Aus dem Leben


Kranke Pflege – Unsere Geschichte (+ Gewinnspiel)

Vorweg möchte ich betonen, dass es sich hier ausschließlich um persönliche Erfahrungen handelt. Ich möchte die Arbeit der vielen engagierten Pflegekräfte in Deutschland keinesfalls herabwürdigen und ich weiß, dass es in diesem Bereich viele Menschen gibt, die wirklich Großartiges leisten. Insgesamt bin ich ohnehin der Meinung, dass nicht die Pflegekräfte die Ursache des Problems sind, sondern die Politik und die Gesetze in Deutschland.

Mein Artikel fokussiert sich auf unsere persönlichen Erfahrungen bezüglich der Schattenseiten der Pflege. ABER, und das kann ich zu Beginn nicht oft genug betonen: ich habe auch Positives erlebt und das findet hier am Ende seinen Platz. Ich freue mich über einen regen Austausch und Eure Erfahrungen. Lasst uns dabei aber bitte, trotz aller Emotionalität, sachlich bleiben.


Unsere persönlichen Erfahrungen

Seit unserem 24. Lebensjahr gehören Pflegefälle für meinen Freund und mich im engsten Familienkreis und die damit verbundenen Herausforderungen zu unserem Alltag. Gerade zu Beginn hatten wir täglich mit Ämtern, Pflegepersonal, Ärzten, Psychiatern, Neurologen und Heimleitern zu tun. Oft fühlten wir uns hilflos, unverstanden und alleine gelassen. Anfänglich glaubten wir noch an bedauerliche Einzelfälle. Relativ schnell wurde klar: die Misstände in der Pflege, die oft unwürdigen Unterbringungen und die Tatsache, dass sich niemand verantwortlich fühlt, geschweige denn in akuten Notsituationen weiterhelfen kann, sind leider trauriger Alltag. Ein Thema, das keinen Aufschub mehr duldet und letztlich jeden betrifft (ob wir wollen oder nicht). 

Die Erfahrungen mit meiner Schwiegermutter

In Kontakt gekommen mit diesen Thematiken sind wir das erste Mal 2010, als meine Schwiegermutter mit nur 63 Jahren (pünktlich zum Eintritt ihrer Rente) so schwer an einer frontotemporalen Demenz erkrankte, dass sie zum Pflegefall wurde. Ihr Sprachzentrum wurde mit als Erstes angegriffen, so dass sie sich, übrigens bei vollem Bewusstsein, nicht mehr artikulieren konnte.

Als pflegender Angehöriger wird man ziemlich allein gelassen.

Wir waren damals beide 24 Jahre alt und hatten von dem, was auf uns bzw. in diesem Fall insbesondere auf meinen Freund Marius zu kam, absolut keinen blassen Schimmer. Als pflegender Angehöriger wird man ziemlich allein gelassen. Statt einer kompetenten Anlaufstelle, die die wichtigsten Fragen beantworten kann, trafen wir auf überforderte und schlecht informierte Behörden, Ämter, Kassen und Pflegeheimleitungen und Pfleger. Man könnte meinen, die Pflege sei in Deutschland ein neues Thema. Schlussendlich mussten wir uns, aus der Not heraus, alles wichtige Wissen selbst aneignen (von rechtlichen Begebenheiten, über die Pflegevollmachten, hin zur richtigen Unterbringung, finanzieller Hilfen usw.).

So hilflos dabei zusehen zu müssen, wie die eigene Mutter leidet – das wünscht man niemandem.

Nach rund einem Jahr, indem wir wöchentlich für Besuche im Heim von Wuppertal nach Münster pendelten, bemerkten wir massive Probleme bei der Versorgung meiner Schwiegermutter. Damals lebte sie noch in einer Pflegeeinrichtung in Münster. Bei unseren Besuchen war sie häufig im Bett mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln fixiert, voll gekotet/uriniert und völlig dehydriert. Sie schrie ununterbrochen und weinte. Wie fürchterlich belastend die Situation insbesondere für meinen Freund Marius war, brauche ich sicher nicht erwähnen. So hilflos dabei zusehen zu müssen, wie die eigene Mutter leidet – das wünscht man niemandem.

Es häuften sich zudem Situationen, in denen wir den Umgang mit ihr als herzlos, bis hin zu unseriös und inkompetent erlebten . So fielen in unserer Gegenwart Sätze wie „Die hat hier wieder alles vollgepinkelt – meine Güte“ oder „Die kriegt sowieso nichts mehr mit, hat ja nur noch einen Hirnlappen.“, woraufhin meine Schwiegermutter jedes Mal bitterlich weinte – so viel zum Thema „nicht mitkriegen“.

Wir wussten nicht, was normal ist, was erlaubt ist und was nicht (z.B. Fixierungen ohne richterlichen Beschluss bzw. akute Gefährdung) und glaubten deshalb was man uns erzählte.

Wir suchten das Gespräch mit dem Pflegepersonal und der Heimleitung, baten mehrfach darum, dass in der Gegenwart meiner Schwiegermutter nicht mehr in dieser Form über ihren Krankheitszustand geredet wird. Auszüge aus unseren aufgezeichneten Gesprächen von damals:
„Ja, naja. Morgens gibt es halt von ihr viel Geschrei und Gejammer. Immer wieder, wie soll ich mich ausdrücken, äh dieses schreien, sag ich jetzt einfach mal. Tut mir ja auch leid und die Frau selber äh tut mir auch leid, aber das ist halt die Krankheit. Da kann man nichts machen, vor allem dann wenn man hört was die Ärzte dann dazu sagen. Das muss man halt aushalten, auch wenn wir sie nicht füttern oder ihr was zu trinken geben können. Sie bekommt nichts mehr mit, das ist doch gut.“

Wir wussten nicht, was normal ist, was erlaubt ist und was nicht (z.B. Fixierungen ohne richterlichen Beschluss bzw. akute Gefährdung), merkten aber, dass da gewaltig was schief läuft. So wurde sie immer wieder in die Psychiatrie eingewiesen. Zuletzt Heiligabend 2011, als wir gerade auf dem Weg zu meiner Schwiegermutter waren und mein Freund vom städtischen Einweiser telefonisch, über die Einweisung in die Psychiatrie durch das Altersheim, in Kenntnis gesetzt wurde.

Zwei Mitarbeiter der Psychiatrie waren es, die uns (zum Glück!) auf die Missstände der Pflege aufmerksam machten und uns vorsichtig mitteilten, dass sie das Heim als völlig überfordert wahrnehmen. Zudem sagte man uns, dass der verabreichte Medikamentencocktail nicht nur fragwürdig in der Zusammensetzung sei, sondern auf Nachfrage im Heim dafür sorgen sollte, dass meine Schwiegermutter in der Pflegeeinrichtung nicht so viele „Probleme bei der Pflege“ macht. Sie wiesen uns auch darauf hin, dass sie bei ihrer Ankunft massiv dehydriert war und dass die Psychiatrie die genannten Probleme bei der Pflege bzw. generellen Betreuung meiner Schwiegermutter nicht nachvollziehen kann.

Wir suchten erneut das Gespräch mit der Pflegeleitung, die alles abstritt. Daraufhin schalteten wir die Heimaufsicht, das Sozialamt, das Gericht und einige andere Institutionen ein. Die Quintessenz: alle sind mit der Situation offensichtlich heillos überfordert und (O-Ton) „Da können wir leider nichts machen, das ist für uns ja nicht nachzuvollziehen.“.

Es gab keinerlei guten Willen, die Situation für meine Schwiegermutter zu verbessern (im Gegenteil wurde IHR die Schuld für ihre Situation gegeben weil sie angeblich so aggressiv war). Hilfe und Unterstützung oder wenigstens ein offenes Ohr bekamen wir nirgendwo. Auch nicht, als es um den Umzug von Münster nach Wuppertal in eine andere Einrichtung ging.

Marius und ich kämpften, bis auf die Unterstützung einer Freundin der Familie und der Schwester seiner Mutter, komplett alleine.

Von Seiten des Sozialamtes und der Heimaufsicht hieß es, dass der unumgängliche Umzug in eine andere Pflegeeinrichtung zu unserem Privatvergnügen gehört und deshalb vollständig selbst organisiert und finanziert werden müsse. Marius und ich kämpften, bis auf die Unterstützung einer Freundin der Familie und der Schwester seiner Mutter, komplett alleine. Unsere Kraft, das Ganze vor Gericht und/oder an die Öffentlichkeit zu bringen oder irgendwo weiter nach Hilfe zu suchen, reichte damals nicht aus. Im Fokus stand das Wohlergehen meiner Schwiegermutter und so organisierten und finanzierten wir den Umzug von Münster nach Wuppertal selbst.

Im neuen Pflegeheim angekommen, war es wie eine Spontanheilung: als wir, einige Stunden nach meiner Schwiegermutter in der Einrichtung ankamen, stand sie im Flur und lächelte uns an.

Im neuen Pflegeheim angekommen, war es wie eine Spontanheilung: als wir, einige Stunden nach meiner Schwiegermutter in der Einrichtung ankamen, stand sie im Flur und lächelte uns an. Das erste Mal seit Monaten, konnte sie wieder gehen, stehen und sogar einzelne Worte sprechen. Das Personal hier sagte uns, dass ihr Zustand, bei der Fülle und Art an Medikamenten, sogar noch erstaunlich gut war. Dass sie nicht gehen konnte und gar nicht mehr sprach einzig und allein eine Folge der Medikamentengabe und nicht, wie uns immer erzählt wurde, der natürliche Verlauf der Krankheit. Für uns war das ein riesen Schock und gleichzeitig auch eine große Erleichterung und Bestätigung dafür, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Snoozle Raum in der neuen Einrichtung

Von den Erfahrungen, die wir mit Demenzpatienten in völlig überforderten Krankenhäusern gemacht haben, erzähle ich an dieser Stelle nichts, weil ich den Rahmen vollends sprengen würde. Aber auch hier gibt es ein riesen großes Defizit. Nicht nur, weil das Personal dahingehend kaum geschult ist, sondern auch weil der Pflegeaufwand, den Demenzpatienten in einem Krankenhaus verursachen, im normalen Geschäftsbetrieb vom Personal nicht bewerkstelligt werden kann. Es wäre so wichtig, da geschultes Personal für genau diese Zwecke bereit zu stellen, aber dafür fehlen wiederum die Mittel und eben das qualifizierte Personal – ein Teufelskreis.

Die Erfahrungen mit meiner Oma und meinem Opa

Ähnliche Erfahrungen mussten wir dann jedenfalls auch mit meinem Opa und meiner Oma machen. Mein Opa war als Krebspatient erst im Krankenhaus in der Onkologie, dann auf der Palliativstation und später im Hospiz. Marius und ich haben sämtliche Unterbringungen als menschenunwürdig empfunden. Im Krankenhaus gab es Behandlungsfehler, einer davon führte dazu, dass mein Opa querschnittsgelähmt war. Bemerkt haben das allerdings nicht etwa die Ärzte oder das Pflegepersonal (hier wurde versucht den Fehler zu vertuschen), sondern wir als Familie.

Gerade zu Beginn, als mein Opa noch völlig klar war und nicht fest stand, was er nun wirklich für eine Erkrankung hat, wurde er so widerlich behandelt, dass ich heute noch vor Wut weinen muss, wenn ich davon erzähle. Man hatte z.B. keine Zeit mit ihm auf Toilette zu gehen und obwohl er mehrfach darum bat, Hilfe für den Toilettengang zu bekommen, wurde er letzten Endes dazu genötigt, sein großes Geschäft im Bett zu verrichten.

So kam es z.B. regelmäßig vor, dass mein Opa sich vor Schmerzen im Bett krümmte, weil der Urinbeutel nicht geleert wurde und sich so ein Rückstau bildete.

Und auch wenn meine Familie es anders empfand: im Hospiz waren die Zustände nicht wesentlich menschenwürdiger. Marius und ich waren schockiert, dass selbst im Hospiz der Personalschlüssel mies ausfällt und sterbende Patienten so oft allein gelassen werden (müssen). So kam es z.B. regelmäßig vor, dass mein Opa sich vor Schmerzen im Bett krümmte, weil der Urinbeutel nicht geleert wurde und sich so ein Rückstau bildete.

Manchmal wurde er mit seinem Bett in den Aufenthaltsraum gefahren und abgestellt. Dort rief er vergebens um Hilfe (nicht zuletzt weil seine Stimme durch die Erkrankung sehr leise war). Mein Opa hatte später Halluzinationen und oft große Angst oder war wütend. Er bekam daraufhin mehrmals täglich einen Cocktail aus Tavor, Diazepam und Morphium, das die Halluzinationen verstärkte, meinen Opa letzten Endes dann apathisch werden und wenige Tage später sterben ließ.

Ein spezielles Entspannungsprogramm, Therapien, tägliche Begleitung, beruhigende Massagen, Musik, irgendetwas, dass den Patienten, insbesondere denen, die wie mein Opa ans Bett gefesselt waren, die Angst und den furchtbaren Alltag nahm, wenn Angehörige nicht da sein konnten, aus meiner persönlichen Sicht: Fehlanzeige.

In der Pflege-WG, in der meine Oma untergebracht ist, ein ähnliches Bild. Den ganzen Tag sitzen alle Bewohner einfach nur um den Esstisch. Egal zu welcher Zeit man auch vorbei kommt. Eine Pflegerin erzählt, dass sie meine Oma mehrfach beobachtet und später dann fotografiert hat, weil sie regelmäßig die anderen Bewohner beklauen würde. Sie sei boshaft und aggressiv, wolle nur schlafen und sonst gar nichts. Außerdem habe sie ein Problem mit der Körperhygiene.

Dass es sich hierbei um Krankheitssymptome handeln könnte? Darauf kommt niemand. Auch meine Oma wurde im letzten Jahr mehrfach von Ärzten und Pflegeheimen in die Psychiatrie überwiesen. Immer mit dem Vorwand, sie sei nicht „handlebar“, was so viel heißt wie, dass das Pflegepersonal mit ihrer Pflege schlichtweg überfordert ist. Wann immer ich meine Oma besuche, ist sie dehydriert. Ihr Zustand spricht dann so schon Bände (trockenere Mund, trockene Haut, stärkere Verwirrtheit als normal) aber der Hautturgor-Test fällt jedes Mal erschreckend aus. Ihr Zustand verbessert sich dann aber gleich, sobald ich sie dazu anhalte, genug zu trinken.

Die Pflege in Deutschland muss revolutioniert werden und die Würde des Menschen wieder geachtet werden.

Insgesamt Frage ich mich natürlich, wer Demenzpatienten denn bitte adäquat betreuen und pflegen soll, wenn nicht die Einrichtungen, die dafür gemacht wurden? Die Parallelen der Erfahrungen, die wir in den letzten zehn Jahren in Altenheimen, Krankenhäusern, Demenz-WGs, Psychiatrien und Hospizen erlebt haben, aber auch die aus Erzählungen anderer Angehöriger, lassen es nicht zu, von bedauerlichen Einzelfällen auszugehen. Die Pflege in Deutschland muss revolutioniert werden und die Würde des Menschen wieder geachtet werden.

Kranke Pflege – Gemeinsam aus dem Notstand

Diese Forderung stellt auch Alexander Jorde in seinem neuen Buch „Kranke Pflege – Gemeinsam aus dem Notstand*“, das am 28. Februar 2019 im Klett-Cotta Verlag erschienen ist. Seine emotionale Diskussion am 11.09.2017 in der ARD Wahlarena mit Angela Merkel hat mich damals begeistert. Ich hatte das Gefühl, dass ENDLICH mal jemand ausspricht, was Sache ist und hier vor allem die Politik in die Pflicht nimmt. Mit seinem Buch trifft er erneut meinen persönlichen „Nerv“ und setzt das längst überfällige Thema, nochmal mit deutlicher Medienpräsenz, bei uns allen auf den Plan.

Unter den aktuellen Bedingungen ist eine menschenwürdige Pflege kaum zu leisten.

Unter den aktuellen Bedingungen ist eine menschenwürdige Pflege kaum zu leisten. Es gibt zu wenige Fachkräfte und zu wenig finanzielle Mittel für viel zu viele Pflegebedürftige. Genau auf diese und andere Missstände weist Alexander Jorde in seinem Buch hin. Aber sein Buch ist keinesfalls eine anklagende Abhandlung. Viel mehr liefert Alexander Jorde für die „Kranke Pflege“ einige gut durchdachte Lösungswege und hält sich an den Titel „Gemeinsam aus dem Notstand“.

Zudem macht er deutlich (und das finde ich besonders wichtig), dass der Großteil des Pflegepersonals mit der Situation selbst unzufrieden ist. Der Großteil findet die Zustände ähnlich unhaltbar, wie wir als Angehörige. Viele lieben ihren Job in der Pflege, sie können ihn aber gar nicht so ausüben, wie sie es sich vorstellen, weil die Zeit, das Geld und die Möglichkeiten fehlen.

Zur menschenwürdigen Pflege gehört eben mehr, als kranken Menschen den Hintern abzuputzen, sie zu waschen und ihnen mal eben das Händchen zu drücken. Der Beruf, die Aufgaben und die Verantwortung sind vielfältig – ungeschulte Hilfskräfte zu engagieren, um Kosten zu sparen oder Lücken zu füllen die schlechteste Lösung. Auch diese Thematik wird in dem Buch von Alexander Jorde gut dargestellt.

Dass Jorde öffentlich über den Notstand in der Pflege spricht, finde ich mutig und gut. Die offensichtlichen Probleme werden viel zu oft von allen Beteiligten herunter gespielt. Auch das habe ich oft genug selbst erlebt. Es ist eben ein emotionales Thema, bei dem sich viele persönlich angegriffen fühlen. Es gibt aber auch viele Ärzte und erfahrenes Pflegepersonal, die die Zustände und Probleme in der Pflege bestätigen. Die ebenfalls nach Lösungen suchen und die Herausforderungen als Chance sehen, etwas zu bewegen. Letzten Endes ist genau das der richtige Weg. Sich angegriffen zu fühlen oder alles schön zu reden bringt nichts, aber aus Fehlern und Missständen zu lernen, kann das System revolutionieren.

Unser kleines „Happy End“

Meine Schwiegermutter lebt seit beinah acht Jahren in einer wunderbaren Pflegeeinrichtung, in der alles menschenmögliche für die Patienten getan wird. Auch hier gab und gibt es immer mal wieder Probleme oder Fehler (das ist ja ohnehin menschlich!), die werden aber offen kommuniziert und nicht unter den Tisch gekehrt. Das finde ich unglaublich wichtig.

Was mir auch gefällt: hier ist man fest davon überzeugt, dass meine Schwiegermutter noch alles mitbekommt und behandelt sie entsprechend respektvoll. Wenn man das Zimmer betritt, wird geklopft und hallo gesagt. Alles, was mit ihr gemacht wird, wird im Vorfeld erklärt. Sie wird, im Gegensatz zu früher, adäquat gepflegt und versorgt. Auch um ihr Wohlbefinden macht man sich Gedanken und schafft eine angenehme und wertschätzende Atmosphäre z.B. durch ein aufgetragenes Parfum, eine schöne Frisur, jahreszeitliche Dekorationen, sinnvolle Geschenke (wie z.B. eine neue Wolldecke oder ein Seitenschläferkissen) & Blumen z.B. zum Geburtstag.

Wenn wir meine Schwiegermutter besuchen, haben wir immer ein gutes Gefühl. Obwohl sie seit vielen Jahren bettlägerig ist, wird sie weiterhin aktiviert. Ein Snoozle-Entspannungsraum steht zur Verfügung, sie besitzt einen speziellen Liege-Rollstuhl mit dem sie bei schönen Wetter auch mal raus gefahren wird, oft wird ihre Lieblingsmusik aufgelegt und es gibt spezielle Lichtspiele zur Beruhigung für ihr Zimmer, weil sie die besonders gerne mag. Mitarbeiter des sozialen Dienstes und des Hospizdienstes komplettieren die Versorgung durch regelmäßige Besuche und Aktionen (z.B. wird sie einfach nur gestreichelt, ihr wird etwas vorgelesen o.ä.).

Ich finde das insbesondere deshalb bemerkenswert, weil wir in den letzten zehn Jahren so oft damit konfrontiert wurden, dass sie „Ja eh nichts mehr mitbekommt“. Dabei wird jeder, der sich länger als fünf Minuten zu ihr setzt, sofort das genaue Gegenteil mitbekommen. Auch heute noch, wo sie gar nicht mehr gehen oder sprechen kann, reagiert sie durch Laute, durch lachen, weinen oder schreien auf Situationen und macht deutlich, was ihr gefällt und was eher nicht.

Kürzlich war ein Clown im Heim, auch im Zimmer meiner Schwiegermutter – als Andenken blieb der Luftballon

Meine Dankbarkeit in Bezug darauf, eine Unterbringung gefunden zu haben, die alles dafür tut, dass es meiner Schwiegermutter gut geht, kennt wirklich keine Grenzen. Nirgendwo sonst habe ich erlebt, dass ein Patient so gut und freundlich versorgt wird. Auch hier herrscht Personalmangel, gerade am Wochenende. Aber es wird alles menschenmögliche getan, um die Patienten und Angehörigen nicht darunter leiden zu lassen. DAS ist menschenwürdig.


VERLOSUNG „Kranke Pflege – Gemeinsam aus dem Notstand“

An eine/n von Euch wird das neue Buch von Alexander Jorde verlost. Alles was Ihr dafür tun müsst, ist unter diesem Beitrag mit „#GemeinsamAusDemNotstand“ zu kommentieren. Mit der Abgabe dieses Kommentars werden die Teilnahmebedingungen und Datenschutzbestimmungen akzeptiert. Denkt daran, eine gültige E-Mail Adresse anzugeben, damit ich Euch im Fall eines Gewinns informieren kann.


Wie sieht es mit Euch aus? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wie seht ihr die Situation als Angehörige? Wie ggf. auch als Pflegekräfte? Werdet Ihr das Buch von Alexander Jorde lesen oder habt ihr es vielleicht sogar schon gelesen? Ich freu mich auf regen Austausch mit Euch!

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Über den Autor

Die Checkerin

[Sinnn­flu­en­cerin]
Person, die [in sozialen Netzwerken] Menschen mit großer Vorliebe zum Nachdenken anregt und mit unterschiedlichen Themen inspiriert

16 Kommentare

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Das Buch kenne ich nicht, klingt sehr interessant.

    Ich gehört zu der anderen Seite. Ich bin Krankenschwester und kann vieles, was du schreibst absolut unterstreichen.
    Vor einigen Jahren, als wir noch mehr Personal hatten, war es besser. Bei weitem nicht gut aber besser als das, was in den letzten Jahren passiert ist.
    Ich arbeite seit 1998 in der Akutgeriatrie und arbeite gerne in diesem Beruf bzw. als wir noch „genug“ Personal hatten, habe ich gern gearbeitet. Das, was wir jetzt betreiben, kann man nicht „arbeiten“ nennen. Es ist einfach beschämend und frustrierend. Früher hat man noch voller Stolz gesagt, man ist Krankenschwester. Jetzt nicht mehr.
    Ja, es muss sehr viel getan werden aber ich bezweifle sehr, dass sich was ändern wird. Leider.
    In den „oberen Etagen“ werden es immer mehr und am Krankenbett immer weniger. Ebenso gibt es immer mehr Papierkram, welcher uns vom Krankenbett fern hält. Zeit, welche am Patienten/Bewohner notwendiger ist.
    Es ist wirklich schlimm und einfach nur frustrierend.

    • Liebe Roksana,

      vielen Dank für deine ehrliche Meinung. Du beschreibst das, was ich von Menschen höre, die ebenfalls in der Pflege tätig sind. Ich hab viele Freundinnen und Bekannte, die irgendwo im medizinischen Bereich tätig sind und eigentlich sagt keine von ihnen (außer in Privatkliniken), dass sie ihren Job so ausführen kann, wie sie es sich wünscht und wie man den Patienten gerecht werden könnte. Das ist wirklich schade. Und wahrscheinlich hast du auch Recht damit, dass man wahrscheinlich nichts mehr ändern kann. Der Bedarf ist hoch und es hätte schon lange etwas getan werden müssen.
      Ich wünsche Dir dennoch, dass dein Beruf dich mehr erfüllt, als dass er dich frustiert <3

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Das hört sich so schrecklich an und macht mir wahsinnige Angst. Für mich selbst irgendwann und für meine Familie.

    Bisher habe ich kaum Erfahrungen machen müssen. Mein Opa starb vor einigem Jahren an Krebs und wurde aber vorher im Krankenhaus, insoweit ich das damals beurteilen konnte, gut behandelt. Er wurde dann später bei uns zu Hause gepflegt.

    Alles Gute für euch! <3

    • Liebe Nathalie,

      mir macht das wirklich auch Angst. Niemand würde das für seine Familie oder sich selbst wollen und doch ist es so fürchterlicher Alltag. Schlimm :-(

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Es ist so traurig, dass es selbst bei solchen Dingen wie Pflege immer nur um Geld, Sparen und möglichst viel Gewinn geht. Wir werden doch alle mal alt… Und diese Zustände machen wirklich Angst davor. Danke, dass du von deinen persönlichen Erfahrungen berichtest und dadurch Aufmerksamkeit auf das Thema lenkst!

    Liebe Grüße
    Kristin

    • Liebe Kristin,

      danke für deinen Kommentar! Ich glaube auch, dass tatsächlich genau das eines der größten Probleme ist. Wenn man mit der Gesundheit anderer kein Geld verdienen könnte, würde einiges anders aussehen.

      Viele Grüße!

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Wahnsinn, was Ihr Euch geben musstet. Auch deine Story auf Instagram. Es ist so erschreckend. Tut mir wirklich leid für Euch und für uns alle, weil wahrscheinlich fast jeder irgendwann in eine ähnliche Situation geraten wird.

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Dein Artikel bewegt mich und macht mir große Angst. Wir alle werden mal alt und benötigen vielleicht fremde Hilfe im Alltag. Es bricht mir einfach das Herz, dass Menschen in Not so im Stich gelassen werden :-(

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Es ist schrecklich so was zu lesen. Schon beim lesen kann ich mir nicht wirklich vorstellen was ihr als Familie erleben musstet und auch was die Pflegebedürftigen miterleben mussten.
    Besonders in einem Hospiz sollte der Patient doch liebevoll begleitet werden. Die Angst vor dem Tod gelindert werden auch mit lieben Worten und Gesten. Und natürlich auch richtig versorgt werden, sodass diese Person in Würde gehen darf.
    So habe ich es damals in dem Hospiz erlebt, wo die Mama einer Freundin gearbeitet hat und wir hin und wieder mit waren.

    Meine Tante war dement und wurde lange daheim von ihrer Tochter gepflegt, natürlich mit Unterstützung eines Pflegedienstes. Irgendwann konnte die Tochter es einfach nicht mehr stemmen, da immer mehr vergessen wurde und de Tante bettlägerig wurde. Sie wurde in ein pflege und Altersheim gebracht. Nur wurde sie da leider nicht so gut betreut wie erhofft. Sie bekam Panik wenn sie alleine war, schrie und würde leider auch nicht immer sauber gemacht.
    Es wurde stolz von den Pflegern berichtet, dass man jetzt eine windel hat die bis zu 7lieter aufnehmen kann. Was ich persönlich schrecklich finde, die alten Menschen so lange in den Exkrementen liegen zu lassen.
    Zum Glück wurde sie dann verlegt und in dem anderen Heim besser betreut.

    Ich hoffe sehr auf eine Verbesserung in der Pflege, egal ob im Krankenhaus oder in einem Heim. Das man sich auch wieder mehr auf das menschliche besinnt besonders in der Politik aber auch in der Gesellschaft.
    Grade solche Berufe sind so wichtig für alle und sollten wieder mehr respektiert und gefördert werden!!!

    Ein wirklich guter Artikel, der richtig zum nachdenken anregt.

    • Liebe Juliana,
      danke für deinen Kommentar, dein Mitgefühl und dein Lob! Mein Freund hat seine Mutter auch viele Jahre zu Hause gepflegt, bis es dann nicht mehr ging. Und das „böse Erwachen“ war schon echt hart. Die Erkenntnis, dass aktuell niemand in der Lage ist, die Angehörigen menschenwürdig (im Sinne von: so wie man es sich wünscht und es selber für nahe Angehörige tun würde) zu pflegen tut wirklich weh.
      Es fehlt vor allem an der Förderung glaube ich. Viele Mitarbeiter WOLLEN in der Theorie anders handeln, sind aber meist gezwungen abzustumpfen und ihren Job den Umständen entsprechend auszuführen. Furchtbar. Ich hoffe auch, dass sich doch irgendwie noch was dreht. Für unsere Familien, für uns und für die, die nach uns kommen.

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Ich arbeite als Fachkrankenschwester auf einer neurologischen Station mit dem Schwerpunkt Schlaganfall. Die Besetzung ist katastrophal , eine adäquate Pflege ist selten möglich.
    Wir als Team versuchen den Patienten und Angehörigen immer wieder zu signalisieren das wir da sind, als Ansprechpartner für Sorgen und auch Erfolge. Aber ein 2 Minuten Gespräch zwischen den ganzen Tätigkeiten reicht leider nicht aus. Es tut in der Seele weh nicht das auszuleben wofür der Beruf eigentlich steht, nicht für den MENSCHEN da zu sein.

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Es tut mir sehr leid, das du schon in so jungen Jahren solche Erfahrungen hast sammeln müssen.

    Ich bin selbst Gesundheit- und Krankenpflegerin und kann dir in sehr vielen Sachen zustimmen. Es ist zunehmend frustrierend in dem Job zu arbeiten. Die Tage, an denen man unzufrieden seinen Arbeitplatz verlässt, häufen sich.
    Weil man seine Patienten nicht fachgerecht versorgen konnte, weil man keine Pause machen konnte, weil man das Gefühl hat nur vor dem Computer zu sitzen, weil man aus ärztlicher Sicht immer der Schuldige für auftretende Probleme oder Versäumnisse ist, weil man kaum noch Zeit hat mehr als 10 Worte mit seinen Patienten zu wechseln, weil man sich krank auf Arbeit schleppen muss (den Kollegen zuliebe), weil die Patienten immer älter und damit auch pflegeaufwändiger werden, weil man gesagt bekommt die Station wäre massiv überbesetzt(!!!!), weil….

    Diese Liste ist noch lange nicht zu Ende.
    Ich fühle mich manchmal wie in einem Hamsterrad gefangen.
    Aber trotzdem liebe ich meinen Beruf so, das ich mir nichts anderes vorstellen könnte.

    Einer Studie zufolge, verbleibt das Pflegepersonal ca. 5 Jahre in dem Beruf. Danach erfolgt entweder eine Reduzierung der Arbeitsstunden oder ein kompletter Berufswechsel. Wer dann noch da ist, ist entweder Vollblutschwester oder hat eine LMAA Einstellung ( Und ja, leider haben das viele meiner Kollegen)

    Schön das du das Thema aufgegriffen hast. Es wird immer noch wie ein kleines Tabu angesehen.

    LG Kati

  • Ich arbeite bei einer Pflegefirma, allerdings in der Verwaltung und ich bekomme täglich mit, dass die Krankenkassen auf ihrem Geld sitzen. Meiner Meinung nach sind die Sätze für die ambulanten Versorgungsarten viel zu niedrig. Da ist nicht mal einkalkuliert, dass ein Pfleger auch mal ein paar Minuten länger bleibt, weil er spürt, dass der zu Pflegende etwas los werden muss. Hier müsste meiner Meinung nach schon etwas getan werden.
    Es wird ja auch immer wieder beklagt, dass Pflegekräfte so wenig verdienen. Aber woher nehmen? Pflegefirmen haben eben nur Umsätze, die sie durch Pflege erwirtschaften. Einsenkt Gewinn sollte da auch übrig bleiben.
    Als Büromensch bewundere ich alle, die diesen Job machen. Nicht nur wegen den oft schlechten Bedingungen, auch weil sie so viel leisten.

  • #GemeinsamAusDemNotstand

    Liebe Sandra, danke für diesen wunderbar ehrlichen und emotionalen Beitrag. Ich kann deine Meinung absolut nachvollziehen und genau so für mich unterschreiben. Ich bin gelernte Krankenschwester und habe meinen Beruf sehr geliebt. Ich habe letztes Jahr die Arbeit als Krankenschwester aufgegeben, weil ich nicht mehr länger zuschauen konnte, wie wir alle täglich GEFÄHRLICHE Pflege leisten und wir als Pflegende, die ewigen Samariter, die alles stumm mitmachen und sich nicht wehren, den Karren auch noch mit weiter in den Dreck fahren. Ich habe am Ende zu sehr emotional gehandelt, zu viel nach Hause mitgeschleppt und so weiter und sofort…
    Ich wünsche mir so sehr, dass sich bald, wie du es auch sagst, die Pflege und das gesamte Gesundheitssystem revolutioniert, denn das ist mehr als nötig!
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!
    Es grüßt dich Nina

  • Es ist wirklich erschreckend was ihr erlebt habt. Meine Mutter ist auch seit 2 Jahren in einem Pflegeheim, aber wir sind sehr zufrieden und haben bisher keine negativen Erfahrungen gemacht. Sicherlich kommen die Pflegekräfte auch hier oft an ihre Grenzen, aber sie sind liebevoll und machen ihren Job gut. Es wird immer gefordert mehr Pflegekräfte einzustellen, aber leider gibt es viel zu wenig und die Pflege muss auch bezahlbar bleiben. Es ist ein schwieriges Thema.

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