂

  • Ich glaube das eigentlich Tragische ist der jeweilige Umgang mit dem Tod. Die Frage nach „Schuld“ finde ich…ich kann es in Worte gar nicht fassen….Plakativstes Beispiel ist hier Michael Schumacher. Ruhm hin oder her….er war kurz davor zu sterben und wie er wieder im Leben stehen wird weiß kein Mensch…..was aber alle sofort interessiert hat war die Schuldfrage…unzählige Kommentare wie „selbst schuld wenn man abseits der Piste fährt“. Das ist meines Erachtens mehr als grausam, ganz egal ob es um Schumacher oder Müller, Meyer, Schulze geht.
    Oder auch die Tatsache wie lange einem Trauer gewährt wird…auch hier geht man immer nach der „Tragik“ des jeweiligen Todes, dabei kann man genauso lange trauern bei einem „normalen Versterben“ als auch bei einer plötzlich eintretenden Tragödie.
    Ich hatte vor ein paar Jahren eine Fehlgeburt….es war die 12. Woche! Hach Gott….die Sprüche waren der Knaller….von „ach da ist es ja noch nicht so schlimm“ bis „du kannst ja wieder schwanger werden“ und „sei froh das es jetzt passiert ist“ war alles dabei. Ich habe sehr lange getrauert – für mich alleine, weil meine Umwelt das nicht verstanden hätte und ich konnte wirklich erst abschließen als Luca sich 3 Jahre später ankündigte….

    Ich verstehe sehr gut was Du sagen willst! Alter und Ursache sind im Fall von Trauer komplett egal!

    • Uah diese Schuldsache, da könnte man ja fast schon wieder einen eigenen Artikel drüber schreiben.
      Da fehlen mir auch oft die Worte für.
      Das Gleiche gilt für die „Trauerphase“.
      Ich glaube vielen Menschen fehlt auch einfach die Empathie und überhaupt wohl der Horizont.

      Ich bin jedenfalls froh, dass du jetzt mit Luca einen für dich guten Abschluss finden konntest und danke Dir für deinen ehrlichen Kommentar <3
      Finds immer so schön, auch mal "so was" von Euch zu lesen.

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