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Aus dem Leben

Wenn der Vater plötzlich stirbt

Mein Vater starb mit 48 Jahren, kerngesund und völlig unerwartet. Wie geht man damit um? Wie kann man helfen und wo Hilfe finden? Ich erzähle von meinem Weg.

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Die Nacht, als er starb

In der Nacht vom 13.07.2014 auf den 14.07.2014 klingelte es morgens gegen vier Uhr Sturm an der Tür. Während mein Freund Marius die Tür öffnete, sah ich auf meinem Smartphone und Telefon mehrere verpasste Anrufe meiner Mutter, meines Bruders und unbekannter Rufnummern. Ich glaube, ich hatte auch Nachrichten bei WhatsApp, daran erinnere ich mich allerdings nicht mehr genau.

Am Abend zuvor saß ich bis 22:00 Uhr und übte mit einem Video von Jacko Wusch den Cup Song. Ich wollte meinen Vater mit meinen „Trommel-Skills“ battlen und „beeindrucken“. Nachdem ich das drauf hatte, ging ich glücklich und zufrieden ins Bett.

Im ersten Moment dachte ich, meine Eltern hätten mal wieder mit Freunden gefeiert und uns spontan einladen wollen. Das kam öfter mal vor (wenn auch nicht zu solcher Uhrzeit). Dass sie dann aber zu uns kommen und klingeln machte mir Angst. Als ich in den Flur ging und zur Tür sah, standen mein kleiner Bruder und seine Freundin da. Er sagte:

„Wir haben keinen Papa mehr, Sandra. Papa ist gestorben.“

Ich konnte das gar nicht begreifen. Ich glaube, ich sagte „Ach du Scheiße.“ und sonst nichts. Mein Gehirn ratterte. Was ist denn nur los? Was ist passiert? Er war doch gesund. Er ist doch erst 47! Für mich war das völlig irreal. Das ein Mensch einfach so weg sein soll.

Wir fuhren wortlos zur Wohnung meiner Eltern. Im Radio lief „Happy“ von Pharrell Williams und ich dachte „Was für ein dummes, scheiß Lied.“

Bei meinen Eltern angekommen, sitzen meine Mama und Bekannte am Esstisch. Meine Mama. Ohne Papa. Wie soll das nur gehen? Was soll ich machen? Wie kann ich ihr helfen? Sie sah gefasst und fertig aus. Wie kann ich meinem Bruder helfen? Was tut man, wenn gerade jemand gestorben ist? Wie soll man reagieren? Wir setzen uns hin und schweigen. Zwischendurch informieren wir Angehörige.

Auf dem Boden im Wohnzimmer, dort wo es passiert ist, liegen noch kleine Plastikteile von den Kanülen, die sie Papa gespritzt hatten. Ich hebe sie auf und stecke sie ein. Das einzig Greifbare für mich. Der einzige „Beweis“, dass das heute Nacht wirklich passiert ist. Ich halte sie noch Jahre später immer wieder in den Händen, um begreifen zu können.

Mama oder irgendwer anders erzählt, dass Papa nach einem Spieleabend mit Freunden noch den Müll runter gebracht hat und dabei Schmerzen hatte. Er glaubte, starke Rückenschmerzen zu haben und bat meine Mutter um eine Schmerztablette. Meine Ma ging schon zu Bett, während mein Vater sich auf der Terrasse die Beine vertreten wollte.

Dann hörte sie einen dumpfen Knall. Sie rief meinen Vater. Er antwortete nicht. Im Wohnzimmer fand sie ihn nach Luft ringend halb über der Couch liegend. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Sie beatmete ihn. Rief den Krankenwagen. Machte eine Herz-Druck Massage. Sie versucht verzweifelt jemanden von uns zu erreichen. Bekannte kamen vorbei. Der Notarzt trifft ein. Sie versuchen ihn wiederzubeleben.

Es geht mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Mittlerweile wurden auch mein Bruder und seine Freundin telefonisch erreicht. Marius und mich bekommt niemand ans Telefon. Sie sitzen im Krankenhaus, bangen und hoffen gemeinsam, während um Papas Leben gekämpft wird. Ich schlafe seelenruhig in meinem Bett. Der Kampf war vergebens. Er stirbt. Nur eine Woche, nachdem dieses Foto entstand.

Der Schock nach dem Tod

sitzt tief. Uns wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Mein Opa ist nur wenige Monate vorher gestorben. Wir hatten das noch gar nicht verarbeitet. Jetzt müssen wir Oma sagen, dass auch noch ihr Sohn gestorben ist. Wir fahren morgens, wenige Stunden nach Papas Todeskampf, sehr früh gemeinsam hin. Oma lächelt uns irritiert an, als sie uns am Tor stehen sieht. Ich sehe sie in ihrem Nachthemd auf dem Hof stehen. Ihr Herz bricht, als sie erfährt, was passiert ist.

Wir sitzen schweigend auf der Couch. Wir sechs Hinterbliebenen. Ohne Opa. Ohne Papa. Ohne Mann. Ohne Sohn. Ohne Schwiegervater. Oma sagt immer wieder „Ich kann das nicht glauben. Ich kann das nicht glauben.“. Es zerreißt uns alle. Wir fahren gemeinsam zu Mama nach Hause.


Die Totenstille

Die Stille ist fast unerträglich. Alles läuft ab wie in einem Film. Ich schreibe meinen Freundinnen was passiert ist. Hoffe, dass jemand vorbei kommt und mich aufweckt. Aber es kommt niemand.

Ab Mittags ist die Wohnung meiner Eltern voller Menschen. Freunde, Bekannte, Verwandte meiner Familie finden sich ein. Menschen, die wir teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen oder gesprochen haben sind plötzlich da. In diesem Moment denke ich noch „Wir sind nicht alleine!“.

Es herrscht eine gespenstige Totenstille. Und doch sitzen wir abends auf der Terrasse und lachen über Papas Witze. Mit Menschen, die wir seit Monaten, manche seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Sich nur wenige Stunden nach dem Tod zu erinnern fühlt sich seltsam an und doch tut dieser Hauch Normalität in mitten der Totenstille irgendwie gut.

Ein Teil der Stille ist dennoch bis heute geblieben.


Weitermachen

Sofort merkt man: Die Welt dreht sich unerbittlich weiter. Es gibt keine Zeit, um schwach zu sein. Keinen Raum. Für niemanden von uns. Trauer hat in dieser Gesellschaft keinen Platz. Das Leben geht weiter. Mit oder ohne dich.

Es ist so viel zu regeln. Die Beerdigung. Rechtlicher Kram. Ein Betrieb der weiter geführt werden soll. Du stehst völlig alleine da, funktionierst wie ein Roboter und verlässt dich auf das, was dir „Expert*innen“ sagen (nur um später herauszufinden, dass du völlig falsch beraten wurdest).

Ich schreibe wenige Tage nach Papas Tod mein Abitur. Zwei weitere Wochen später beerdigen wir Papa. Gefühlte Ewigkeiten stehen wir am Grab. Weit über 300 Menschen kondolieren. Selbst der Vermieter, der uns abzocken wollte, ist gekommen, um seine Neugierde zu stillen und wird vom Pastor zum Glück nach Hause geschickt. Die Menschen sagen alle „Es tut uns so leid. Wenn ihr was braucht. Meldet euch. Ihr seid nicht allein.“.

Wieder habe ich diese Hoffnung, Hilfe zu bekommen.

Meine Familie retten zu können.

Aber es hilft niemand.

Nach wenigen Wochen ebbt das Interesse und Mitgefühl ab. Die Menschen schauen nur noch betreten, wenn sie uns sehen. Hier und da wird gelästert, dass meine Mutter das mit dem Betrieb nicht schafft, dass wir zu fröhlich sind, dass wir uns zu sehr hängen lassen oder was immer sonst den Menschen einfällt. Jeder weiß besser, wie es zu laufen hat. Aber niemand ist da, um zu helfen. Die Enttäuschung über all die leeren Versprechungen hält bei mir bis heute an.

Wir machen derweil alleine weiter. Unseren Alltag wuppen, uns um uns kümmern und gleichzeitig auch um Oma, die in ihrem Haus vereinsamt und droht, an gebrochenem Herz zu sterben. Wir schaffen es. Irgendwie. Müssen wir ja. Jeder für sich auf seine Art. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger gut.


Trauer hat viele Facetten

Was die Gesellschaft nicht begriffen hat: Trauer hat viele Facetten und hört niemals ganz auf. Aber genau das ist es, was die Gesellschaft (teils unterbewusst) erwartet und zugleich verurteilt: Irgendwann sollte mit deiner Trauer auch mal gut sein!

Die Vermieterin pisst sich an, weil der Garten „wild“ ist – das muss man doch langsam mal in den Griff kriegen! Oma ist völlig am Ende und soll sich doch bitte mal zusammen reißen. Es trauern schließlich alle. Wir hingegen sind „zu fröhlich“. Nach einem Foto, auf dem meine Mutter sich erdreistet zu lachen, schickt man ihr kommentarlos per Kurznachricht Papas Todesanzeige. Als dürfte man nie wieder lachen. Als würde das Lachen irgendeinen Unterschied machen. Als könnte man jemals vergessen, was passiert ist.

Papa ist immer da. Er lebt weiter. In uns. In unseren Erinnerungen aus Musik, Gerüchen, Farben, Menschen, Zigarettenrauch, Vögeln, Federn, Orten, Daten und ja sogar der kleinen Plastikkappe der Kanüle, die an seinem Todestag auf den Boden kullerte.

Trauer ist nie gleich. Wir alle trauern auf unterschiedliche Art und in unterschiedlichen Phasen. Manche schweigen, manche schreien, manche weinen, manche schreiben, manche reden, manche wüten, manche fallen, manche verdrängen, manche feiern. An manchen Tagen ist alles auf einmal da, an anderen nichts.

Man träumt, man phantasiert, man (hinter)fragt, man klagt an, man sucht. Trauer ist mal still und mal laut. Manchmal manisch verrückt. Nichts davon ist falsch. Nichts besser oder schlechter. Die Trauer verändert sich und man selbst verändert sich.

An manchen Tagen holt mich die Trauer ein. Sie fällt mit der Tür ins Haus und drückt mich zu Boden, wie eine schwere Kettendecke. Auch Jahre später noch. Jeder, der es selbst erlebt hat, weiß wie es ist. Das Einzige das hilft, ist hindurch zu gehen.


Meine Trauer

Ich trauere, in dem ich schreibe, rede, erinnere, kreativ bin, weine, los gehe, verdränge und wüte.

Manchmal weine ich wie ein Schlosshund (auch heute noch) und vermisse meinen Papa und meinen Opa schrecklich. In diesen Momenten glaube ich, dass mit ihnen in dieser Welt ALLES SOFORT besser wäre und sie alle Probleme lösen würden.

Manchmal erinnere ich mich und fühle mich geborgen.

Manchmal, so wie heute, schreibe ich. Für mich, für dich und für alle anderen, die betroffen sind, nicht weiter wissen oder einfach wen suchen, dem es ein bisschen ähnlich geht.

Manchmal bin ich richtig wütend. Wütend auf die Welt, auf meinen Opa, das Gesundheitssystem, meinen Vater.

Ich habe tausende Fragen. Warum ihr? Warum so früh? Warum so schlimm? Warum waren eure Kämpfe vergebens? Warum habe ich das Telefon nicht gehört? Was hätte ich tun können? Was habt ihr gefühlt, als ihr gehen musstest? Tat es weh? Hattet ihr Angst? Könnt ihr uns sehen? Wie würdet ihr handeln? Wie würdet ihr euch entscheiden? Was wäre euer Rat? Haben wir richtig gehandelt? Ist alles gut? Wo seid ihr?

Außerdem bin ich in Gedanken besonders viel bei meinem „kleinen“ Bruder und meiner Mutter. Ich will ihre Schmerzen und ihre Last auf mich nehmen. Will alles tun, damit es ihnen besser geht. Nichts tun zu können und zu wissen, das nichts hilft, macht mich in diesen Momenten noch fertiger, als zu wissen, dass mein Vater tot ist. Für immer.


Was hat mir geholfen?

Ich habe ganz oft nach Trauergruppen für junge Erwachsene Ausschau gehalten. Habe verzweifelt Angebote gesucht, die mich irgendwie auffangen. Menschen, die außerhalb meiner Familie, meinen Verlust verstehen können, denen es ähnlich geht. Aber vor allem auch eine Gruppe, in der ich den Alltag vergessen und neu leben lerne. Hier in Wuppertal gab es das in der gesuchten Form nicht.

Was mir geholfen hat, ist mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und mich um mich zu kümmern. Ich habe angefangen, Frauenworkshops zu besuchen, bin viel raus gegangen, habe viel über Trauer & Tod gelesen, viel „Seelenarbeit“ geleistet, mich mit mir beschäftigt, viel geschrieben, geredet, geweint und vor allem weiter am Leben teilgenommen.

Der Verlust meines Vaters ist immer da und zu einem Teil meines Lebens geworden, aber obwohl es unvorstellbar für mich war , geht mein Leben ohne ihn weiter. Sein Tod war für mich, trotz all der Grausamkeit, auch ein Weckruf, der mich viel lehrte und positiv beeinflusst hat.

Und auch heute ist es noch das, was mir am besten hilft. Mich informieren, mit mir beschäftigen und raus gehen. Und die Phasen der Trauer und Traurigkeit zulassen.


Wie kann ich Trauernden helfen?

Außenstehende haben enorme Berührungsängste, Angst etwas falsch zu machen. Wenn es dir so geht, dann sprich offen darüber. Sag: „Ich bin total überfordert. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich würde dir so gerne helfen!“.

Mir hat es total gefehlt, dass einfach mal jemand kommt und da ist. Außerhalb von Marius. Jemand, der mich aus meinem Alltagstrott holt, mir zuhört oder einfach nur schweigend mit mir da sitzt. Anderen geht es vielleicht ganz anders. Deshalb: Lasst uns gemeinsam reden 💜

Und wenn du sagst, dass du da bist und da sein willst, dann: Sei da. Sag es nicht nur, sondern TU es. Bring was zu essen vorbei. Schweigt gemeinsam. Weint gemeinsam. Wütet gemeinsam. Hör zu. Halte fest, wenn dein Gegenüber das mag. Vielleicht kannst du sogar alltägliche Dinge regeln. Einkäufe erledigen. Den Müll runterbringen. Tiere versorgen. Rasen mähen. Post wegbringen. Kündigungen schreiben. Oder für Ablenkung sorgen. Einen guten Film. Einen Spaziergang. Irgendwas.

Es gibt außerdem eine wundervolle Seite: Vergiss-mein-nie.de. Ich habe sie über eine Empfehlung entdeckt und finde das Angebot ganz, ganz großartig. Hier finden Angehörige und Betroffene nicht nur Hilfe, sondern auch wirklich schnuckelige Sachen, die die Trauer vielleicht etwas weicher machen.



Bücher über Trauer & Tod

Ich habe unglaublich viel zum Thema gelesen und lese weiterhin sehr viel zum Thema Tod & Trauer. Denn das hört ja niemals auf. Der Tod gehört zum Leben dazu. Abschiede gehören zum Leben dazu. Trauer gehört zum Leben dazu. In meinem Leben werden nicht nur viele meiner Mitmenschen gehen, sondern irgendwann auch ich selbst.

Ich finde es wichtig, dass wir uns intensiv(er) damit auseinandersetzen. Ich habe eine Liste mit Büchern erstellt, die ich zum Großteil selbst gelesen habe. Die Bücher haben mir geholfen. Vielleicht helfen sie dir auch.

25 Antworten auf „Wenn der Vater plötzlich stirbt“

Liebe Sandra,
dieser Blogpost berührt mich sehr. Auch ich habe meinen Vater früh verloren. 2012, da war ich 22 Jahre alt.
Ich kann all die von dir beschriebenen Situationen so gut nachfühlen.
Noch heute bin ich dankbar, dass mir meine Freunde so zur Seite standen.
Am Tag als es passierte schrieb ich, was los war. Sie riefen mich sofort an und fragte, ob sie etwas tun könnten. „Nein, nein, alles gut. Ich muss erstmal klar kommen“. 2 Stunden später standen 2 von ihnen vor meiner Tür, 100 km weit weg von ihrer Arbeit, haben sich frei genommen und mir etwas zu essen vorbei gebracht und gesagt „Wir nehmen uns jetzt ein Hotel in der Nähe. Und wenn du uns brauchst, sind wir sofort da“. Da wusste ich: Das wird alles schwer und scheiße. Aber ich habe wen an meiner Seite. Zu dem Zeitpunkt war ich in keiner Partnerschaft und hatte Sorge „alleine“ zu sein.

Inzwischen komme ich damit klar. Ich merke manchmal gar nicht, dass ich automatisch in der Vergangenheitsform von meinem Paps rede. Und Leute sehen mich dann an und frage:“War“? Und inzwischen kann ich ganz nüchtern sagen, was passiert ist. Zumindest in Kurzversion:“Mein Vater ist gestorben als ich 22 war.“ Und ich merke, wie geschockt manche sind. Oder die häufigste Antwort „Ohje, ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass mein Vater mal nicht mehr ist“ Ich weiß, das ist gar nicht böse gemeint und ich denke mir dann immer so: „Wer kann das schon?“ Ich habe 5 Jahre und eine 2-jährige Therapie gebraucht, um mir das vorstellen zu können.

4 Jahre später starb auch mein Großvater. Mein Zweitpapa quasi. Mein Ein und Alles. Mein Heimathafen. Mein Fels.
Das hat mir dann so richtig den Boden unter den Füßen weggerissen. Und inzwischen denke ich tatsächlich: Ich habe das alles überstanden. Und ja, manchmal bin ich abgrundtief traurig. Aber ich weiß: Jetzt kann nichts mehr kommen, was ich nicht überstehe.

Liebe Sandra,
ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du Deine Erfahrung hier so teilst. Mein Papa ist jetzt auch gegangen, und ich kann und will es niemals glauben. Ich vermisse ihn so.

Liebe Johanna,
ich fühle jede deiner Zeilen 💜 Es gibt nie die richtigen Worte für diesen grauenhaft schmerzlichen Verlust.
Ich wünsche dir von Herzen Menschen und andere Lichte, die dich durch diese Zeit hindurch tragen.

Vielen Dank für deine Zeilen. Ich musste diesen Schmerz jetzt leider auch erfahren. Ganz plötzlich ist mein Papa gestorben, keine Erkrankung, ein schönen Abend hatten wir alle zusammen gehabt. Wir haben uns verabschiedet bis morgen früh zum Frühstück. Bis morgen früh ist eingetroffen aber nicht zum Frühstück sondern zum versuch ihn wiederzubeleben. Es ist so schwer und schmerzhaft. Aufgrund der Pandemie ist man leider ziemlich alleine. Keiner kommt einfach vorbei. Ich versuche die Bilder der Wiederbelebungsversuche, diesen einen Blick von mein Papa weg zubekommen, es geht leider nicht. Dieser eine Tag hat alles verändert, besonders dieser Schmerz.

Ach Chris. Ich danke dir für dein Vertrauen, deine Gefühle hier zu teilen. 💜 Ich habe Gänsehaut, wenn ich deine Zeilen lese, weil sie mich so sehr an meine eigene Geschichte erinnern. Wünsche dir und deiner Familie einen starken Zusammenhalt, viel Liebe und Raum für eure Trauer und alle damit verbundenen Gefühle.

Hallo Sandra,

ich kann es so nachvollziehen. Mein Papa ist am Dienstag plötzlich und unerwartet gestorben. Wir haben gemeinsam zu Abend gegessen, haben zusammen fern geschaut und die Pläne für den nächsten Tag besprochen. Sind alle irgendwann schlafen gegangen.
Der nächste Tag: Ich habe verschlafen, schnell husch husch ab ins Homeoffice-Büro. Kurze Zeit später der verzweifelte Ruf meiner Mama: „komm schnell m, ich krieg Papa nicht wach!!!“ Schock, habe ihn geschüttelt und die Verzweiflung machte sich breit. Er war schon ganz blass und fast grau im Gesicht. Den Nachbar parallel zur Hilfe geholt. Sanitäter und Notarzt waren schnell da, konnten jedoch nichts mehr tun.
Die Nachricht an meine Kollegin: „Er ist tot!“. Drei Worte die ich noch nicht schreiben wollte. Und er fehlt mir so sehr. Wollte ihm doch mein neues Auto zeigen. Er hat sich so für mich gefreut. Aber jetzt ist er einfach nicht mehr da.
Ich muss jetzt für meine Mama da sein.

Liebe Caro,

ich kann jedes deiner Worte nachfühlen. Echt grauenhaft traurig. Euer Verlust tut mir unwahrscheinlich leid.
Ich wünsche euch unendlich viel Liebe, die euch irgendwie durch diese beschissene Zeit und den grauenhaft neuen Alltag trägt 💜

Ich ärgere mich immer über Sätze wie „Die Zeit heilt alle Wunden“. Ich kann natürlich nur aus meiner Erfahrung sprechen und dir sagen: Es wird in jedem Fall anders und im Alltag spielt der Verlust mit der Zeit eine untergeordnete Rolle, so dass es leichter wird und der Schmerz verblasst. Ich finde allerdings, dass es auch nach mittlerweile fast acht Jahren immer noch genauso weh tut, wenn meine Trauer größeren Raum einnimmt. Wenn ich mich schlecht fühle, in Erinnerungen schwelge, mir sehnlichst die Leichtigkeit und den Optimismus meines Vaters wünsche usw. dann ist der Schmerz des Verlustes einfach so, wie damals. Weiß nicht, ob das irgendwann vergeht oder es anderen Menschen (die ggf. nicht so „emotional“ sind) da anders geht.

Liebe Sandra,

ich habe deinen Blog gefunden, da ich gerade nach einem Trauerkreis oder etwas ähnlichem in der Umgebung geschaut habe. So etwas zu finden ist nicht einfach.. ich weiß auch gar nicht ob das zu mir passen würde. Oder umgekehrt, ich zu einem Trauerkreis… aber ich bin einfach so sehr auf der Suche nach irgendetwas das hilft. Sehr wiedergefunden habe ich mich deshalb gerade an dieser Stelle in deinem Bericht.

Mein Papa ist am 16ten Dezember am Coronavirus gestorben. Nach wochenlangem Kampf. Erst zuhause – ich kann mich nicht erinnern, wann mein Papa jemals zuvor auch nur für einen Tag krankgeschrieben war – dann im Krankenhaus, dann auf der Intensivstation, dort dann an der ECMO.
Ich habe ihn in den Herbstferien das letzte Mal gesehen. Am ersten Schultag nach den Herbstferien hat er sich angesteckt, in seiner Klasse.

Er hat seine Klasse geliebt. Er hat das Unterrichten geliebt. Er war immer für alle und jeden da, immer zu sprechen, immer engagiert und mit vollem Einsatz für seine Schüler dabei. Sogar in der Quarantäne wollte er noch an Konferenzen teilnehmen, selbst als die Symptome dann immer stärker wurden… meine Mama hat ihn nach einer schlimmen Nacht zum Hausarzt gefahren. Der hat ihn direkt ins Krankenhaus verwiesen. Dort haben sie sich das letzte Mal bei Bewusstsein gesehen. Er konnte zu dem Zeitpunkt schon kaum mehr sprechen und hatte – wie wir aber erst danach erfuhren – eine katastrophale Sauerstoffsättigung. Da ich wusste, dass er nicht reden kann, schrieb ich ihm an diesem Abend eine SMS. Dass wir an ihn denken und ihn umarmen und bei ihm sind und dass ich hoffe, dass er gut schlafen kann im Krankenhaus. Und dass ich ihn lieb habe.
Um zehn Uhr hat er hat mir geantwortet, dass er uns auch lieb hat und dass alle gut wird. Das ist das letzte, was ich von ihm habe.

Der Schmerz ist gewaltig während ich das schreibe. Aber eigentlich ist er das immer. Man kann ihn nur nicht immer zulassen. Weil es so viel Kraft kostet.

Am nächsten Tag liegt er schon im künstlichen Koma. Ein paar Tage später entscheiden die Ärzte ihn in eine Uniklinik zu bringen, da dort Herz-Lungen-MAschinen zur Verfügung stehen. Genauer gesagt noch genau eine. Und die sollte mein Papa bekommen. Neue Hoffnung.

Jeden Tag gibt es zwei Telefonsprechstunden auf der Intensivstation. Um 12 und um 18 Uhr. Ich übernehme die Anrufe dort. Für mich war es leichter selbst etwas tun zu können, statt auf den Anruf meiner Mama zu warten. Also habe ich ihr das abgenommen. Habe im Anschluss sie angerufen, dann meine Schwester, dann meine Großeltern. Rund vier Stunden am Telefon jeden Tag. Parallel dazu habe ich weiter mein Referendariat gemacht und versucht als Klassenleitung irgendetwas auf die Reihe zu bekommen.

Jeden Tag war etwas anderes. Mal war es die Sauerstoffsättigung, dann die Nieren. Mal lief es besser, mal schlechter. Mal hatten sie ihn auf den Bauch gedreht, mal auf die Seite. Mal war die Narkose stärker, mal konnte sie etwas reduziert werden. Ich versuchte mir alles ganz genau erklären zu lassen, wollte alles verstehen, was da ablief. Wenn ich das Gefühl hatte, es geschieht etwas, die Ärzte handeln und wissen was zu tun ist, hat das geholfen. Dann wusste ich auch meiner Mama und der Familie mehr zu sagen als das Übliche – „die Lage ist kritisch“.

Gern wäre ich in dieser Zeit öfter bei meiner Mama gewesen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass auch sie Corona hatte, wie auch mein Bruder. Die beiden waren also in Isolation zuhause. Genauso auch meine Großeltern, die sich mit meinen Eltern noch zum Kartenspielen verabredet hatten… Alles was ich tun konnte war also die Stellung am Telefon halten. Stark sein, für meinen Papa.

Dann kam die erlösende Nachricht, dass wir ihn nun besuchen dürfen. Nur eine Stunde am Tag, nur eine Person. Mein Freund und ich sind also wann immer es ging nachmittags zum PCR-Test gegangen und haben dann die gute Stunde Autofahrt hinter uns gebracht, wo mein Papa in der Klinik lag. Der Rest meiner Familie durfte ja nicht kommen, da sie selbst in Quarantäne waren. Ich war die einzige dort.

Ich habe ihm vorgelesen, weil die Ärzte und Schwestern meinten, dass er mich vielleicht hören kann. Ich habe ihm erzählt, wie es in der Schule mit meinen Schülern läuft, was meine Geschwister und meine Mama ausrichten ließen und wie es unserer alten Katze geht, die er sehr geliebt hat. Keiner hätte gedacht, dass sie ihn überleben würde. Es war Advent, ich habe ihm Adventslieder vorgesungen. Die Adventszeit wird für mich niemals mehr so sein wie früher.

Vielleicht lag es auch daran, dass alle geglaubt haben, dass er es schafft. Weil Weihnachten in der Luft lag. Weihnachten ohne Papa – das ging doch nicht. Ich habe meinen Bruder am selben Tag noch am Telefon gefragt: „Was ist, wenn er stirbt.“ und er sagte: „Das passiert nicht. Das wird nicht passieren.“ Er war sich so sicher.
Er war auch am Telefon, als ich einige Stunden später zuhause anrief um ihm zu sagen, dass die Ärzte grade angerufen hätten. Es sähe schlecht aus, wir sollten uns auf dem Weg machen. Da haben wir immernoch an ein Wunder geglaubt. An unser Weihnachtswunder.

Als wir schon im Auto saßen haben die Ärzte dann wieder angerufen. Sie sagten uns, dass wir es nicht schaffen würden. Dass er in den nächsten Momenten sterben wird. Ich habe wieder meinen Bruder angerufen. Er saß mit meiner Mama und meiner Schwester auch bereits im Auto, mein Onkel ist gefahren. Der Moment, in dem ich ihm sagte, dass unser Papa bereits tot ist.. ich konnte durchs Telefon hören, wie sein Herz brach. Im Hintergrund konnte ich meine Schwester nur schreien hören.

Wir kamen alle fast zeitgleich am Krankenhaus an. Wir durften alle hinein, auch ohne PCR-Test (alle jedoch geimpft) – was eine unglaubliche Ausnahme war und wofür ich den Ärzten immer noch so dankbar bin. Ich weiß, sie haben alles für unseren Papa getan. Sie waren selbst sprachlos. Ich weiß nicht wie lange wir im Zimmer bei unserem Papa waren. Ich denke die Zeit war sehr wichtig. Obwohl ich nicht sicher bin, ob er noch da war.
Man neigt ja dazu sich einzubilden, dass mein den Verstorbenen irgendwie „fühlen“ kann oder sogar hören oder dergleichen… mir ging das nicht so. Ich habe vom ersten Moment an nur diesem Schmerz gefühlt. Diese Leere und den Verlust. Dass er einfach so weg ist. Dabei bin ich sogar gläubig und glaube an ein Leben nach dem Tod. Aber ob es da tatsächlich eine Verbindung geben kann zwischen uns und ihnen. Oder ob wir uns das nur wünschen … keine Ahnung.

Es tröstet mich, dass meine Mama nochmal bei ihm war. Sie hatte einige Tage vorher die Quarantäne beendet und war zu ihm gefahren. Sie war lange bei ihm. Die Ärzte sagen, er hat wohl noch durchgehalten, um sie nochmal sehen zu können. Um sich von ihr zu verabschieden. Das würden sie öfter beobachten. Es tut mir so wahnsinnig leid, dass meine Geschwister das nicht konnten. Sie konnten ihn nie besuchen. Ich weiß nicht, wie schlimm, dass für sie tatsächlich ist, oder was ihre letzte Erinnerung an ihn ist. Ich werde diese Besuche im Krankenhaus, bei welchen ich ganz allein an diesem Bett neben einem so gebeutelten Körper saß, der scheinbar überall von Schläuchen durchdrungen zu sein schien, nie vergessen. Dieser Geruch. Dieses Licht. Die Geräusche. Und der unnatürliche Rhythmus in dem sich sein Brustkorb hob und senkte. Die Ärzte sagen zwar, dass während des Komas vielleicht trotz Narkose etwas hören oder spüren konnte, wenn Besuch da war. Doch eigentlich hoffe ich, dass er nichts von all dem gemerkt hat. Ich hoffe, dass er da schon an einem besseren Ort war, wo er keine Schmerzen hatte und frei atmen konnte.

Er hatte während der Besuche schon nichtmehr ausgesehen wie mein Papa. Der Bart war ab – aus hygienischen Gründen – die Hautfarbe gelb und ungesund, die Gliedmaßen und auch das Gesicht seltsam aufgequollen und mit Blutergüssen an manchen Stellen. Und dieses Leblose. Dieser erbarmungslose Zustand in dem er war. Diese Ohnmacht sich gegen all das zu wehren. Mein Papa war ein Macher. Ein absoluter Mann der Tat. Er wusste immer was zu tun war und ein Vertreter der Theorie „Einfach anfangen!“. Ihn so zu sehen. So ausgeliefert… das war so schrecklich und so fremd.

Es kam Weihnachten. Dann Silvester. Irgendwo dazwischen die Beerdigung. Und dann ging irgendwann der Alltag wieder los. Und seitdem weiß ich eigentlich nicht was ich hier mache. Das Referendariat abzubrechen… wäre echt scheiße. Ich weiß nicht ob ich dann je wieder anfangen würde. Und wofür war das dann alles. Fast zehn Jahr Ausbildung. Ich weiß – mein Papa wäre stolz auf mich, egal was ich mache. Aber ich will es trotzdem durchziehen. Ich weiß nur an den meisten Tagen nicht mal wie ich aufstehen soll. Dann verdränge ich. Schau Serien, spüle ab, putze, telefoniere….

Es ist einfach zu schwer. Es ist zu anstrengend. Ich kann diesen Weg nicht jeden Tag gehen. Durch diesen dunklen Sumpf. Ich muss ja für eine Horde Schüler präsent sein.
Und nun – nun wollte es das Schicksal, oder das Universum, oder der liebe Gott oder sonstwer, dass ich ebenfalls Corona bekomme. Ich war nun fast drei Wochen krankgeschrieben. Meine Lehrprobe ist verschoben worden. Ich war zuhause und hatte Zeit. Übermorgen muss ich wieder in die Schule und ich fühle mich kein Stück ausgeruhter. Kein bisschen optimistischer, das alles in den Griff zu kriegen. Keinen Schritt weiter. Was soll ich denn nur tun? Er fehlt mir so unglaublich. Ich kann nicht begreifen, was geschehen ist.

Liebe Christine,

ich sitze hier gerade beim Frühstück vor dem PC und heule. Dein Kommentar hat mich sehr berührt 💜 Ich fühle einfach alles. Wünsche dir sehr, dass das Ankommen im Alltag mit deinen Schülern dir in der Zukunft eine Stütze ist. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass dieser „Ich muss funktionieren“-Alltag hilfreich war. Auch wenn es mich gleichzeitig immer wieder wahnsinnig gewurmt hat, dass das Leben einfach so weiterläuft. Zum überwiegenden Teil war es für mich dennoch hilfreich. Wobei ein „Ich fühle mich kein Stück ausgeruhter“ natürlich absolut ernst genommen werden will 💜.

Ich glaube, dass das Schreiben / Sprechen zumindest ein Ventil sein kann. Und ich finde es schön, dass immer mehr Menschen den Weg hierher finden, um ihre Gefühlen & Gedanken zu teilen.

Liebe Sandra,

ich kann deine Zeilen so gut nach empfinden.
Ich habe Ende Januar diesen Jahres ganz plötzlich und völlig unerwartet meinen Papa verloren. Er ist einfach nicht mehr aufgewacht neben meiner Mama. Er hat im Schlaf eine Lungenembolie erlitten und es hat sich herausgestellt, dass mein Papa Lungenkrebs hatte, der für ihn und uns unentdeckt blieb…
Ich habe noch ein paar Stunden zuvor mit ihm
abends telefoniert und ihm dann eine gute Nacht gewünscht…
Für mich ist seitdem die Welt stehen geblieben und es vergeht irgendwie kein Moment, in dem ich nicht an ihn denke.
Wenn ich aufwache, denke ich sofort an meinen Papa. Es gibt so viele Momente, in denen ich an ihn denken muss. Sei es, wenn ich mit meinem
Freund koche oder einen Wein trinke. Mein Papa hat das Kochen und den Wein geliebt, er war leidenschaftlicher Hobbykoch und hat sich so sehr immer gefreut, wenn wir telefonierten und ich ihm erzählt habe, was wir nun kochen… Viele Rezepte habe ich von ihm. Wie oft ich ihn angerufen habe und nach Tipps gefragt habe.
Oder aber nachhause zu meinen Eltern zu fahren und zu wissen es gibt etwas leckeres von Papa gekocht oder auch gebacken. Wie gerne hat er doch auch gebacken, er rief mich immer an und fragte was ich gerne essen möchte wenn ich zu Ihnen komme…
Er fehlt mir so sehr. Alles ist so anders seitdem er nicht mehr da ist.
Ich wollte so sehr dass er noch sieht wenn ich als seine Tochter schwanger bin und selbst ein Kind bekomme. Er war für meinen 2,5 Jährigen Neffen doch so ein toller stolzer Opa… all das sind Dinge, die ich nun nicht mehr so erleben kann. Auch wenn ich vielleicht heiraten sollte, das sieht mein Papa nicht mehr.
Ich vermisse auch seinen Rat als Papa, und seinen Stolz gegenüber seinen Kindern.
Ich vermisse seinen Humor und seinen witzigen Sprüche. Er war jemand mit einer starken Meinung, die er vertreten hat, wenn er auch manchmal angeeckt ist – diese Art fehlt mir einfach so sehr.
Ich begreife einfach nicht, dass er nicht mehr wieder kommt. Ich hoffe so sehr, dass der Schmerz des Verlustes irgendwann nach lässt, nur manchmal denke ich dann auch, warum sollte er denn nachlassen. Schließlich kommt er ja nicht mehr zurück. Ich habe oft Gedanken wie “warum er?”, “warum unsere Familie?”
Er war doch noch so präsent hier und in meinem Leben. Wir haben zusammen noch Pläne geschmiedet. All das ist nun weg und ich mache mir so viele Gedanken, was nach dem Tod ist. Wie es ihm nun geht, ob er mich sieht etc.
Ich habe nun oft das Bedürfnis irgendwie mit Menschen zu sprechen, die einen ähnlichen Schmerz durchleben müssen. Man hat das Gefühl einfach besser verstanden zu werden…

Liebe Christina,

ich fühle es echt total. An all die Pläne und vor dem Tod vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, die jetzt nicht mehr möglich sind, denke ich heute auch noch oft.
Das Bedürfnis mit anderen Menschen zu sprechen, die ähnliches erlebt haben, kenne ich auch. Habe da auch ein Mitteilungs- und Austauschbedürfnis entwickelt. Für mich ist es nicht nur das verstanden werden, sondern auch die Hoffnung für jemanden eine kleine Stütze sein zu können.

Was den Schmerz angeht: Ich glaube das empfindet jeder Mensch für sich anders. Falls du lesen magst, wie es mir gerade damit geht, kannst du weiter lesen. Ansonsten hörst du jetzt einfach auf und nimmst alles an guten Wünschen von mir mit, was du gebrauchen kannst :-))

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Mein Schmerz nach 8 Jahren ohne meinen Vater:
An gewöhnlichen und guten Tagen (die den Großteil meines Alltags ausmachen) fühle ich keinen Schmerz, sondern Liebe, Dankbarkeit und sanfte Erinnerungen an all das, was schön war und wir gemeinsam erleben durften.
An schlechten Tagen und bei Flashbacks ist der Schmerz für mich genauso durchbohrend und die Realität ähnlich beängstigend und unfassbar wie damals. Allerdings lähmen mich der Schmerz und das „nicht begreifen können“ nicht mehr so wie damals.
Für mich hört der Schmerz niemals au. Wie du schon sagst: Wie soll das auch aufhören? Mein Vater war und IST ein Teil von mir und ich war und bin ein Teil von ihm. Das ist unsterblich und damit nicht nur die positiven Erinnerungen, sondern auch der Schmerz über den Verlust. Dennoch verändert sich der Schmerz. Es wird anders und ist oft wenn auch nicht immer leichter zu tragen. 💜

Vielen Dank für deinen Artikel. Ich habe meinen Vater sehr früh und genauso plötzlich verloren wie du. Ich war erst 5 Jahre alt und das ganze ist jetzt schon 35 Jahre her. Wir waren wie gelähmt. Am schlimmsten war für mich nicht bei der Beerdigung dabei zu sein, aber ich konnte das nie so kommunizieren als kleines Kind. Es fühlte sich so an, als hätte ich meinen Abschied nicht gehabt. Er war einfach nicht mehr da und ich habe ihn im Haus gesucht und mir Zaubertricks ausgedacht, die ihn zurück bringen sollten. Damals gab es weder Selbsthilfegruppen, Trauerbegleitung noch Therapie für Kinder (jedenfalls hatte ich keine). Traurig bin ich in Schüben auch heute noch. Ich habe noch ein Bild aus Kindergartenzeiten auf dem wir unsere Familie malen sollten. Ich habe mich, meine Mama , meine Geschwister und ein Kreuz gemalt. Das war mein Vater. Heute versuche ich auch das zu sehen, was ich so früh durch diese Erfahrung lernen musste positiv zu sehen: die Kostbarkeit des Lebens! Und ich kehre dazu zurück mich an die Liebe zu erinnern, die wir füreinander empfunden haben. Sie war lange zugeschüttet von der Trauer.

Ich finde ganz generell, dass Trauernde viel zu wenig Hilfe bekommen. Man muss sofort alles mögliche regeln und es gibt so viel falsch zu machen. Es wird erwartet, dass man in einer solchen Situation aktive Hilfe sucht, dabei ist man vor lauter Schock und Schmerz oft so dermaßen gelähmt. Man muss funktionieren. Das finde ich total schade. Ich glaube, dass wir besser mit dem Tod umgehen könnten, wenn wir einen echten Raum zur Verarbeitung, Verabschiedung und zum Trauern hätten.

Dieses Gefühl, etwas nicht richtig verarbeiten zu können kommt mir auch bekannt vor. Bei mir war es so, dass ich vom Tod meines Vaters nur gehört habe. Es ist völlig abstrakt dadurch, dass ich ihn einfach nie wieder gesehen habe. Ich habe ja geschlafen, als er Zuhause bei sich umkippte und meine Mama ihn reanimierte und war auch nachts, als er ins Krankenhaus kam, nicht dabei weil ich schlief und das Telefon nicht hörte. Morgens traute ich mich nicht zu sagen, nochmal hin zu wollen. Ich wollte niemandem Stress machen, war total überfordert und hatte auch Angst davor. Danach wurde er durch die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt (weil bei unbekannten Todesursachen Suizid / Mord aus rechtlichen Gründen ausgeschlossen werden müssen). Dadurch habe ich bis heute oft Momente des absoluten „Nicht-Begreifen-Könnens“ und zugleich eine leider sehr lebhafte Phantasie, die in meinem Kopf alle möglichen Bilder meines sterben oder toten Vaters projiziert. Ist auf jeden Fall mit viel Arbeit verbunden.

Was du zum Schluss schreibst finde ich ganz wunderbar schön! “ ich kehre dazu zurück mich an die Liebe zu erinnern, die wir füreinander empfunden haben. Sie war lange zugeschüttet von der Trauer.“ Das wünsche ich allen Menschen 💜 Danke dir für deine Erfahrungen dazu

Liebe Sandra,

es ist jetzt ein Monat her, dass ich meinen Papa verloren habe. Ich kann die bestimmten Worte nicht aussprechen. Das klingt so endgültig. Deswegen sage ich immer: „Ich habe meinen Papa verloren oder mein Papa ist nicht mehr da“.
Ich habe verzweifelt nach Menschen gesucht, die das selbe durchmachen wie ich. So bin ich auf deinen Artikel gestoßen. DANKE!
Und so liege ich hier nachts um halb 1 und kann nicht schlafen…
Die Frage nach dem Warum macht mich fertig. Und wenn ich all die schlimmen Schicksale hier lese, weiß ich, dass ich nicht alleine bin.

Ich war mit meinem Verlobten und zwei Freunden in Rom. Wir saßen auf einer Dachterrasse mit Blick auf das Kolluseum, als meine Schwiegermama meinen Freund anrief. Ich werde seinen Blick nie vergessen. Als ich den Blick sah, wusste ich, dass etwas mit meinem Papa passiert ist. Er wurde in seiner Wohnung gefunden. Lag da wohl schon eine Nacht. Am Vortag war er mit seiner Nachbarin verabredet und um 17 Uhr machte er schon nicht auf. Als er am nächsten Morgen wieder nicht aufmachte, wurde die Nachbarin misstrauisch. Das Gefühl, als ich es erfahren habe,kann ich kaum beschreiben. Ich habe noch nie so etwas gefühlt. Wir sind sofort am selben Tag nach Hause geflogen. Man fühlt sich machtlos.

Ich heirate nächsten Monat. Im August ist die große Hochzeit. Bevor wir nach Rom geflogen sind, waren wir noch bei meinem Papa und wir haben darüber geredet, dass er mich bald in meinem Hochzeitskleid sieht. Da hatte er schon Tränen in den Augen. Und jetzt habe ich keinen Papa mehr.

Ich hätte mich so gerne von Papa verabschiedet, aber der Bestatter hat mir davon abgeraten, weil mein Papa gefallen ist und er Marcumar (blutverdünner) Patient war. Laut Arzt wird er den Aufprall wohl schon nicht mehr gemerkt haben. Das hoffe ich von Herzen! Ich finde ich so furchtbar zu wissen, dass mein Papa da eine Nacht lag. Alleine. Während ich in Rom einen lustigen Abend hatte.

Ich muss von Erzählungen glauben, dass mein Papa nicht mehr da ist. Ich konnte es mit eigenen Augen nicht sehen. Das macht mich so unglaublich fertig. Vor 5 Wochen war mein Leben toll. Ich habe einen tollen Mann, den ich heirate. Einen tollen Job, eine gesunde Familie. Und jetzt weiß ich nicht, wie ich weiter leben kann. Ich vermisse meinen Papa so sehr. Ich wusste schon immer, dass ich meinen Papa liebe, aber dass ich ihn so sehr liebe wie ich es jetzt spüre. Das wusste ich nicht!
Ich stelle mir teilweise vor, dass ich angerufen werde und mir mitgeteilt wird, dass es eine Verwechslung gab und mein Papa noch lebt. Ich denke, das ist dem geschuldet, weil ich nicht mit meinen eigenen Augen sehen konnte, dass es MEIN Papa ist, der wirklich nicht mehr atmet.

Jeder sagt, dass es der liebste Mensch war, den man kannte. Und dieser Mensch ist nicht mehr da.
Viele sagen, dass ich mich irgendwann besser fühlen werde und die Momente der Trauer seltener werden. Und ich weiß, dass es erst vier Wochen sind. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich irgendwann wieder glücklich werde. Meine Eltern und mein Freund sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Und eine Person davon ist nicht mehr auf dieser Welt.

Ich beschäftige mich mit der Frage: Was ist nach dem Tod? Ich habe mich vorher nie so intensiv damit beschäftigt. Ich hoffe von Herzen, dass er mich sieht und er sieht, wie sehr ich ihn liebe und er sieht, wie ich die Liebe meines Lebens heiraten werde. Er hat meinen Freund auch so geliebt. Sehr sogar und das macht mich so stolz!

Ich danke dir für diese Seite! Ich habe mir jeden einzelnen Beitrag durch gelesen und ich wünsche jedem einzelnen soviel Kraft. Ihr seid nicht alleine! Fühlt euch alle gedrückt.

Liebe Janine,

ich freue mich sehr, dass du dich durch meinen Beitrag und die Erfahrungen der anderen etwas weniger alleine fühlst und danke dir für dein Vertrauen, deine Erfahrungen hier zu teilen.

Dieses furchtbare Gefühl was du beschreibst, beim Gedanken daran, dass dein Papa da alleine lag, kann ich nachfühlen, auch wenn es bei mir anders war. Für mich sind die Fragen danach, wie es meinem Papa ging, ob er Angst hatte, ob er gemerkt hat, dass ich als einzige nicht da war und die daraus resultierenden Fantasien mit das Quälendste an seinem Tod.

Und das hier „Ich muss von Erzählungen glauben, dass mein Papa nicht mehr da ist. Ich konnte es mit eigenen Augen nicht sehen. Das macht mich so unglaublich fertig.“ fühle ich komplett. So geht es mir heute auch noch. Erst letzte Woche habe ich mit meinem Partner noch darüber gesprochen, dass der Tod meines Vaters dadurch noch unbegreiflicher zu sein scheint. Es ist so abstrakt.
Ich träume häufiger davon, dass es genau umgekehrt ist und dieser riesen Elefant „Papa wird sterben“ im Raum schwebt und niemand außer mir es weiß und ernst nimmt. Versuche im Traum verzweifelt ihn zum Arzt zu bringen / den Tod aufzuhalten / alle zu informieren und werde dann in dem Moment wach, wo er gestorben zu sein scheint (ohne ihn dann tot zu sehen).

Fühl dich zurück gedrückt 💜

Liebe Sandra,

vorab sei gesagt – dein Beitrag hat mir gerade enorm geholfen und mit Erschrecken musste ich sogar einige Parallelen feststellen…
Mein Papa ist im April diesen Jahres erst verstorben, 4 Tage vor meiner Zwischenprüfung.
Eine Woche zuvor war er noch zu Besuch (meine Eltern sind geschieden), aber ich hatte an diesem Tag kaum Zeit für ihn, da ich unbedingt die beste Zwischenprüfung schreiben wollte.
Ich ärgere mich heute darüber, dass ich es in dem Moment nicht besser wusste & nicht mehr Zeit mit ihm verbracht habe an diesem Tag. Da ich das Einzige Kind bin & er nicht verheiratet war stand ich plötzlich vor all diesen Entscheidungen, vor denen man einfach nicht stehen will.
Die Prüfung habe ich währenddessen trotzdem geschrieben, denn ich wollte nicht das es umsonst war, dass ich ihn an dem Tag alleine gelassen habe…
Ich wurde letzten Endes Klassenbeste, aber ich konnte es ihm leider nicht mehr erzählen…

Die ganze Zeit dachte ich, dass es nur so mir so geht und mich niemand versteht. Vor allem da ich selbst noch so jung bin & ich so gerne mit meinem Papa noch so viel erlebt hätte. Er war wirklich ein großartiger Vater, der mich in allem unterstützte was ich tat.
Aber wie ich hier in Deinem Beitrag und auch in den Kommentaren der Anderen lesen konnte, mussten viel mehr Menschen diesen Verlust schon so früh erleiden.

Ich wünsche einfach jedem, der das hier liest ganz viel Kraft. Wir sind nie alleine! Unsere Liebsten sind immer bei uns, auch wenn nicht sichtbar.

Liebe Vanessa,

ich danke dir für das Teilen deiner Erfahrungen und Gedanken und ich freue mich sehr, wenn mein Beitrag dir helfen konnte.
Ehrlich gesagt bin ich auch erstaunt und durchaus traurig, wie viele Menschen dieses Schicksal mit uns teilen. Gleichzeitig bin ich aber auch froh darüber, dass einige hier einen Raum finden, um ihre Trauer mit anderen zu teilen. Das macht es (zumindest mir) irgendwie leichter.

Ich wünsche dir alles Gute 💜

Liebe Sandra,

es ist wieder einer dieser Abende an denen mich die Traurigkeit überkommt und ich verzweifelt nach Menschen oder Worten suche, denen es ähnlich geht – um mich weniger allein zu fühlen. Ich habe meinen Vater im März diesen Jahres an Krebs verloren. Und das während ich mit meinem ersten Baby schwanger war. Im Juni habe ich meinen Sohn bekommen. Die Emotionen könnten nicht gegensätzlicher sein. Da trifft die grösste Traurigkeit über diesen riesigen Verlust auf die grösste Freude über mein gesundes Baby. Und über allem liegt sowas wie ein trüber Schleier, der alles dämpft. Mein Vater hatte bis zum letzten Moment die Hoffnung es zu schaffen. Auch dann noch als wir, der Rest der Familie, wussten, dass das seine letzten Tage sind. Ich kann nicht in Worte fassen wie furchtbar es war meinen starken Vater in einem grauenvollen körperlichen und auch geistigen Zustand (durch die starken Medikamente) zu sehen. Wir waren die letzten Tage seines Lebens bei ihm – die ganze Familie. In diesen Tagen stand die Welt still. Und dann – sobald er gestorben war – drehte sie sich einfach weiter. Es fühlt sich bis heute noch an wie ein falscher Film. Daher fühle ich deine Worte und auch die in den Kommentaren sehr. Ich fühle den Schmerz um meinen Paps und die Angst um mein Baby damals noch immer. Ich bin auch auf der Suche nach einer Trauergruppe weil ich merke, dass es mir hilft mit Menschen zu sprechen, die ebenfalls einen Verlust erlitten haben. Ich danke dir für deine offenen und ehrlichen Worte und dass du sie mit uns teilst.
Ich wünsche dir und allen anderen hier alles Gute und vor allem ganz viel Kraft.

Liebe Sonja,
ich habe einige Kommentare zurück bereits einmal meinen Verlust um meinen Vater nieder geschrieben. Wenn du Lust hast Kontakt mit mir aufzunehmen, sodass wir unsere Gedanken teilen können. Melde dich gerne unter meiner Emailadresse. Vielleicht kann die liebe sandra diese ja austauschen. Danke!

Alles Liebe und viel Kraft.

Hallo Christina,
lieben Dank für deine Nachricht. Ich würde es schön finden wenn wir uns austauschen können.
Viele Grüsse, Sonja

Liebe Sonja,
sehr gerne!
Vielleicht magst du auch der lieben Sandra schrieben, vielleicht kann sie ja dir und mir jeweils eine Email schreiben mit deiner/meiner Emailadresse.
Ich würde mich freuen von dir zu hören!
Alles liebe

Hey ihr zwei, sorry dass ich so ewig hier geschwiegen habe. Wollte mir andauernd Zeit nehmen und dann kam doch immer was dazwischen.
So wie Christina es vorgeschlagen hat, können wir es gerne machen.
Ich schreibe euch im Laufe dieser Woche eine E-Mail, dann könnt ihr Kontakt zueinander aufnehmen! 💜

Liebe Sonja,

heute wollte ich dir noch auf deinen Kommentar aus Oktober antworten. Ich danke dir sehr, dass du den Raum hier genutzt hast, um deine Geschichte mit uns zu teilen.
Es ist ähnlich wie mit den anderen Kommentare hier: Beim Lesen habe ich Tränen in den Augen und erinnere mich daran, wie es bei mir war und ist. Jede Trauer ist anders und doch verbindet uns die Erfahrung des Verlusts.
Diese Gegensätzlichkeit der Gefühle, die du beschreibst, kommt mir auch bekannt vor. Wobei es nicht vergleichbar mit dem Gefühlschaos ist, das in deiner Situation durch die Kombination aus neuem Leben und Tod entstanden ist. Ich glaube es gibt kaum einen Moment, in dem die Tatsache, dass das Leben sich gleichermaßen glücklicher und entsetzlicher Weise weiter dreht, präsenter sein könnte. 💜

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