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Aus dem Leben

Wenn der Vater plötzlich stirbt

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Die Nacht, als er starb

In der Nacht vom 13.07.2014 auf den 14.07.2014 klingelte es morgens gegen vier Uhr Sturm an der Tür. Während mein Freund Marius die Tür öffnete, sah ich auf meinem Smartphone und Telefon mehrere verpasste Anrufe meiner Mutter, meines Bruders und unbekannter Rufnummern.

Am Abend zuvor saß ich bis 22:00 Uhr und übte mit einem Video von Jacko Wusch den Cup Song. Ich wollte meinen Vater mit meinen „Trommel-Skills“ battlen und „beeindrucken“. Nachdem ich das drauf hatte, ging ich glücklich und zufrieden ins Bett.

Im ersten Moment dachte ich, meine Eltern hätten mal wieder mit Freunden gefeiert und uns spontan einladen wollen. Das kam öfter mal vor. Dass sie dann aber zu uns kommen und klingeln machte mir Angst. Als ich in den Flur ging und zur Tür sah, standen mein kleiner Bruder und seine Freundin da. Er sagte:

„Wir haben keinen Papa mehr, Sandra. Papa ist gestorben.“

Ich konnte das gar nicht begreifen. Was ist denn nur los? Was ist passiert? Er war doch gesund. Er ist doch erst 47! Für mich war das alles völlig irreal. Wir fuhren wortlos zur Wohnung meiner Eltern. Im Radio lief „Happy“ von Pharrell Williams und ich dachte „Was für ein dummes, scheiß Lied.“

Bei meinen Eltern angekommen, saßen meine Ma und Bekannte am Esstisch. Meine Mama. Ohne Papa. Wie soll das nur gehen? Was soll ich machen? Wie kann ich ihr helfen? Sie sah sehr gefasst aus. Wie kann ich meinem Bruder helfen? Was tut man, wenn gerade jemand gestorben ist? Wie soll man reagieren? Wir setzten uns hin und schwiegen. Zwischendurch informieren wir Angehörige.

Auf dem Boden im Wohnzimmer, dort wo es passiert ist, lagen noch kleine Plastikteile von den Kanülen, die sie Papa gespritzt hatten. Ich hob sie auf und steckte sie ein. Das einzig Greifbare für mich. Der einzige „Beweis“, dass das heute Nacht wirklich passiert ist. Ich hielt sie noch Jahre später immer wieder in den Händen, um begreifen zu können.

Mama oder irgendwer anders erzählt, dass Papa nach einem Spieleabend mit Freunden noch den Müll runter gebracht hat und dabei Schmerzen hatte. Er glaubte, starke Rückenschmerzen zu haben und bat meine Mutter um eine Schmerztablette. Meine Ma ging schon zu Bett, während mein Vater sich auf der Terrasse noch die Beine vertrat.

Dann hörte sie einen dumpfen Knall. Sie rief meinen Vater. Er antwortete nicht. Im Wohnzimmer fand sie ihn nach Luft ringend halb über der Couch liegend. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Sie beatmete ihn. Rief den Krankenwagen. Machte eine Herz-Druck Massage. Sie versucht verzweifelt jemanden von uns zu erreichen. Freunde kommen vorbei. Der Notarzt trifft ein. Sie versuchen ihn wiederzubeleben.

Es geht mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Mittlerweile wurden auch mein Bruder und seine Freundin telefonisch erreicht. Marius und mich bekommt niemand ans Telefon. Sie sitzen im Krankenhaus, bangen und hoffen gemeinsam, während um Papas Leben gekämpft wird. Ich schlafe seelenruhig in meinem Bett. Der Kampf war vergebens. Er stirbt. Nur eine Woche, nachdem dieses Foto entstand.

Der Schock nach dem Tod

sitzt tief. Uns wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Opa ist nur wenige Monate vorher gestorben. Wir hatten das noch gar nicht verarbeitet. Jetzt müssen wir Oma sagen, dass auch noch ihr Sohn gestorben ist. Wir fahren morgens sehr früh gemeinsam hin. Oma lächelt uns irritiert an, als sie uns am Tor stehen sieht. Ihr Herz bricht, als sie erfährt, was passiert ist.

Wir sitzen schweigend auf der Couch. Wir fünf Hinterbliebenen. Ohne Opa. Ohne Papa. Ohne Mann. Ohne Sohn. Ohne Schwiegervater. Oma sagt immer wieder „Ich kann das nicht glauben. Ich kann das nicht glauben.“. Es zerreißt uns alle. Wir fahren gemeinsam zu Mama nach Hause.


Die Totenstille

Die Stille ist fast unerträglich. Alles läuft ab wie in einem Film. Ich schreibe meinen Freundinnen was passiert ist. Hoffe, dass jemand vorbei kommt und mich aufweckt. Aber es kommt niemand.

Ab Mittags ist die Wohnung meiner Eltern voller Menschen. Freunde, Bekannte, Verwandte meiner Familie finden sich ein. Menschen, die wir teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen oder gesprochen haben sind plötzlich da. In diesem Moment denke ich noch „Wir sind nicht alleine!“.

Es herrscht eine gespenstige Totenstille. Und doch sitzen wir abends auf der Terrasse und lachen über Papas Witze. Sich nur wenige Stunden nach dem Tod zu erinnern fühlt sich seltsam an und doch tut dieser Hauch Normalität in mitten der Totenstille irgendwie gut.

Ein Teil der Stille ist bis heute geblieben.


Weitermachen

Sofort merkt man: die Welt dreht sich unerbitterlich weiter. Es gibt keine Zeit, um schwach zu sein. Keinen Raum. Für niemanden von uns. Trauer hat in dieser Gesellschaft keinen Platz. Das Leben geht weiter. Mit oder ohne dich.

Es ist so viel zu regeln. Die Beerdigung. Rechtlicher Kram. Ein Betrieb der weiter geführt werden soll. Du stehst völlig alleine da, funktionierst wie ein Roboter und verlässt dich auf das, was dir „Experten“ sagen.

Ich schreibe wenige Tage nach Papas Tod mein Abitur. Zwei weitere Wochen später beerdigen wir Papa. Gefühlte Ewigkeiten stehen wir am Grab. Weit über 300 Menschen kondolieren. Selbst der Vermieter, der uns abzocken wollte, ist gekommen, um seine Neugierde zu stillen und wird vom Pastor zum Glück nach Hause geschickt. Die Menschen sagen alle“Es tut uns so leid. Wenn ihr was braucht. Meldet euch. Ihr seid nicht allein.“. Wieder habe ich diese Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Meine Familie retten zu können. Aber es hilft niemand.

Nach wenigen Wochen ebbt das Interesse und Mitgefühl ab. Die Menschen schauen nur noch betreten, wenn sie uns sehen. Hier und da wird gelästert, dass meine Mutter das mit dem Betrieb nicht schafft, dass wir zu fröhlich sind, dass wir uns zu sehr hängen lassen oder was immer sonst den Menschen so einfällt. Jeder weiß besser, wie es zu laufen hat. Aber niemand ist da, um zu helfen. Die Enttäuschung über all die leeren Versprechungen hält bei mir bis heute an.

Wir machen derweil alleine weiter. Unseren Alltag wuppen, uns um uns kümmern und gleichzeitig auch um Oma, die in ihrem Haus vereinsamt und droht, an gebrochenem Herz zu sterben. Wir schaffen es. Irgendwie. Müssen wir ja. Jeder für sich auf seine Art. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger gut.


Trauer hat viele Facetten

Was die Gesellschaft nicht begriffen hat: Trauer hat viele Facetten und hört niemals ganz auf. Aber genau das ist es, was die Leute erwarten (und gleichzeitig aber auch verurteilen). Die Vermieterin pisst sich an, weil der Garten „wild“ ist – das muss man doch langsam mal in den Griff kriegen! Oma ist völlig am Ende und soll sich doch bitte mal zusammen reißen. Es trauern schließlich alle. Wir hingegen sind „zu fröhlich“. Nach einem Foto, auf dem wir uns erdreisten zu lachen, schickt man uns per Kurznachricht Papas Todesanzeige als Erinnerung. Als könnte man jemals vergessen, was passiert ist.

Papa ist immer da. Er lebt weiter. In uns. In unseren Erinnerungen aus Musik, Gerüchen, Farben, Menschen, Zigarettenrauch, Vögeln, Federn, Orten, Daten und ja sogar der kleinen Plastikkappe der Kanüle, die an seinem Todestag auf den Boden kullerte.

Trauer ist nie gleich. Wir alle trauern auf unterschiedliche Art und in unterschiedlichen Phasen. Manche schweigen, manche schreien, manche weinen, manche schreiben, manche reden, manche wüten, manche fallen, manche verdrängen, manche feiern. An manchen Tagen ist alles auf einmal da, an anderen nichts.

Man träumt, man phantasiert, man (hinter)fragt, man klagt an, man sucht. Trauer ist mal still und mal laut. Manchmal manisch verrückt. Nichts davon ist falsch. Nichts besser oder schlechter. Es verändert sich.

An manchen Tagen holt einen die Trauer ein. Sie fällt mit der Tür ins Haus und drückt dich zu Boden, wie eine schwere Kettendecke. Auch Jahre später noch. Jeder, der es selbst erlebt hat, weiß wie es ist. Das Einzige das hilft, ist hindurch zu gehen und irgendwie weitermachen.


Meine Trauer

Ich trauere, in dem ich schreibe, rede, erinnere, weine, verdränge und manchmal auch wüte.

Manchmal weine ich wie ein Schlosshund (auch heute noch) und vermisse meinen Papa und meinen Opa schrecklich. In diesen Momenten glaube ich, dass mit ihnen in dieser Welt ALLES SOFORT besser wäre und sie alle Probleme lösen würden.

Manchmal erinnere ich mich und fühle mich geborgen.

Manchmal, so wie heute, schreibe ich. Für mich, für dich und für alle anderen, die betroffen sind, nicht weiter wissen oder einfach wen suchen, dem es ein bisschen ähnlich geht.

Manchmal bin ich richtig wütend. Wütend auf die Welt, auf meinen Opa, das Gesundheitssystem, meinen Vater.

Ich habe tausende Fragen. Warum ihr? Warum so früh? Warum so schlimm? Warum waren eure Kämpfe vergebens? Warum habe ich das Telefon nicht gehört? Was hätte ich tun können? Was habt ihr gefühlt, als ihr gehen musstest? Tat es weh? Hattet ihr Angst? Könnt ihr uns sehen? Wie würdet ihr handeln? Wie würdet ihr euch entscheiden? Was wäre euer Rat? Haben wir richtig gehandelt? Ist alles gut? Wo seid ihr?

Außerdem bin ich in Gedanken besonders viel bei meinem „kleinen“ Bruder und meiner Mum. Ich will ihre Schmerzen und ihre Last auf mich nehmen. Will alles tun, damit es ihnen besser geht. Nichts tun zu können und zu wissen, das nichts hilft, macht mich in diesen Momenten noch fertiger, als zu wissen, dass mein Vater tot ist. Für immer.


Was hat mir geholfen?

Ich habe ganz oft nach Trauergruppen für junge Erwachsene Ausschau gehalten. Habe verzweifelt Angebote gesucht, die mich irgendwie auffangen. Menschen, die außerhalb meiner Familie, meinen Verlust verstehen können, aber vor allem auch eine Gruppe, in der ich den Alltag vergessen und neu leben lerne. Hier in Wuppertal gab es das in der gesuchten Form nicht.

Was mir geholfen hat, ist mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und mich um mich zu kümmern. Ich habe angefangen, Frauenworkshops zu besuchen, bin viel raus gegangen, habe viel über Trauer & Tod gelesen, viel „Seelenarbeit“ geleistet, mich mit mir beschäftigt, viel geschrieben, geredet, geweint, aber vor allem auch weiter am Leben teilgenommen.

Der Verlust meines Vaters ist immer da und zu einem Teil meines Lebens geworden, aber obwohl es unvorstellbar für mich war, geht mein Leben ohne ihn weiter. Sein Tod war für mich, trotz all der Grausamkeit, auch ein Weckruf, der mich viel lehrte und positiv beeinflusst hat.

Und auch heute ist es noch das, was mir am besten hilft. Mich informieren, mit mir beschäftigen und raus gehen. Aber auch immer wieder Phasen der Trauer und Traurigkeit zulassen.


Wie kann ich Trauernden helfen?

Sei da. Sag es nicht nur, sondern TU es. Bring was zu essen vorbei. Schweigt gemeinsam. Weint gemeinsam. Wütet gemeinsam. Halte fest. Hör zu. Vielleicht kannst du sogar alltägliche Dinge regeln. Einkäufe erledigen. Den Müll runterbringen. Tiere versorgen. Rasen mähen. Post wegbringen. Kündigungen schreiben. Oder sorge für Ablenkung. Einen guten Film. Einen Spaziergang. Einen Kurzurlaub. Irgendwas.

Mir hat es total gefehlt, dass einfach mal jemand kommt und da ist. Außerhalb von Marius. Jemand, der mich aus meinem Alltagstrott holt oder einfach nur schweigend mit mir da sitzt.

Es gibt außerdem eine wundervolle Seite: Vergiss-mein-nie.de. Ich habe sie über eine Empfehlung entdeckt und finde das Angebot ganz, ganz großartig. Hier finden Angehörige und Betroffene nicht nur Hilfe, sondern auch wirklich schnuckelige Sachen, die die Trauer vielleicht etwas weicher machen.


Bücher über Trauer & Tod

Ich habe unglaublich viel zum Thema gelesen und lese weiterhin sehr viel zum Thema Tod & Trauer. Denn das hört ja niemals auf. Der Tod gehört zum Leben dazu. Abschiede gehören zum Leben dazu. Trauer gehört zum Leben dazu. In meinem Leben werden nicht nur viele meiner Mitmenschen gehen, sondern irgendwann auch ich selbst.

Ich finde es wichtig, dass wir uns intensiv(er) damit auseinandersetzen. Ich habe eine Liste mit Büchern erstellt, die ich zum Großteil selbst gelesen habe. Die Bücher haben mir geholfen. Vielleicht helfen sie dir auch.

11 Antworten auf „Wenn der Vater plötzlich stirbt“

Liebe Sandra,
dieser Blogpost berührt mich sehr. Auch ich habe meinen Vater früh verloren. 2012, da war ich 22 Jahre alt.
Ich kann all die von dir beschriebenen Situationen so gut nachfühlen.
Noch heute bin ich dankbar, dass mir meine Freunde so zur Seite standen.
Am Tag als es passierte schrieb ich, was los war. Sie riefen mich sofort an und fragte, ob sie etwas tun könnten. „Nein, nein, alles gut. Ich muss erstmal klar kommen“. 2 Stunden später standen 2 von ihnen vor meiner Tür, 100 km weit weg von ihrer Arbeit, haben sich frei genommen und mir etwas zu essen vorbei gebracht und gesagt „Wir nehmen uns jetzt ein Hotel in der Nähe. Und wenn du uns brauchst, sind wir sofort da“. Da wusste ich: Das wird alles schwer und scheiße. Aber ich habe wen an meiner Seite. Zu dem Zeitpunkt war ich in keiner Partnerschaft und hatte Sorge „alleine“ zu sein.

Inzwischen komme ich damit klar. Ich merke manchmal gar nicht, dass ich automatisch in der Vergangenheitsform von meinem Paps rede. Und Leute sehen mich dann an und frage:“War“? Und inzwischen kann ich ganz nüchtern sagen, was passiert ist. Zumindest in Kurzversion:“Mein Vater ist gestorben als ich 22 war.“ Und ich merke, wie geschockt manche sind. Oder die häufigste Antwort „Ohje, ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass mein Vater mal nicht mehr ist“ Ich weiß, das ist gar nicht böse gemeint und ich denke mir dann immer so: „Wer kann das schon?“ Ich habe 5 Jahre und eine 2-jährige Therapie gebraucht, um mir das vorstellen zu können.

4 Jahre später starb auch mein Großvater. Mein Zweitpapa quasi. Mein Ein und Alles. Mein Heimathafen. Mein Fels.
Das hat mir dann so richtig den Boden unter den Füßen weggerissen. Und inzwischen denke ich tatsächlich: Ich habe das alles überstanden. Und ja, manchmal bin ich abgrundtief traurig. Aber ich weiß: Jetzt kann nichts mehr kommen, was ich nicht überstehe.

Liebe Sandra,
ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du Deine Erfahrung hier so teilst. Mein Papa ist jetzt auch gegangen, und ich kann und will es niemals glauben. Ich vermisse ihn so.

Liebe Johanna,
ich fühle jede deiner Zeilen 💜 Es gibt nie die richtigen Worte für diesen grauenhaft schmerzlichen Verlust.
Ich wünsche dir von Herzen Menschen und andere Lichte, die dich durch diese Zeit hindurch tragen.

Vielen Dank für deine Zeilen. Ich musste diesen Schmerz jetzt leider auch erfahren. Ganz plötzlich ist mein Papa gestorben, keine Erkrankung, ein schönen Abend hatten wir alle zusammen gehabt. Wir haben uns verabschiedet bis morgen früh zum Frühstück. Bis morgen früh ist eingetroffen aber nicht zum Frühstück sondern zum versuch ihn wiederzubeleben. Es ist so schwer und schmerzhaft. Aufgrund der Pandemie ist man leider ziemlich alleine. Keiner kommt einfach vorbei. Ich versuche die Bilder der Wiederbelebungsversuche, diesen einen Blick von mein Papa weg zubekommen, es geht leider nicht. Dieser eine Tag hat alles verändert, besonders dieser Schmerz.

Ach Chris. Ich danke dir für dein Vertrauen, deine Gefühle hier zu teilen. 💜 Ich habe Gänsehaut, wenn ich deine Zeilen lese, weil sie mich so sehr an meine eigene Geschichte erinnern. Wünsche dir und deiner Familie einen starken Zusammenhalt, viel Liebe und Raum für eure Trauer und alle damit verbundenen Gefühle.

Hallo Sandra,

ich kann es so nachvollziehen. Mein Papa ist am Dienstag plötzlich und unerwartet gestorben. Wir haben gemeinsam zu Abend gegessen, haben zusammen fern geschaut und die Pläne für den nächsten Tag besprochen. Sind alle irgendwann schlafen gegangen.
Der nächste Tag: Ich habe verschlafen, schnell husch husch ab ins Homeoffice-Büro. Kurze Zeit später der verzweifelte Ruf meiner Mama: „komm schnell m, ich krieg Papa nicht wach!!!“ Schock, habe ihn geschüttelt und die Verzweiflung machte sich breit. Er war schon ganz blass und fast grau im Gesicht. Den Nachbar parallel zur Hilfe geholt. Sanitäter und Notarzt waren schnell da, konnten jedoch nichts mehr tun.
Die Nachricht an meine Kollegin: „Er ist tot!“. Drei Worte die ich noch nicht schreiben wollte. Und er fehlt mir so sehr. Wollte ihm doch mein neues Auto zeigen. Er hat sich so für mich gefreut. Aber jetzt ist er einfach nicht mehr da.
Ich muss jetzt für meine Mama da sein.

Liebe Caro,

ich kann jedes deiner Worte nachfühlen. Echt grauenhaft traurig. Euer Verlust tut mir unwahrscheinlich leid.
Ich wünsche euch unendlich viel Liebe, die euch irgendwie durch diese beschissene Zeit und den grauenhaft neuen Alltag trägt 💜

Ich ärgere mich immer über Sätze wie „Die Zeit heilt alle Wunden“. Ich kann natürlich nur aus meiner Erfahrung sprechen und dir sagen: Es wird in jedem Fall anders und im Alltag spielt der Verlust mit der Zeit eine untergeordnete Rolle, so dass es leichter wird und der Schmerz verblasst. Ich finde allerdings, dass es auch nach mittlerweile fast acht Jahren immer noch genauso weh tut, wenn meine Trauer größeren Raum einnimmt. Wenn ich mich schlecht fühle, in Erinnerungen schwelge, mir sehnlichst die Leichtigkeit und den Optimismus meines Vaters wünsche usw. dann ist der Schmerz des Verlustes einfach so, wie damals. Weiß nicht, ob das irgendwann vergeht oder es anderen Menschen (die ggf. nicht so „emotional“ sind) da anders geht.

Liebe Sandra,

ich habe deinen Blog gefunden, da ich gerade nach einem Trauerkreis oder etwas ähnlichem in der Umgebung geschaut habe. So etwas zu finden ist nicht einfach.. ich weiß auch gar nicht ob das zu mir passen würde. Oder umgekehrt, ich zu einem Trauerkreis… aber ich bin einfach so sehr auf der Suche nach irgendetwas das hilft. Sehr wiedergefunden habe ich mich deshalb gerade an dieser Stelle in deinem Bericht.

Mein Papa ist am 16ten Dezember am Coronavirus gestorben. Nach wochenlangem Kampf. Erst zuhause – ich kann mich nicht erinnern, wann mein Papa jemals zuvor auch nur für einen Tag krankgeschrieben war – dann im Krankenhaus, dann auf der Intensivstation, dort dann an der ECMO.
Ich habe ihn in den Herbstferien das letzte Mal gesehen. Am ersten Schultag nach den Herbstferien hat er sich angesteckt, in seiner Klasse.

Er hat seine Klasse geliebt. Er hat das Unterrichten geliebt. Er war immer für alle und jeden da, immer zu sprechen, immer engagiert und mit vollem Einsatz für seine Schüler dabei. Sogar in der Quarantäne wollte er noch an Konferenzen teilnehmen, selbst als die Symptome dann immer stärker wurden… meine Mama hat ihn nach einer schlimmen Nacht zum Hausarzt gefahren. Der hat ihn direkt ins Krankenhaus verwiesen. Dort haben sie sich das letzte Mal bei Bewusstsein gesehen. Er konnte zu dem Zeitpunkt schon kaum mehr sprechen und hatte – wie wir aber erst danach erfuhren – eine katastrophale Sauerstoffsättigung. Da ich wusste, dass er nicht reden kann, schrieb ich ihm an diesem Abend eine SMS. Dass wir an ihn denken und ihn umarmen und bei ihm sind und dass ich hoffe, dass er gut schlafen kann im Krankenhaus. Und dass ich ihn lieb habe.
Um zehn Uhr hat er hat mir geantwortet, dass er uns auch lieb hat und dass alle gut wird. Das ist das letzte, was ich von ihm habe.

Der Schmerz ist gewaltig während ich das schreibe. Aber eigentlich ist er das immer. Man kann ihn nur nicht immer zulassen. Weil es so viel Kraft kostet.

Am nächsten Tag liegt er schon im künstlichen Koma. Ein paar Tage später entscheiden die Ärzte ihn in eine Uniklinik zu bringen, da dort Herz-Lungen-MAschinen zur Verfügung stehen. Genauer gesagt noch genau eine. Und die sollte mein Papa bekommen. Neue Hoffnung.

Jeden Tag gibt es zwei Telefonsprechstunden auf der Intensivstation. Um 12 und um 18 Uhr. Ich übernehme die Anrufe dort. Für mich war es leichter selbst etwas tun zu können, statt auf den Anruf meiner Mama zu warten. Also habe ich ihr das abgenommen. Habe im Anschluss sie angerufen, dann meine Schwester, dann meine Großeltern. Rund vier Stunden am Telefon jeden Tag. Parallel dazu habe ich weiter mein Referendariat gemacht und versucht als Klassenleitung irgendetwas auf die Reihe zu bekommen.

Jeden Tag war etwas anderes. Mal war es die Sauerstoffsättigung, dann die Nieren. Mal lief es besser, mal schlechter. Mal hatten sie ihn auf den Bauch gedreht, mal auf die Seite. Mal war die Narkose stärker, mal konnte sie etwas reduziert werden. Ich versuchte mir alles ganz genau erklären zu lassen, wollte alles verstehen, was da ablief. Wenn ich das Gefühl hatte, es geschieht etwas, die Ärzte handeln und wissen was zu tun ist, hat das geholfen. Dann wusste ich auch meiner Mama und der Familie mehr zu sagen als das Übliche – „die Lage ist kritisch“.

Gern wäre ich in dieser Zeit öfter bei meiner Mama gewesen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass auch sie Corona hatte, wie auch mein Bruder. Die beiden waren also in Isolation zuhause. Genauso auch meine Großeltern, die sich mit meinen Eltern noch zum Kartenspielen verabredet hatten… Alles was ich tun konnte war also die Stellung am Telefon halten. Stark sein, für meinen Papa.

Dann kam die erlösende Nachricht, dass wir ihn nun besuchen dürfen. Nur eine Stunde am Tag, nur eine Person. Mein Freund und ich sind also wann immer es ging nachmittags zum PCR-Test gegangen und haben dann die gute Stunde Autofahrt hinter uns gebracht, wo mein Papa in der Klinik lag. Der Rest meiner Familie durfte ja nicht kommen, da sie selbst in Quarantäne waren. Ich war die einzige dort.

Ich habe ihm vorgelesen, weil die Ärzte und Schwestern meinten, dass er mich vielleicht hören kann. Ich habe ihm erzählt, wie es in der Schule mit meinen Schülern läuft, was meine Geschwister und meine Mama ausrichten ließen und wie es unserer alten Katze geht, die er sehr geliebt hat. Keiner hätte gedacht, dass sie ihn überleben würde. Es war Advent, ich habe ihm Adventslieder vorgesungen. Die Adventszeit wird für mich niemals mehr so sein wie früher.

Vielleicht lag es auch daran, dass alle geglaubt haben, dass er es schafft. Weil Weihnachten in der Luft lag. Weihnachten ohne Papa – das ging doch nicht. Ich habe meinen Bruder am selben Tag noch am Telefon gefragt: „Was ist, wenn er stirbt.“ und er sagte: „Das passiert nicht. Das wird nicht passieren.“ Er war sich so sicher.
Er war auch am Telefon, als ich einige Stunden später zuhause anrief um ihm zu sagen, dass die Ärzte grade angerufen hätten. Es sähe schlecht aus, wir sollten uns auf dem Weg machen. Da haben wir immernoch an ein Wunder geglaubt. An unser Weihnachtswunder.

Als wir schon im Auto saßen haben die Ärzte dann wieder angerufen. Sie sagten uns, dass wir es nicht schaffen würden. Dass er in den nächsten Momenten sterben wird. Ich habe wieder meinen Bruder angerufen. Er saß mit meiner Mama und meiner Schwester auch bereits im Auto, mein Onkel ist gefahren. Der Moment, in dem ich ihm sagte, dass unser Papa bereits tot ist.. ich konnte durchs Telefon hören, wie sein Herz brach. Im Hintergrund konnte ich meine Schwester nur schreien hören.

Wir kamen alle fast zeitgleich am Krankenhaus an. Wir durften alle hinein, auch ohne PCR-Test (alle jedoch geimpft) – was eine unglaubliche Ausnahme war und wofür ich den Ärzten immer noch so dankbar bin. Ich weiß, sie haben alles für unseren Papa getan. Sie waren selbst sprachlos. Ich weiß nicht wie lange wir im Zimmer bei unserem Papa waren. Ich denke die Zeit war sehr wichtig. Obwohl ich nicht sicher bin, ob er noch da war.
Man neigt ja dazu sich einzubilden, dass mein den Verstorbenen irgendwie „fühlen“ kann oder sogar hören oder dergleichen… mir ging das nicht so. Ich habe vom ersten Moment an nur diesem Schmerz gefühlt. Diese Leere und den Verlust. Dass er einfach so weg ist. Dabei bin ich sogar gläubig und glaube an ein Leben nach dem Tod. Aber ob es da tatsächlich eine Verbindung geben kann zwischen uns und ihnen. Oder ob wir uns das nur wünschen … keine Ahnung.

Es tröstet mich, dass meine Mama nochmal bei ihm war. Sie hatte einige Tage vorher die Quarantäne beendet und war zu ihm gefahren. Sie war lange bei ihm. Die Ärzte sagen, er hat wohl noch durchgehalten, um sie nochmal sehen zu können. Um sich von ihr zu verabschieden. Das würden sie öfter beobachten. Es tut mir so wahnsinnig leid, dass meine Geschwister das nicht konnten. Sie konnten ihn nie besuchen. Ich weiß nicht, wie schlimm, dass für sie tatsächlich ist, oder was ihre letzte Erinnerung an ihn ist. Ich werde diese Besuche im Krankenhaus, bei welchen ich ganz allein an diesem Bett neben einem so gebeutelten Körper saß, der scheinbar überall von Schläuchen durchdrungen zu sein schien, nie vergessen. Dieser Geruch. Dieses Licht. Die Geräusche. Und der unnatürliche Rhythmus in dem sich sein Brustkorb hob und senkte. Die Ärzte sagen zwar, dass während des Komas vielleicht trotz Narkose etwas hören oder spüren konnte, wenn Besuch da war. Doch eigentlich hoffe ich, dass er nichts von all dem gemerkt hat. Ich hoffe, dass er da schon an einem besseren Ort war, wo er keine Schmerzen hatte und frei atmen konnte.

Er hatte während der Besuche schon nichtmehr ausgesehen wie mein Papa. Der Bart war ab – aus hygienischen Gründen – die Hautfarbe gelb und ungesund, die Gliedmaßen und auch das Gesicht seltsam aufgequollen und mit Blutergüssen an manchen Stellen. Und dieses Leblose. Dieser erbarmungslose Zustand in dem er war. Diese Ohnmacht sich gegen all das zu wehren. Mein Papa war ein Macher. Ein absoluter Mann der Tat. Er wusste immer was zu tun war und ein Vertreter der Theorie „Einfach anfangen!“. Ihn so zu sehen. So ausgeliefert… das war so schrecklich und so fremd.

Es kam Weihnachten. Dann Silvester. Irgendwo dazwischen die Beerdigung. Und dann ging irgendwann der Alltag wieder los. Und seitdem weiß ich eigentlich nicht was ich hier mache. Das Referendariat abzubrechen… wäre echt scheiße. Ich weiß nicht ob ich dann je wieder anfangen würde. Und wofür war das dann alles. Fast zehn Jahr Ausbildung. Ich weiß – mein Papa wäre stolz auf mich, egal was ich mache. Aber ich will es trotzdem durchziehen. Ich weiß nur an den meisten Tagen nicht mal wie ich aufstehen soll. Dann verdränge ich. Schau Serien, spüle ab, putze, telefoniere….

Es ist einfach zu schwer. Es ist zu anstrengend. Ich kann diesen Weg nicht jeden Tag gehen. Durch diesen dunklen Sumpf. Ich muss ja für eine Horde Schüler präsent sein.
Und nun – nun wollte es das Schicksal, oder das Universum, oder der liebe Gott oder sonstwer, dass ich ebenfalls Corona bekomme. Ich war nun fast drei Wochen krankgeschrieben. Meine Lehrprobe ist verschoben worden. Ich war zuhause und hatte Zeit. Übermorgen muss ich wieder in die Schule und ich fühle mich kein Stück ausgeruhter. Kein bisschen optimistischer, das alles in den Griff zu kriegen. Keinen Schritt weiter. Was soll ich denn nur tun? Er fehlt mir so unglaublich. Ich kann nicht begreifen, was geschehen ist.

Liebe Christine,

ich sitze hier gerade beim Frühstück vor dem PC und heule. Dein Kommentar hat mich sehr berührt 💜 Ich fühle einfach alles. Wünsche dir sehr, dass das Ankommen im Alltag mit deinen Schülern dir in der Zukunft eine Stütze ist. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass dieser „Ich muss funktionieren“-Alltag hilfreich war. Auch wenn es mich gleichzeitig immer wieder wahnsinnig gewurmt hat, dass das Leben einfach so weiterläuft. Zum überwiegenden Teil war es für mich dennoch hilfreich. Wobei ein „Ich fühle mich kein Stück ausgeruhter“ natürlich absolut ernst genommen werden will 💜.

Ich glaube, dass das Schreiben / Sprechen zumindest ein Ventil sein kann. Und ich finde es schön, dass immer mehr Menschen den Weg hierher finden, um ihre Gefühlen & Gedanken zu teilen.

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