Mind & Soul

Warum es nicht lustig ist, sich über andere lustig zu machen.

Vor einem Jahr habe ich meiner Psychologin erzählt, dass Marius ganz außer sich war, als er das erste Mal hörte, wie mich jemand aus Spaß „unser Dickerchen“ nannte und auch, wie enttäuscht und sauer er war, als ich mich mal über seine Rechts-Links Schwäche lustig machte. Ich erzählte Ihr, dass ich das total übertrieben fand. Das wider rum löste Entsetzen bei Ihr aus. Sie versuchte mir zu erklären, dass ich über all die Jahre gelernt hatte, dass es „normal“ ist, andere zu belächeln, dass das aber keinesfalls normal wäre und Marius nicht übertrieben reagiert hätte. Sie bezeichnete meinen Humor dahingehend als „zweifelhaft“. Auch wenn ich das, was ich zu anderen aber auch zu mir selbst sage, lustig, vielleicht sogar als kleine „Neckerei“ und nicht böse meinen würde, sollte ich mir Gedanken darüber machen.

Mich hat das Wochen lang geärgert. Was nimmt die sich raus meinen Humor als zweifelhaft zu betiteln? Was kann ich denn dafür, dass die nicht darüber lachen kann? Irgendwann später ist mir dann erst ein Licht aufgegangen. Als wieder mal jemand zu mir sagte, dass mein kleiner, behinderter Finger so lustig aussieht, merkte ich neben dem Lachen etwas ganz anderes: Wut und Trauer.

Für mich war es immer normal, blöde Witze zu reißen und in kleine Wunden zu sticheln. Ich war Meisterin im blöde Sprüche verteilen und habe das selten hinterfragt. Sprüche über mich haben mich aber schon öfter getroffen, als mir lieb war. Spätestens, wenn es mir schlecht geht, rasen all diese unbedachten Worte und Sätze dann durch meinen Kopf. Meine eigenen und die der anderen. Ich erinnere mich durchaus daran, dass ich z.B. meine Eltern und meinen Bruder einmal bat, doofe Sprüche sein zu lassen, weil sie mich kränken. Oder dass ich meiner Freundin sagte, dass es mich verletzt, wenn sie sich ständig über meinen zu kleinen Mittelfinger lustig macht. Und daran, wie man sich in der Schule ständig über mich lustig machte, weil ich irgendwas nicht so gemacht habe, wie es „normal“ gewesen wäre. Aber erst, als ich angefangen habe, wirklich ernsthaft darüber nachzudenken, konnte ich Marius verstehen. Was ihn so fassungslos zurück ließ, als ich ihm sagte, dass er sich nicht so anstellen soll.

Ich befinde mich auch jetzt noch in dem Zwiespalt zwischen „Das ist nur Spaß und doch gar nicht so gemeint“ und „Mir tut das aber weh!“ oder „Aber anderen tut das doch weh!“. Die Sprüche werden begleitet von albernem Lachen und ich lache mit. Mittlerweile habe ich sogar erkannt, dass ich den Großteil der Zeit einfach alle fiesen Sprüche direkt selbst raus haue, damit sie niemand anderes mehr raus hauen kann. „Hahaha mein Arsch der passt sicher gar nicht da rein.“ „Hahaha ja wie sollen Fette auch schnell laufen können.“ „Hahaha ja bei mir ist die ganze Woche Cheatday.“ „Hahaha das fette Doppelkinn ey.“ „Hahaha schön noch ne Portion Naschlag in mich rein schaufeln.“ „Oh, ob wir Rabatt bekommen, wegen meinem kleinen Mittelfinger?“ „Hahaha ja genau, ich übe schon mal die Hexenverbrennung für den spirituellen Achtsamkeitskurs.“. Ich bilde mir ein, es würde mich weniger verletzen, wenn ich den Scheiß einfach direkt zu mir selbst sage.

Umgekehrt frage ich mich natürlich auch, was es mit den Menschen macht, wenn sie wie z.B. meine Oma, Ihr Leben lang „Porki“ (also quasi Schweinchen) genannt werden. Oder „Dickerchen“ oder „Freak“ oder „Behinderte“ oder „Fetti“ oder „Spargeltarzan“ oder „Geier“. Ob wir wollen oder nicht: es macht was mit uns. Jedes Mal, wenn wir diese Worte hören. Und wenn es nur unser Unterbewusstsein ist, das davon beeinflusst wird.

Heute Morgen laß ich unter einem Foto vom hauptstadtlehrer auf Instagram wieder einen dieser Kommentare, die STÄNDIG kommen. Irgendwer hat wieder irgendwas zu seiner Stirnfalte geschrieben. Vor ein paar Tagen machte sich jemand über eine meiner Leserinnen lustig, weil sie jeden Tag bei den #mafflumomenten mitmacht. Alles „lustig gemeint“. Aber es ist nicht lustig. Es ist nicht lustig, sich in dieser Form über andere (oder über sich selbst) lustig zu machen und es kann auch nicht lieb gemeint sein. In keinster Weise. Wer glauben wir zu sein, dass wir das Aussehen, das Können, die Angewohnheiten oder Vorlieben anderer, so dermaßen kommentieren zu dürfen / zu müssen? Das hat nichts mit Sarkasmus und Ironie zu tun, auch nicht mit Selbstironie. Es ist feige, unnötig und asozial.

Mittlerweile macht mich das richtig wütend. Vor allem in dieser Art und Weise. Das ständige Bashing anderer. Sich darüber lustig machen, wie mein Finger aussieht, wie mein Arsch aussieht, welche Kurse ich besuche und für was ich mich in meiner Freizeit interessiere. Sich darüber lustig zu machen, wie tief eine Stirnfalte ist, wie groß Augenbrauen oder wie lang Beinhaare. Egal ob man sich selbst nun ernst nimmt oder nicht (das Thema hatten wir ja gerade auf Instagram erst und es ist unsagbar wichtig und richtig, aber auch da gibt es eben zwei Seiten!), sollte doch wohl jeder erkennen, dass es von absoluter Distanzlosigkeit, fehlendem Taktgefühl und vermutlich sogar von Neid zeugt (z.B. in meinem Fall auf die Tatsache, dass ich viele Dinge ohne Vorbehalt ausprobiere, oder darauf, dass ich ziemlich verflucht hübsch bin 🙂 ), als von einem tollen Humor.

Ich möchte definitiv aufhören damit, mich über Dinge, die anders sind, die ich gern hätte, bewundere oder die vielleicht auch außerhalb meines Horizonts liegen, lustig zu machen. Bestimmt habe ich selbst noch einen weiten Weg vor mir, all die Gewohnheiten abzulegen, die Jahrzehnte normal für mich waren. Aber Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Und gerade, wo ich das so schreibe, geht mir ein weiteres Licht auf: Sandra, was ist eigentlich, wenn Du nur deshalb ständig hässliche Fotos von Dir postest, damit Dir niemand sagen kann, dass Du hässlich und fett bist?

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Über den Autor

Die Checkerin

Frohnatur! – Freak! – Philosophin!
Kommt selten schnell auf den Punkt, trifft aber irgendwann trotzdem den Nagel auf den Kopf.

6 Kommentare

  • Hallo!
    Das ist der erste Artikel den ich von dir lese – dazu gekommen bin ich über Kevin von papapi.
    Ich musste beim lesen die ganze Zeit nicken und vor allem daran denken, dass solche Gedanken mittlerweile öfter gedacht zu werden scheinen – aber oft nur wenn es um erwachsene geht. Kindern hingegen wird das oft nicht zugestanden, die sollen sich weiter „nicht so anstellen“ oder „können das nicht weil sie klein/schwach/sonst was sind“. Ich hoffe dieser Umschwung in empfinden und betrachten dieser Verhaltensweisen zieht immer größere Kreise – für die großen, als auch für die kleinen.

    Vielen Dank für deine Gedanken!

    Liebe Grüße,
    Antonia

    • Hey Antonia,

      danke für deine lieben Worte. Ich freue mich immer, wenn ich zum Nachdenken anregen kann. Und ohja! Für Kinder wünsche ich mir das auf jeden Fall auch sehr. Meistens sind die Kinder aber ja eh die bessern Erwachsenen :-))

  • Hi
    Dieses Thema hat mich schon in der Kindheit begleitet und jetzt wo ich selbst Kinder habe geht es gerade weiter. Früher würde sich immer über mich lustig gemacht. Angefangen von meiner Herkunft vom schluchtenjodler bis zur bergziege war alles dabei. Bis zu meinem Körper : viel zu groß viel zu dünn , Gliedmaßen die zu lang sind, die ist doch magersüchtig uvm. Alles unter dem Deckmantel SPASS Dann ging es weiter zu meiner Mutter , sie war alkoholkrank und angstpatientin. Ein gefundenes fressen für Menschen die gerne andere klein machen. Als ich dann in dem Alter war in dem ich meine Klappe nicht mehr gehalten habe , habe ich um mich geschlagen. Und dann zeigt natürlich wieder jeder mit dem Finger auf einen. Weil , war ja nur ein Witz , wieso regt die sich denn so auf ??!! Bei meiner Tochter in der Schule geht es oft schon über „böse Witze “ hinaus. Die heutige Jugend ist absichtlich verletzend und gemein , nur um zu sehen ob sich der gegenüber irgendwann die Pulsadern aufschlitzt. Das ist besorgniserregend.
    Aber meine Tochter ist Gott sei dank so taff das sie solchen Leuten gar nicht zu hört. Und auch viel mit mir spricht.
    Bei meinem Maximilian sind es oft die Erwachsenen die blöde Sprüche reißen. Er ist ein sehr gefühlsgeladenes kleines Wesen. Egal welches Gefühl, er zeigt es laut und deutlich. Und wenn er weint dann oft recht lang und laut. Und dann kommen so sprücje wie „ ach die kleine dramaqueen , Mensch du bist doch ein Junge und keine heulsuse , na wer flennt denn da schon wieder oder den schlimmsten statt fand ich ( die hatte ein Grinsen dabei auf den Lippen ) vielleicht sollte man dir mal wirklich weh tun damit du nen Grund hast so dolle zu weinen „. Bei solchen Sprüchen als Mutter nicht der anderen Person die Augen auszukratzen fällt sehr schwer. Mittlerweile sage ich oft laut zu meinem kleinen “ weißt du Schatz , die Leute wissen es leider nicht besser “ da sind sie dann schnell eingeschnappt und ruhig.
    Ich hatte vor kurzem eine Unterhaltung auf dem Spielplatz. Und auf einmal sagte die eine Mutter „ hahaha so dürr wie du war ich noch nie und möchte ich auch nie sein hahaha “ hallo ?! Wir haben uns über Figuren nach der Geburt unterhalten. Und nicht darüber ob ich zu dürr bin. Ich hab ihr dann direkt gesagt das ich das verletzend fand und nicht lustig. Und sie war kurz etwas entsetzt. Kam aber wirklich am nächsten Tag und entschuldigte sich bei mir. Naja ich könnte jetzt noch hier den Rahmen sprengen und weiterschreiben 😅aber ich hör mal lieber auf.

    Es ist leichter mit Humor durch die Welt zu gehen. Aber verletzen sollte man damit niemanden. Auch nicht sich selbst ❤️

    Viele liebe Grüße ( und nochmal happy Birthday ☺️)

    Alex

    • Danke Alex. Du hast sooo Recht! Was MAximilian sich anhören muss, macht mich soooo wütend! Gott sei Dank hältst Du dagegen und zeigst ihm, dass es okay ist <3

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