Immer wieder Sonntags (76)

Diese Woche war scheiße. Eigentlich wollte ich Immer wieder Sonntags ausfallen lassen, so scheiße war die Woche und vor allem der Tag heute (also Samstag). Über den Großteil der Scheiße kann ich nicht mal schreiben weil es hier nicht hin gehören würde. Am schlimmsten getroffen hat mich aber das Schicksal von Mamamulle. Wie sehr kann ich gar nicht in Worte fassen. Ihr Mann ist gestorben. 27 Jahre alt. Einfach tot. Kurz vor der geplanten Hochzeit. Sie wollten ein zweites Mal heiraten. Zurück bleibt die Familie. Maggy, mit ihren zwei Töchtern. Verwandte. Freunde. Bekannte. Man möchte schreien. Findet gar keine richtigen Worte.

Dieses Schicksal hat mich unwahrscheinlich getroffen, so sehr an unsere eigene Geschichte erinnert, dass ich die Welle der Nächstenliebe und die immer wiederkehrende Konfrontation mit diesem Thema nicht mehr ertragen konnte. Alleine der Hashtag #einlichtfürtim hat mittlerweile über 600 Beiträge. Es laufen mehrere tolle Spendenaktionen (Hier Hier und Hier könnt Ihr helfen, wenn Ihr mögt). Meine Timeline war voll. Eine soooo schöne Sache, dass Instagram auch mal für was gut sein kann aber für mich war es kaum noch auszuhalten.

Nicht die Trauer und all die Liebe, sondern vor allem auch die Gaffer und die Idioten, die mir oder anderen Nachrichten schreiben, um sich über die Spendenaktionen aufzuregen („Heute sind tausende gestorben, wie lächerlich!“), oder um zu fragen wie er gestorben ist und warum ihre Geschwister noch nichts dazu bei Instagram gepostet haben. Ernsthaft! Da wird man wortwörtlich gefragt: „Ja aber was ist denn passiert? Findet die Hochzeit nicht statt? Ist er tot? Wieso hat ihre eine Schwester Froileinfuchs noch nichts dazu geschrieben aber ihre andere Schwester DieWeltenseglerin schon?“. Da ist spätestens Schluss bei mir. Und bevor ich ausflippe und Dinge sage, die ich zwar genau so meine aber nicht sagen sollte, habe ich mein Instagramprofil vorerst deaktiviert. Bis ich für mich das Gefühl habe, mit diesem Thema besser umgehen zu können und auch wieder gefestigt genug zu sein.

Wo wir gerade dabei sind: es gab in letzter Zeit einige von Euch, die mich gefragt haben oder die hier kommentiert haben, um meine Trauer zu „kommentieren“. Wieso ich immer noch von meinem Vater Träume, wieso der Tod „immer noch“ ein Thema für mich ist. Dass es sie erschreckt, beschäftigt, wundert oder gar nervt (letzteres hat mich dazu bewogen das Thema hier anzusprechen, nicht dass sich jemand von Euch zu Unrecht angegriffen fühlt). Hinzu kommen Menschen, die im realen Leben unsere Liebe zu meinem Vater in Frage stellen weil wir z.B. lachen können. Weil wir weiter leben. Weil was auch immer nicht in ihr abgefucktes Weltbild passt. Mich macht das alles soooo wütend, dass ich manchmal die gesamte Welt löschen würde.

Wer zur Hölle, verdamm noch mal, kann und darf sich hier oder sonst wo eigentlich überhaupt ein Urteil erlauben? Etwa wildfremde Menschen, die glauben, es sei legitim, weil ich hier immerhin „öffentlich“ einen Bruchteil (!) meiner Trauer zum Thema mache und deshalb damit rechnen muss, dass jemand was dazu zu sagen hat? Oder Menschen, die im wahren Leben für eine Stunde auf der Beerdigung meines Vaters waren und uns irgendwann mal dreist in den Arsch gekrochen sind, um uns im Anschluss das Messer in den Rücken zu rammen? Wo sind eigentlich die Leute, die gesagt haben, dass sie für uns da sind? All diese Scheinheiligen, die man teilweise für Freunde hielt? „Meldet Euch, wir sind für Euch da“ ist einfach eine von vielen Floskeln. Wer wirklich helfen möchte, der macht das einfach. Der kommt vorbei. Der ist da, selbst wenn man ihn vielleicht nicht braucht.

Wer ist jetzt da? Wer ist da, um uns JETZT zu helfen? Wer interessiert sich ernsthaft dafür, wie es uns drei Jahre nach dem Tod geht. Von denen, die vorgaben, es würde sie kümmern? Ich kann Euch sagen: es sind kaum noch Menschen da. Der Großteil findet, dass es nach drei Jahren mit der Trauer doch echt mal langsam reicht. Dass es seltsam ist, wenn man heute noch täglich daran denkt, damit zu kämpfen hat, manchmal weint und verzweifelt ist. Von denen, die es seltsam finden, hat meistens niemand einen Hauch von Ahnung davon, wie es sich anfühlt und was man durchmacht. Aber hauptsache ungefragt die eigene Meinung dazu breit treten. Das liebe ich!

Auch sonst war die Woche wirklich doof, wenn auch nicht so doof wie der Samstag heute. Ich hab seit Freitag höllische Zahnschmerzen, war schon beim Zahnarzt und will vermeiden, dass meine Brücke runter muss, weshalb wir erst mal den Zahn entlastet haben und jetzt der Dinge harren die da kommen. Da ich aber ohne Schmerzmittel kaum den Tag durchhalte, gehe ich davon aus, dass die Brücke Montag runter genommen werden muss.

Die letzten Wochen ist wahnsinnig viel liegen geblieben. Es warten noch sechs Artikel darauf fertig gestellt zu werden. Meine sonstige Arbeit hab ich gar nicht fertig bekommen. Die Wohnung wurde seit Ewigkeiten nicht mehr sauber gemacht. Nächste Woche habe ich nen Auftritt auf ner Hochzeit, für den ich noch keine Sekunde geprobt habe. Meine Mama bräuchte unsere Hilfe. Mein Bruder mal ne Umarmung. Marius mal ne entspannte Freundin. Momentan ist einfach son bisschen der Wurm drin. Aber die Wogen glätten sich auch wieder. Auf und Abs gehören ja dazu. Ist nix, weshalb man sich Sorgen um mich machen müsste.

Ich hab ein mal mehr gelernt, dass das Leben manchmal echt mies sein kann und dass wir jeden Tag schätzen sollten. Jeden verfluchten Tag. Weil es jeder Zeit jeden von uns „treffen“ kann. Und dass wir unser Leben nicht nach anderen ausrichten sollten, sondern nach dem was wir wollen. Was uns wichtig ist. Wovon wir träumen.

|Gesehen|dass das Schicksal ein mieser Verräter ist
|Gehört| Nix
|Getan| gearbeitet, versucht Artikel vorzuschreiben, Fotos gemacht, Mama geholfen, geärgert, getrauert
|Gegessen| kaum was von dem, was eigentlich bei „Was essen wir heute“ gelistet war. Hab nur wenig Zeit zum Kochen gehabt leider
|Gedacht| dass das Schicksal ein mieser Verräter ist
|Gefreut| über so viel Nächstenliebe, über etwas Sonne, über Marius
|Gelesen|weiter Zen im Alltag*
|Geärgert| Menschen. Echt. Einfach nur Menschen.
|Gekauft| ohje. Es war Prime Day, hier kommt unsere Liste 😀 Audible Abo*, Amazon Dash Button*, den SodaStream Easy*, leckeren Oban*, endlich neue Kopfhörer Ohrkissen* für meine Philips Kopfhörer, das Xiaomi Mi Band 2 Fitnessarmband*, die Xiaomi PowerBank* mit 20000 mAh und für Marius nen 24er Tray Monster Energy*:-D
|Geliebt| den neuen SodaStreamer, weil unserer echt nach 15 Jahren am Ende war und völlig durchgeschimmelt von Innen, in Marius Armen liegen
|Geklickt|Nichts
|Geschrieben| über die Braun Silk-épil Bibi Edition und darüber, was wir nächste Woche essen.
|Geplant| Aufgeschobenes abarbeiten und endlich lernen, Mitmenschen zu umgehen ( 😀 )

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Über den Autor

Die Checkerin

Frohnatur! - Freak! - Philosophin!
Kommt selten schnell auf den Punkt, trifft aber irgendwann trotzdem den Nagel auf den Kopf.

18 Kommentare

  • Fühl dich einfach mal gedrückt. Trauern darf man, solang wie man das braucht und will und soll und überhaupt geht es niemanden was an. Aber ich geb dir recht. Menschen sind kacke. Die meisten davon zumindest.

  • Ich könnte gerade nur heulen. Zum einen natürlich aus Mit-Traurigkeit mit der Mullefamilie, aber auch vor Wut vor den ganzen Bratzen, die es wagen, anderen was zum Thema Trauer vorzuschreiben. Ich könnte platzen vor Wut, weil ich selber vieles von dem, was du aufgezählt hast, miterlebt habe. Von: „Sollte doch eigtl jeder wissen, dass die Eltern irgendwann sterben, was jetzt das Theater soll“, über: „Ich bin immer für dich da(außer du hast schon wieder einen Hänger und willst eigtl nur heulen/jammern)“ bis zu: „Jetzt reiß dich mal zusammen und lass es endlich mal gut sein“. Aber wenn man es dann wagt, an Jahres/Todes/Geburtstagen nicht völlig betroffen zu sein, sondern einen guten Tag zu haben, zu lachen, sich zu freuen- dann ist man die gefühlskalte Bitch. Kein Mensch muss sich rechtfertigen, wie und wie lange er trauert. Manche können es Jahre verdrängen und dann Bämm: bricht die Trauer durch ein anderes Erlebnis auf. Ich bete für die Familie, dass sie die Kraft haben, das alles durchzustehen. Und ich schäme mich zutiefst für die Kommentare, in denen nähere Angaben zu den Umständen etc gefordert werden, der Spendenaufruf in Frage gestellt wird oder whataboutism vom Feinsten betrieben wird. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich die Familie bei solchen Kommentaren fühlen muss…Hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du plötzlich weg warst, habe mir aber schon sowas gedacht…

    • Ja Yara, je mehr man sich damit beschäftigt, desto wütender wird man. Ich hoffe inständig, dass Maggy + Familie erst mal nur die Nächstenliebe zu spüren bekommen und von den Idioten weites gehend verschont bleiben.

  • Ich verstehe dich!

    Was ich nicht verstehe sind Menschen, die so übergriffig sind und meinen, dass sie dich besser kennen, als du dich selbst!

    • Genau das verstehe ich auch immer nicht ❤️ Ist aber glaube ich ein Phänomen unserer Zeit und etwas, mit dem ich umgehen lernen muss, wenn ich mich hier so „öffentlich präsentiere“ :-/

  • Seit gestern bin ich auch ganz demütig und lese immer wieder Beiträge dazu, heute Morgen, habe ich mein Instagram gar nicht mehr geöffnet, weil mich der Gedanke an die Mulle Familie so traurig macht.
    Ich habe mich bei Instagram schon gewundert, wo du bist. Ich kann deine Beweggründe, dein Profil zu deaktivieren, vollkommen verstehen. Gestern habe ich vereinzelt auch solche Nachrichten von wildfremden Leuten bekommen, obwohl ich nur unter zwei Beiträgen mein Beileid und Mitgefühl bekundet hab und ein winziges Profil habe… Menschen sind einfach furchtbar.
    Noch dazu kann niemand einem vorschreiben, wie lange man zu trauern hat, wie lange es angemessen erscheint, zu trauern. WTF?!
    Diese Floskeln von wegen „Sag einfach Bescheid, wenn was ist.“ sind eh nur dazu da, um es angenehmer für die Außenstehenden zu machen. So können sie ja immer noch sagen, dass sie ihre Hilfe angeboten haben, man hätte ja nur was sagen müssen. Pff.
    So schlimm solche Situationen sind, umso dankbarer bin ich dafür, dass am Ende daraus hervorgeht, auf wen du dich wirklich verlassen kannst. Wer das wirklich mit dir durchsteht. Wem es ganz gleichgültig ist, ob du 15 Jahre oder 2 Monate trauerst. Das sind die wichtigen Menschen. ❤️
    Danke für deinen Text Sandra, ich wünsche dir eine schöne und vor allem bessere Woche.

  • Hab dich schon vermisst auf Insta, dachte mir aber schon, dass du mal ne Pause brauchst.
    Das Schicksal von Mamamulle hat mich auch ziemlich mitgenommen, obwohl ich leider fast täglich in der Arbeit mit sowas konfrontiert bin. Aber auch wenn jeden Tag viele Leute sterben, macht das den einzelnen Tod nicht weniger schlimm. Und jeder, der sich abfällig über die Spendenaktion äußert oder sich in Spekulationen verstrickt, war vermutlich noch nie selbst in so einer Situation. Punkt. Denn dann hätte man doch ein wenig mehr Verständnis, denke ich.
    Oder sie sind einfach Gefühlstrampel und checken nicht, wie sehr gewisse Kommentare oft verletzen können.
    Dass man manches einfach mal unkommentiert lassen kann, vorallem, wenn man nichts Nettes zu sagen hat. Einfach mal die Klappe halten.
    In diesem Sinne, bis bald, wir warten auf dich auf Insta! 🙂

  • Diese Sensationsgeilen Menschen… Das ärgert mich dermaßen. Als ob das alles nicht schlimm genug ist. Muss man doch nicht alles bis ins kleinste Detail erfahren. Bei sowas kotzen mich die Menschen einfach nur an. 😑🙄

    Ich kann deine Trauer. Die Wut, den Ärger über die Menschen die meinen sich ein Urteil darüber erlauben zu können verstehen. Sogar sehr gut.
    Es geht mir selbst nach den Jahren immer noch so mit meinen Eltern. Es gibt Dinge, Situationen, Gefühle, what ever, die einen dermaßen triggern können das man in Tränen ausbricht oder dergleichen.

    Und es ist fast keiner mehr da von den Menschen, die meinten, sie sind da! Das ist einfach nur daher gesagt von den meisten Menschen. Traurig aber leider wahr. 😏

    Gute Besserung für die Zähne. Das es bald ein Ende hat. Das sind ja mit die nervigsten Schmerzen. ✌🍀

  • ❤️ Sehe das genauso wie drprimel ❤️ Einfach mal die Finger von der Tastatur nehmen wenn man in solchen Momenten nichts Nettes zu sagen hat.
    Und überhaupt bin ich immer erstaunt, wie schnell Menschen über die Gefühle von anderen urteilen. Wenn man einen geliebten Menschen verliert, heilt meiner Meinung nach die Zeit einen Scheiß – egal wie viel Jahre vergangen sind. Sobald man in Gedanken die wunderbaren Momente aufleben lässt gesellen sich zu dem Lächeln dicke Tränen. Und warum auch nicht? Für uns zählt immer das hier und jetzt – und es ist beschissen wenn der Mensch eben nicht mehr dabei ist.
    Ich schweife ab..
    Drücke dir die Daumen für die Zahnsache 😫 Und warte auch ganz still auf dich bei Instagram.

  • Liebe Sandra, fühl dich gedrückt! Nimm dir Zeit! Du weißt am besten was du brauchst und das sollte man respektieren.
    Mich hat das Schicksal von mamamulle auch unbekannterweise sehr berührt und ich Frage mich wie man ihr, abgesehen von Geldspenden, die ich schon getätigt habe, diese furchtbare Zeit erleichtern könnte. Man möchte ihr und ihrer Familie einfach ein paar Sorgen nehmen, die jetzt sicher auftreteten. Sollte ich hier irgendwie helfen können bin ich über insta oder email zu erreichen.
    ♡lichst
    Simone

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