Aus dem Leben

Wenn der Vater plötzlich stirbt

In der Nacht vom 13.07.2014 auf den 14.07.2014 klingelte es morgens gegen vier Uhr Sturm an der Tür. Während mein Freund Marius die Tür öffnete, sah ich auf meinem Smartphone und Telefon mehrere verpasste Anrufe meiner Mutter, meines Bruders und unbekannter Rufnummern.

Am Abend zuvor saß ich bis 22:00 Uhr und übte mit einem Video von Jacko Wusch den Cup Song. Ich wollte meinen Vater mit meinen “Trommel-Skills” battlen und “beeindrucken”. Nachdem ich das drauf hatte, ging ich glücklich und zufrieden ins Bett.

Im ersten Moment dachte ich, meine Eltern hätten mal wieder mit Freunden gefeiert und uns spontan einladen wollen. Das kam öfter mal vor. Dass sie dann aber zu uns kommen und klingeln machte mir Angst. Als ich in den Flur ging und zur Tür sah, standen mein kleiner Bruder und seine Freundin da. Er sagte:

“Wir haben keinen Papa mehr, Sandra. Papa ist gestorben.”

Ich konnte das gar nicht begreifen. Was ist denn nur los? Was ist passiert? Er war doch gesund. Er ist doch erst 47! Für mich war das alles völlig irreal. Wir fuhren wortlos zur Wohnung meiner Eltern. Im Radio lief “Happy” von Pharrell Williams und ich dachte “Was für ein dummes, scheiß Lied.”

Bei meinen Eltern angekommen, saßen meine Ma und Bekannte am Esstisch. Meine Mama. Ohne Papa. Wie soll das nur gehen? Was soll ich machen? Wie kann ich ihr helfen? Sie sah sehr gefasst aus. Wie kann ich meinem Bruder helfen? Was tut man, wenn gerade jemand gestorben ist? Wie soll man reagieren? Wir setzten uns hin und schwiegen. Zwischendurch informieren wir Angehörige.

Auf dem Boden im Wohnzimmer, dort wo es passiert ist, lagen noch kleine Plastikteile von den Kanülen, die sie Papa gespritzt hatten. Ich hob sie auf und steckte sie ein. Das einzig Greifbare für mich. Der einzige “Beweis”, dass das heute Nacht wirklich passiert ist. Ich hielt sie noch Jahre später immer wieder in den Händen, um begreifen zu können.

Mama oder irgendwer anders erzählt, dass Papa nach einem Spieleabend mit Freunden noch den Müll runter gebracht hat und dabei Schmerzen hatte. Er glaubte, starke Rückenschmerzen zu haben und bat meine Mutter um eine Schmerztablette. Meine Ma ging schon zu Bett, während mein Vater sich auf der Terrasse noch die Beine vertrat.

Dann hörte sie einen dumpfen Knall. Sie rief meinen Vater. Er antwortete nicht. Im Wohnzimmer fand sie ihn nach Luft ringend halb über der Couch liegend. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Sie beatmete ihn. Rief den Krankenwagen. Machte eine Herz-Druck Massage. Sie versucht verzweifelt jemanden von uns zu erreichen. Freunde kommen vorbei. Der Notarzt trifft ein. Sie versuchen ihn wiederzubeleben.

Es geht mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Mittlerweile wurden auch mein Bruder und seine Freundin telefonisch erreicht. Marius und mich bekommt niemand ans Telefon. Sie sitzen im Krankenhaus, bangen und hoffen gemeinsam, während um Papas Leben gekämpft wird. Ich schlafe seelenruhig in meinem Bett. Der Kampf war vergebens. Er stirbt. Nur eine Woche, nachdem dieses Foto entstand.

Der Schock nach dem Tod

sitzt tief. Uns wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Opa ist nur wenige Monate vorher gestorben. Wir hatten das noch gar nicht verarbeitet. Jetzt müssen wir Oma sagen, dass auch noch ihr Sohn gestorben ist. Wir fahren morgens sehr früh gemeinsam hin. Oma lächelt uns irritiert an, als sie uns am Tor stehen sieht. Ihr Herz bricht, als sie erfährt, was passiert ist.

Wir sitzen schweigend auf der Couch. Wir fünf Hinterbliebenen. Ohne Opa. Ohne Papa. Ohne Mann. Ohne Sohn. Ohne Schwiegervater. Oma sagt immer wieder “Ich kann das nicht glauben. Ich kann das nicht glauben.”. Es zerreißt uns alle. Wir fahren gemeinsam zu Mama nach Hause.


Die Totenstille

Die Stille ist fast unerträglich. Alles läuft ab wie in einem Film. Ich schreibe meinen Freundinnen was passiert ist. Hoffe, dass jemand vorbei kommt und mich aufweckt. Aber es kommt niemand.

Ab Mittags ist die Wohnung meiner Eltern voller Menschen. Freunde, Bekannte, Verwandte meiner Familie finden sich ein. Menschen, die wir teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen oder gesprochen haben sind plötzlich da. In diesem Moment denke ich noch “Wir sind nicht alleine!”.

Es herrscht eine gespenstige Totenstille. Und doch sitzen wir abends auf der Terrasse und lachen über Papas Witze. Sich nur wenige Stunden nach dem Tod zu erinnern fühlt sich seltsam an und doch tut dieser Hauch Normalität in mitten der Totenstille irgendwie gut.

Ein Teil der Stille ist bis heute geblieben.


Weitermachen

Sofort merkt man: die Welt dreht sich unerbitterlich weiter. Es gibt keine Zeit, um schwach zu sein. Keinen Raum. Für niemanden von uns. Trauer hat in dieser Gesellschaft keinen Platz. Das Leben geht weiter. Mit oder ohne dich.

Es ist so viel zu regeln. Die Beerdigung. Rechtlicher Kram. Ein Betrieb der weiter geführt werden soll. Du stehst völlig alleine da, funktionierst wie ein Roboter und verlässt dich auf das, was dir “Experten” sagen.

Ich schreibe wenige Tage nach Papas Tod mein Abitur. Zwei weitere Wochen später beerdigen wir Papa. Gefühlte Ewigkeiten stehen wir am Grab. Weit über 300 Menschen kondolieren. Selbst der Vermieter, der uns abzocken wollte, ist gekommen, um seine Neugierde zu stillen und wird vom Pastor zum Glück nach Hause geschickt. Die Menschen sagen alle”Es tut uns so leid. Wenn ihr was braucht. Meldet euch. Ihr seid nicht allein.”. Wieder habe ich diese Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Meine Familie retten zu können. Aber es hilft niemand.

Nach wenigen Wochen ebbt das Interesse und Mitgefühl ab. Die Menschen schauen nur noch betreten, wenn sie uns sehen. Hier und da wird gelästert, dass meine Mutter das mit dem Betrieb nicht schafft, dass wir zu fröhlich sind, dass wir uns zu sehr hängen lassen oder was immer sonst den Menschen so einfällt. Jeder weiß besser, wie es zu laufen hat. Aber niemand ist da, um zu helfen. Die Enttäuschung über all die leeren Versprechungen hält bei mir bis heute an.

Wir machen derweil alleine weiter. Unseren Alltag wuppen, uns um uns kümmern und gleichzeitig auch um Oma, die in ihrem Haus vereinsamt und droht, an gebrochenem Herz zu sterben. Wir schaffen es. Irgendwie. Müssen wir ja. Jeder für sich auf seine Art. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger gut.


Trauer hat viele Facetten

Was die Gesellschaft nicht begriffen hat: Trauer hat viele Facetten und hört niemals ganz auf. Aber genau das ist es, was die Leute erwarten (und gleichzeitig aber auch verurteilen). Die Vermieterin pisst sich an, weil der Garten “wild” ist – das muss man doch langsam mal in den Griff kriegen! Oma ist völlig am Ende und soll sich doch bitte mal zusammen reißen. Es trauern schließlich alle. Wir hingegen sind “zu fröhlich”. Nach einem Foto, auf dem wir uns erdreisten zu lachen, schickt man uns per Kurznachricht Papas Todesanzeige als Erinnerung. Als könnte man jemals vergessen, was passiert ist.

Papa ist immer da. Er lebt weiter. In uns. In unseren Erinnerungen aus Musik, Gerüchen, Farben, Menschen, Zigarettenrauch, Vögeln, Federn, Orten, Daten und ja sogar der kleinen Plastikkappe der Kanüle, die an seinem Todestag auf den Boden kullerte.

Trauer ist nie gleich. Wir alle trauern auf unterschiedliche Art und in unterschiedlichen Phasen. Manche schweigen, manche schreien, manche weinen, manche schreiben, manche reden, manche wüten, manche fallen, manche verdrängen, manche feiern. An manchen Tagen ist alles auf einmal da, an anderen nichts.

Man träumt, man phantasiert, man (hinter)fragt, man klagt an, man sucht. Trauer ist mal still und mal laut. Manchmal manisch verrückt. Nichts davon ist falsch. Nichts besser oder schlechter. Es verändert sich.

An manchen Tagen holt einen die Trauer ein. Sie fällt mit der Tür ins Haus und drückt dich zu Boden, wie eine schwere Kettendecke. Auch Jahre später noch. Jeder, der es selbst erlebt hat, weiß wie es ist. Das Einzige das hilft, ist hindurch zu gehen und irgendwie weitermachen.


Meine Trauer

Ich trauere, in dem ich schreibe, rede, erinnere, weine, verdränge und manchmal auch wüte.

Manchmal weine ich wie ein Schlosshund (auch heute noch) und vermisse meinen Papa und meinen Opa schrecklich. In diesen Momenten glaube ich, dass mit ihnen in dieser Welt ALLES SOFORT besser wäre und sie alle Probleme lösen würden.

Manchmal erinnere ich mich und fühle mich geborgen.

Manchmal, so wie heute, schreibe ich. Für mich, für dich und für alle anderen, die betroffen sind, nicht weiter wissen oder einfach wen suchen, dem es ein bisschen ähnlich geht.

Manchmal bin ich richtig wütend. Wütend auf die Welt, auf meinen Opa, das Gesundheitssystem, meinen Vater.

Ich habe tausende Fragen. Warum ihr? Warum so früh? Warum so schlimm? Warum waren eure Kämpfe vergebens? Warum habe ich das Telefon nicht gehört? Was hätte ich tun können? Was habt ihr gefühlt, als ihr gehen musstest? Tat es weh? Hattet ihr Angst? Könnt ihr uns sehen? Wie würdet ihr handeln? Wie würdet ihr euch entscheiden? Was wäre euer Rat? Haben wir richtig gehandelt? Ist alles gut? Wo seid ihr?

Außerdem bin ich in Gedanken besonders viel bei meinem “kleinen” Bruder und meiner Mum. Ich will ihre Schmerzen und ihre Last auf mich nehmen. Will alles tun, damit es ihnen besser geht. Nichts tun zu können und zu wissen, das nichts hilft, macht mich in diesen Momenten noch fertiger, als zu wissen, dass mein Vater tot ist. Für immer.


Was hat mir geholfen?

Ich habe ganz oft nach Trauergruppen für junge Erwachsene Ausschau gehalten. Habe verzweifelt Angebote gesucht, die mich irgendwie auffangen. Menschen, die außerhalb meiner Familie, meinen Verlust verstehen können, aber vor allem auch eine Gruppe, in der ich den Alltag vergessen und neu leben lerne. Hier in Wuppertal gab es das in der gesuchten Form nicht.

Was mir geholfen hat, ist mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und mich um mich zu kümmern. Ich habe angefangen, Frauenworkshops zu besuchen, bin viel raus gegangen, habe viel über Trauer & Tod gelesen, viel “Seelenarbeit” geleistet, mich mit mir beschäftigt, viel geschrieben, geredet, geweint, aber vor allem auch weiter am Leben teilgenommen.

Der Verlust meines Vaters ist immer da und zu einem Teil meines Lebens geworden, aber obwohl es unvorstellbar für mich war, geht mein Leben ohne ihn weiter. Sein Tod war für mich, trotz all der Grausamkeit, auch ein Weckruf, der mich viel lehrte und positiv beeinflusst hat.

Und auch heute ist es noch das, was mir am besten hilft. Mich informieren, mit mir beschäftigen und raus gehen. Aber auch immer wieder Phasen der Trauer und Traurigkeit zulassen.


Wie kann ich Trauernden helfen?

Sei da. Sag es nicht nur, sondern TU es. Bring was zu essen vorbei. Schweigt gemeinsam. Weint gemeinsam. Wütet gemeinsam. Halte fest. Hör zu. Vielleicht kannst du sogar alltägliche Dinge regeln. Einkäufe erledigen. Den Müll runterbringen. Tiere versorgen. Rasen mähen. Post wegbringen. Kündigungen schreiben. Oder sorge für Ablenkung. Einen guten Film. Einen Spaziergang. Einen Kurzurlaub. Irgendwas.

Mir hat es total gefehlt, dass einfach mal jemand kommt und da ist. Außerhalb von Marius. Jemand, der mich aus meinem Alltagstrott holt oder einfach nur schweigend mit mir da sitzt.

Es gibt außerdem eine wundervolle Seite: Vergiss-mein-nie.de. Ich habe sie über eine Empfehlung entdeckt und finde das Angebot ganz, ganz großartig. Hier finden Angehörige und Betroffene nicht nur Hilfe, sondern auch wirklich schnuckelige Sachen, die die Trauer vielleicht etwas weicher machen.


Bücher über Trauer & Tod

Ich habe unglaublich viel zum Thema gelesen und lese weiterhin sehr viel zum Thema Tod & Trauer. Denn das hört ja niemals auf. Der Tod gehört zum Leben dazu. Abschiede gehören zum Leben dazu. Trauer gehört zum Leben dazu. In meinem Leben werden nicht nur viele meiner Mitmenschen gehen, sondern irgendwann auch ich selbst.

Ich finde es wichtig, dass wir uns intensiv(er) damit auseinandersetzen. Ich habe eine Liste mit Büchern erstellt, die ich zum Großteil selbst gelesen habe. Die Bücher haben mir geholfen. Vielleicht helfen sie dir auch.

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Über den Autor

Sandra Stüber

Ü30, seit 1998 Bloggerin, alberne Öko-Frohnatur und
naturverbundene Pflanzenfresserin. Versucht hier seit 2013 die Menschen zu inspirieren.

1 Kommentar

  • Liebe Sandra,
    dieser Blogpost berührt mich sehr. Auch ich habe meinen Vater früh verloren. 2012, da war ich 22 Jahre alt.
    Ich kann all die von dir beschriebenen Situationen so gut nachfühlen.
    Noch heute bin ich dankbar, dass mir meine Freunde so zur Seite standen.
    Am Tag als es passierte schrieb ich, was los war. Sie riefen mich sofort an und fragte, ob sie etwas tun könnten. “Nein, nein, alles gut. Ich muss erstmal klar kommen”. 2 Stunden später standen 2 von ihnen vor meiner Tür, 100 km weit weg von ihrer Arbeit, haben sich frei genommen und mir etwas zu essen vorbei gebracht und gesagt “Wir nehmen uns jetzt ein Hotel in der Nähe. Und wenn du uns brauchst, sind wir sofort da”. Da wusste ich: Das wird alles schwer und scheiße. Aber ich habe wen an meiner Seite. Zu dem Zeitpunkt war ich in keiner Partnerschaft und hatte Sorge “alleine” zu sein.

    Inzwischen komme ich damit klar. Ich merke manchmal gar nicht, dass ich automatisch in der Vergangenheitsform von meinem Paps rede. Und Leute sehen mich dann an und frage:”War”? Und inzwischen kann ich ganz nüchtern sagen, was passiert ist. Zumindest in Kurzversion:”Mein Vater ist gestorben als ich 22 war.” Und ich merke, wie geschockt manche sind. Oder die häufigste Antwort “Ohje, ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass mein Vater mal nicht mehr ist” Ich weiß, das ist gar nicht böse gemeint und ich denke mir dann immer so: “Wer kann das schon?” Ich habe 5 Jahre und eine 2-jährige Therapie gebraucht, um mir das vorstellen zu können.

    4 Jahre später starb auch mein Großvater. Mein Zweitpapa quasi. Mein Ein und Alles. Mein Heimathafen. Mein Fels.
    Das hat mir dann so richtig den Boden unter den Füßen weggerissen. Und inzwischen denke ich tatsächlich: Ich habe das alles überstanden. Und ja, manchmal bin ich abgrundtief traurig. Aber ich weiß: Jetzt kann nichts mehr kommen, was ich nicht überstehe.

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