Immer wieder Sonntags


Immer wieder Sonntags 208

|Gesehen| Wie neben all dem Chaos und der Panik ein Nährboden für neue Ideen, Kreativität, Nachhaltigkeit und Liebe entsteht
|Gehört| meine Playlists*
|Getan| gehustet, gefiebert, genossen, geweint, geärgert, gearbeitet, gedacht, getanzt, gekocht, geschrieben, gelernt, gewundert, gegangen
|Gefreut| über Abstand von den Medien
|Gelesen| Schuldgefühle*
|Gekauft| wieder nix
|Geliebt| Zuhause ankommen
|Geschrieben| das Rezept für mein Kirsch Tiramisu
|Geplant| Mittwoch sind wir eigentlich im Escape Room, mal schauen ob das noch statt findet.


Ausgeknocked

Gleich zu Beginn der Woche wurde das, was ich auf keinen Fall wollte, dann doch zur Wirklichkeit: ich hatte mich bei Marius angesteckt und lag die gesamte Woche über mit ner fiesen (aber harmlosen) Erkältung flach. Mimimi.

Zwei Tage habe ich mich körperlich elend gefühlt und Freitag kam dann meine Seele dazu. Wenn ich krank bin, werde ich echt zum Kind. Ich habe mir so sehr meine Mama und meinen Papa herbei gesehnt, die mir was für “kranke Kinder” mitbringen, mir auf der Couch das Krankenlager errichten, mir regelmäßig den Kopf streicheln und mich betüdeln. Krank sein war in meiner Kindheit einfach wirklich schön, weil ich so behütet war.

Zwar habe ich mit Marius den weltbesten Betüdler an meiner Seite, aber als Erwachsene wird man natürlich dennoch anders betüdelt. Freitag erreichte meine Stimmung also dann ihren Tiefpunkt.

Ich war angepisst, dass ich genau jetzt, wo der Workshop für das Wochenende anstand, krank war. Hatte u.a. Schiss davor, dass die Teilnehmerinnen denken ich habe Corona und einen riesen Bogen um mich machen. Eigentlich wollte ich nur im Bett bleiben und gleichzeitig auch gesund sein. Hach.

Nach ewigem hin und her, einem langen Krisengespräch mit Marius, einer kurzen weiteren Bestätigung einer Weggefährtin und der Rückversicherung beim Team habe ich mich dann Nachmittags zum Glück doch auf den Weg nach Duisburg gemacht.

Im Tempel der Venus

Ich war SAUmäßig aufgeregt, was mich bei dem Workshop des Rising Women Tribes erwarten würde. “Im Tempel der Venus” klang für mich (trotz der Ansage, dass es NICHT um Tantra geht) schon nach “Next Level”. Für mich war klar, dass ich an diesem Wochenende an meine Grenzen komme. Mir schwirrten Sachen wie das “Vulva Watching” durch den Kopf. “Im Tempel der Venus” klingt halt schon irgendwie so, dachte ich :-D

Mein größtes Learning in Bezug auf das Wochenende war aber: nicht so viel nachdenken. Ich verbringe (zu) viel Zeit damit, Dinge zu zerdenken, die am Ende ohnehin völlig anders statt finden. Das gilt für jegliche Sorgen, Ängste und generelle Gedanken.

Denn: Meine Ängste in Bezug auf den Workshop waren völlig unbegründet und meine Enttäuschung, entsprechend meiner Vorstellungen, relativ groß. Der Workshop war, im Sinne der Definition des Teams und auch in Bezug auf den Gesamtstatus unserer Gruppe, sehr stimmig und richtig aufgebaut. Ich hatte allerdings etwas völlig anderes erwartet.

Dadurch, dass ich in den letzten Jahren sehr viel Frauenarbeit, Körperarbeit, Selbstfürsorge & Co. erlebt, viele Grenzen überschritten und Veränderungen insgesamt in mein Leben gelassen habe, war der Workshop für mich persönlich eher wie eine wunderschöne, entspannende Rückenmassage. Etwas, mit dem man sich mal was Gutes tut, aber eben nicht die Herausforderung, auf die ich so Bock hatte.

Ich konnte für mich aber, neben wunderschönen sinnlichen Fotos, durchaus einige Erkenntnisse und schöne Erfahrungen mit neuen Menschen für mich mitnehmen, die ich natürlich sehr genossen habe. Es gibt also nichts zu bereuen :-)

Kakaozeremonie

Noch so was, das ich mir in meinem Kopf so wahnsinnig toll vorgestellt habe und das mich letzten Endes enttäuscht hat. Meine blühende Phantasie mal wieder. Kakaozeremonie. Das klingt in meinen Ohren so anmutig, andächtig, feierlich, ehrwürdig, zeremoniell.

Wie so oft hatte ich Videos gesehen (ich glaube dieses war mir besonders in Erinnerung geblieben) und dachte an eine Schokoladenmeditation, an sinnliche Geruchs-Geschmacks- und Entdeckungsreisen, schöne Klänge, Räucherungen und ein Kakao-Ritual mit Kakaobohnen.

Letzten Endes war es dann aber ( oh Wunder ;-) ) ganz anders als gedacht. Nach einer kurzen Einleitung in die Welt des Kakaos war jede von uns Frauen eine Stunde mit ihrer Tasse Rohkakao für sich alleine im Raum. Das Fieseste war: der Kakao hat furchtbar geschmeckt (für mich). Ich hab sicher die ersten 20 Minuten meiner Zeit damit verbracht, das Zeug irgendwie runter zu kriegen.

Danach verbrachte ich einige Minuten damit, darauf zu warten, das irgendwas passiert. Kakao soll in dieser Form psychoaktiv wirken. Um mich herum waren die Frauen bereits in tiefen Prozessen, während ich einfach nichts spürte. Bei mir hatte der Konsum keine (offensichtliche?) Wirkung.

Ich habe mir dann mein Journal geschnappt und einige Gedanken für mich aufgeschrieben. Vielleicht waren sie ja letzten Endes doch vom Kakao initiiert.

Die Kakaozeremonie würde ich dennoch nicht nochmal machen. Dafür war es für mich nicht zeremoniell und “psychoaktiv” genug und der Kakao zu unangenehm. Die anderen Frauen waren allerdings begeistert. Deshalb lasst euch von meiner Erfahrung nicht gleich abschrecken ;-)

Klarheit in anderen Bereichen

Das Workshop-Wochenende hat mir in dem ein oder anderen Bereich nochmal auf ganz andere Art und Weise Klarheit verschafft. Zum einen hatte ich völlig verdrängt, wie ungern ich woanders mit anderen (im Sinne von “beieinander”) schlafe. Das war für mich eine regelrechte Qual.

Ich bin einfach kein Mensch für Gemeinschaftsklos, Gemeinschaftsduschen, Gemeinschaftszimmer und Gemeinschaftsessen. Mal für einen Tag oder ein paar Stunden, aber nicht für länger. Ich fühle da so dermaßen unwohl, egal wie schön und heimelig alles ist und wie nett die Menschen auch sind (was an diesem Wochenende wirklich SEHR schön und nett und heimelig war, nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht).

Das Highlight war für mich dann mein Zimmer, das nur über ein Gemeinschaftsklo erreichbar war. Getrennt durch eine dünne, nicht abschließbare Holztüre. Mein persönlicher Horror :-D Ich schlafe auswärts und ohne Marius eh schon miserabel, aber dieses Wochenende habe ich so wenig geschlafen wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Mir ist klar geworden, dass ich nicht mehr irgendwo auswärts, außerhalb eines Hotels oder eigenen Ferienhauses, schlafen möchte. Ich finde es einfach gruselig.

Außerdem ist mir klar geworden, dass es mit dieser Art von Workshops jetzt vorerst reicht. Ich habe gerade nicht das Gefühl, dass ich durch sie noch weiter wachsen kann, so wie es bisher der Fall war. Die für mich aktuell wichtigsten Erfahrungen in diesen Bereichen habe ich gemacht. Das nächste, das mich herausfordern würde, wäre ein Tantra Workshop – das ist aber nichts, das auf meiner persönlichen To-Do-Liste steht.

Weitere Erkenntnisse

Spannend war für mich auch nochmal zu sehen, dass ich bei so intensiveren Gruppen-Treffen “Probleme” habe, mich thematisch einzufinden. Ich dachte oft, es liegt möglicherweise daran, dass ich mich so verändert habe, aus vielen Beziehungen heraus gewachsen bin und da einfach noch das richtige Feld finden muss. Die Frauen an diesem Wochenende waren aber tendenziell näher an meiner Philosophie und meinem “Weltdenken”, als viele andere. Aber die Themen, die bei Frauen irgendwie angesagt sind, betreffen und interessieren mich persönlich absolut nicht.

In unserem Fall ging es an diesem Wochenende vor allem um Kinder und eher negative Erfahrungen mit Männern. Ich bringe mich dann zwar hier und da ein und habe durchaus meinen Spaß oder die ein oder andere nette Unterhaltung, aber auf längere Sicht merke ich häufig, dass es mich thematisch selten anspricht und ich mich recht zügig gedanklich aus dem Gespräch verabschiede.

Früher habe ich mich regelrecht gezwungen, dennoch weiter anwesend zu bleiben “weil sich das so gehört”. Mittlerweile habe ich aber kein Problem damit, diese Unterhaltungen irgendwann für mich zu beenden und z.B. stattdessen einfach ne Stunde spazieren zu gehen oder eben früher als alle anderen ins Bett zu gehen (Fun Fact: laut meiner App schlafe ich besser als 96% der Gesellschaft; da soll nochmal jemand lachen, dass ich häufig abends um 21 Uhr ins Bett gehe).

Nach so typischen Frauengesprächen merke ich jedenfalls wieder, dass ich a) immer und immer und immer wieder froh bin, mich gegen Kinder entschieden zu haben und b) offensichtlich (und bei Treffen mit Frauen immer wieder bestätigt) WIRKLICH den besten Mann der Welt an meiner Seite habe. Die typischen Mann & Frau Probleme, die oft besprochen werden, gibt es bei uns schlicht und ergreifend nicht. Das macht mich sehr glücklich und dankbar.

In Zeiten wie diesen

Ich war in dieser Woche nur sehr selten überhaupt online und das aus gutem Grund. Die seelische Lage der Menschen empfinde ich als äußerst angespannt. Ein falsches Wort, eine falsche Handlung und die Krähen picken sich gegenseitig die Augen aus.

Was ich alleine bei einer Freundin auf der Facebookseite erlebt habe, weil sie eine Betreuung für maximal acht Kinder für 45€ pro Tag angeboten hat. Da wird ihr einfach ALLES vorgeworfen, was den Leuten halt so an negativem Shit einfällt. Profitgier, Respektlosigkeit, Dreistigkeit, Uninformiertheit, Naivität! Aus der eigenen Unzulänglichkeit und Unzufriedenheit heraus, muss man nach vorne preschen und erst mal andere Leute für irgendwas verantwortlich machen. Und wenn es nur der Ärger darüber ist, dass die Idee eines anderen Anklang findet.

Überall herrscht Panik. Die Leute machen sich gegenseitig kirre. Schicken sich irgendwelche Videos und Sprachnachrichten, von denen sie selber sagen “Ich weiß gar nicht genau worum es geht und ob das echt ist, aber die Frau ist aus Italien. Die hat 12 Minuten oder so gesprochen über die schlimme Situation und dass wir das ernst nehmen müssen!”. Aha.

Genau aus diesem Grund meide ich all das sehr bewusst und konsequent. Ich kann es nicht ertragen, wie viel Blödsinn die Menschen gerade von sich geben.

Das Beste, das ich persönlich dazu gelesen habe, ist DIESER Artikel.

“[…]Was wäre unsere Wirklichkeit ohne das Netz? Eine mögliche Antwort: Wir würden sehr viel weniger sehen ohne dieses Medium der radikalen Differenzerfahrung. Es gäbe keine kleinen, lustigen TikTok-Videos, in denen Menschen ihr Erschrecken vor dem Virus wegtanzen, keine großartigen Ad-hoc-Podcasts von Virologen, keine permanent aktualisierten Statistiken, keine interaktiven Karten und Kurven, die vom Fortschreiten der Pandemie künden. Man würde von den Experten, den Journalisten, den Verschwörungstheoretikern und Desinformationsspezialisten, den Spaß- und den Panikmachern, den Wundermittelanbietern und der verzweifelten Suche des US-Präsidenten nach einem neuen Spin (“ein ausländischer Virus”) einfach sehr viel weniger mitbekommen.

Wir sind, auf eine Formel gebracht, in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit eingetreten, leiden an einer Überdosis Weltgeschehen. Alles und alle sind jetzt gleichzeitig da, sichtbar im Weltinnenraum der Kommunikation, erlebbar auf ein und demselben Kanal, vielleicht nur einen Klick voneinander entfernt. Hass gegen Asiaten. Und Kampf gegen diesen Hass. Totale Fiktion. Und nüchterne Faktizität. Grelle Interpretationen. Das befreiende Lachen. Und die Beschwörung eines apokalyptischen Infernos. Wir erleben das Ende der Idylle in einem einzigen Rausch geteilter Information, dem sich niemand entziehen kann, weil “die kollektiven Nervenleitungen unseres Planeten eine einzige blubbernde, diffuse, quasi-fühlende, rund um die Uhr aktive Meta-Community bilden”, wie der Schriftsteller Douglas Coupland einmal schrieb. Das Ineinanderfließen des privaten und des öffentlichen Bewusstseins – Signatur des digitalen Zeitalters – wird gerade in diesen Tagen und Wochen zur alltäglichen Erfahrung. Und das bedeutet Stress, weil der Filterclash, die Sofort-Konfrontation mit immer anderen Ansichten und das Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten, unvermeidlich geworden ist.[…]”

aus “Panik, Live auf Sendung” von Bernhard Pörksen auf Zeit.de

Ohne bestreiten zu wollen, dass Corona für einige Menschen eine finanzelle/gesundheitliche/existentielle Gefahr darstellt und dass dieses Thema ernst genommen werden muss:

Ich ganz persönlich sehe die aktuelle Situation als Chance für die Menschheit, um aufzuwachen und zu lernen. Zu checken, dass diese Krankheiten nicht geografischer oder demografischer Ursache sind, sondern sie allesamt wegen UNS entstehen. Wir können noch so viel Klopapier, Mehl, Seife und Pasta hamstern, wenn wir am Ende nichts daraus lernen. Denn solche Pandemien wird es dann in jedem Fall wieder geben.

Ich habe einen (leider nur sehr kleinen) Funken Hoffnung, dass sich was bewegt. Vielleicht auch in Bezug auf Themen wie Digitalisierung, Grundeinkommen, Schulden, Hygienestandards (…). Es gibt gerade so viele Möglichkeiten. Panik ist aus meiner Sicht aber die Möglichkeit, die am wenigsten hilfreich ist.


Kommt gut in die neue Woche und lasst euch nicht verrückt machen! Ich freue mich jetzt auf mein eigenes Bett und eine Nacht, in der ich wieder durchschlafen kann :-)

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Über den Autor

Die Checkerin

[Sinnn­flu­en­cerin]
Person, die [in sozialen Netzwerken] Menschen mit großer Vorliebe zum Nachdenken anregt und mit unterschiedlichen Themen inspiriert

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