Coffee Break & Stories

All diese verlorenen Momente

Es ist wie beim Rauchen. Du weißt, dass es schädlich und sinnlos ist und doch kommst Du nicht davon los.
Die Abhängigkeit und den ungesunden Umgang mit dem Smartphone bin ich seit Jahren satt. Erst vor wenigen Monaten schrieb ich „Ich will das nicht mehr!“ aber eine Veränderung gab es bisher nicht.

Mal versuchte ich eine Woche ohne Smartphone auszukommen, ein anderes Mal wenigstens ein Wochenende oder ein paar Stunden. Auf den Blödsinn zu verzichten, war und ist für mich eigentlich keine große, emotionale Sache , aber ich habe es dennoch bisher nicht geschafft, einen für mich gesunden und normalen Umgang mit dem Smartphone umzusetzen. Vermutlich ist genau das der Punkt, der eine digitale Abhängigkeit definiert. Es ist wie beim Rauchen. Du weißt, dass es schädlich und sinnlos ist und doch kommst Du nicht davon los.

So sitzt Du Tag für Tag vor diesem dämlichen Smartphone und scrollst Dich durch das Leben anderer Menschen. Verfolgt von dem ständigen Gefühl irgendwas zu verpassen und mit dem gleichzeitigen Wissen, dass das alles absolut unnötig ist. Es gibt nichts zu verpassen, außer das echte Leben.

Mit dem Smartphone in der Hand bist Du nie genau da, wo Du gerade bist.
Das Leben, das sich immer noch draußen abspielt. Außerhalb des Smartphones. Das Leben, in dem Du so viele schöne Momente verpasst oder zumindest nicht mehr gegenwärtig wahr nimmst. Mit dem Smartphone in der Hand bist Du nie genau da, wo Du gerade bist.

Du gehst durch die Straßen und starrst auf dein Smartphone. Du sitzt mit Freunden beim Essen und starrst auf dein Smartphone. Du gehst raus in die Natur und starrst auf dein Smartphone. Du bist mit deinem Kind auf dem Spielplatz und starrst auf dein Smartphone. Du bist auf dem Konzert deiner Lieblingsband und starrst auf dein Smartphone. Du feierst deinen Geburtstag und starrst auf dein Smartphone. Du siehst deiner Tochter beim Ballett zu und starrst auf dein Smartphone. Du liegst im Bett und starrst auf dein Smartphone.

WARUM? Warum tue ich meinem Leben das an? Was vermisse ich?  Wo ist mein Problem?
Selbst jetzt, wo ich hier sitze und diesen Artikel schreibe, habe ich nach 1,5 Stunden bereits 16 x mein Handy entsperrt und sinnlos drauf gestarrt, in der Hoffnung, dass … ja WAS denn eigentlich?Die Frage, die ich mir mittlerweile beinah täglich stelle ist: WARUM? Warum tue ich meinem Leben das an? Was vermisse ich? Wo ist mein Problem? Warum sitzt Du zu Hause, willst eigentlich so vieles erledigen und fummelst statt dessen auf deinem Smartphone rum? Warum regst Du Dich darüber auf, dass Du Dich Reiz überflutet fühlst und setzt Dich dann zusätzlichen, absolut unnötigen Informationen aus, in dem Du 24/7 am Smartphone rum hängst? Warum wünschst Du Dir mehr Achtsamkeit in deinem Leben, fummelst aber sogar beim Freunde-Abend oder im Restaurant am Smartphone rum? W-A-R-U-M.

Es gibt darauf keine plausible Antwort. Mein Verhalten ergibt keinen Sinn und ich habe schlichtweg keine Ahnung, warum ich nicht damit aufhöre. Es ist eine doofe Angewohnheit und das Gefühl, irgendwas zu verpassen (obwohl man genau weiß, dass man nichts verpasst). Mir fehlt nichts. Ich habe umwerfende Freunde und eine ebenso tolle Familie. Ich habe eine erfüllende Beziehung. Ein Leben, das mir weitestgehend gefällt. Ich habe trillionen Hobbys und Dinge, für die ich mich begeistern kann. Ich bin gerne draußen und kann mich sehr gut selbst beschäftigen. Ich habe viele Ideen, viele Projekte, viele Visionen.

Es gibt keinen einzigen plausiblen Grund, warum ich so viel Zeit mit diesem Scheißteil verbringe.
Das Smartphone brauche ich nur, um die 2-Faktor Authentifizierung für wichtige Logins zu nutzen, um ab und zu Fotos zu machen und zum Geocachen. Es gibt keine wichtigen Telefonate, die ich führe oder empfange (letzter Anruf ist vom 31. Juli und das war ein Werbeanruf). Ich muss nicht geschäftlich mobil erreichbar sein. Es gibt keinen einzigen plausiblen Grund, warum ich so viel Zeit mit diesem Scheißteil verbringe.

95% der Dinge, die ich online in den sozialen Medien lese oder sehe, interessieren mich nicht mal wirklich. Nur sehr wenig davon nährt mein Leben, gibt mir neue Impulse. Aber eine Sache geschieht mit mir, bei den 95% Müll, mit denen ich mich beschäftige: mir wird langsam bewusst, wie sinnlos das alles ist. Wie unglaublich sinnlos, einfältig und nutzlos es ist, wenn man es in der Form und mit der Häufigkeit nutzt.

Man verliert Momente. Unendlich viele, kostbare Momente und Zeit. Etwas, das unwiderruflich weg ist. Etwas, von dem wir in unserem Leben ohnehin zu wenig haben. Etwas, das uns eigentlich alles bedeuten sollte.

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Über den Autor

Die Checkerin

Frohnatur! – Freak! – Philosophin!
Kommt selten schnell auf den Punkt, trifft aber irgendwann trotzdem den Nagel auf den Kopf.

3 Kommentare

  • Du sprichst mir aus der Seele. Ich ärgere mich so oft über mich selbst, dass ich Zeit damit verschwende durch Profile zu scrollen. Das bringt mir überhaupt nichts. Das bringt mich in keinster Weise weiter. Ich entwickel mich dadurch nicht. Anstatt mein Buch weiter zu lesen oder Musik zu hören, scrolle ich und scrolle ich. Aber ich kann es einfach nicht lassen. Mein derzeitiger Wermutstropfen ist noch, dass ich nicht zu der Fraktion gehöre, die andauernd am Smartphone ist wenn sie in Gesellschaft ist. Dann habe ich kein Problem damit es auch in der Tasche zu lassen. Aber leider ist es ja heute auch so, dass man jede Frage die man nicht beantworten kann, googeln muss. Ich denke dann so oft „wie hast du das früher eigentlich gemacht? Wenn man es nicht direkt wusste, war es auch nicht wichtig“

  • Mit dem Smartphone in der Hand bist Du nie genau da, wo Du gerade bist.
    Wow. Wie ich dir zu 100% zustimme.
    Wir alle sollten das Smartphone öfter zuhause lassen, öfter realen Menschen in die Augen blicken, öfter die herrliche Natur genießen, öfter schätzen, was wir haben.

  • Mir geht es ganz genauso! Fürchterlich!
    Ich weiß, dass wahrscheinlich innerhalb der letzten 10 Sekunden nichts passiert ist und dennoch entsperre ich mein Smartphone und schaue nach. Immer und immer wieder. Teilweise im 10sec. Takt. Es stresst mich, es macht mich wahnsinnig und ich hasse es teilweise und dennoch greift meine Hand automatisch wieder zum Display. Am Wochenende geht es allerdings. Da lege ich es irgendwo bei Herrn T. hin und schaue nur zwei bis dreimal drauf. Und siehe da, die Welt dreht sich dennoch weiter ^^.
    Selbst, wenn ich unterwegs bin im Wald oder so, muss ich mich zwingen, die Umgebung mit dem eigenen Auge aufzusaugen und nicht doch wieder aufs Handy zu schauen!
    Ganz schön fiese Dinger diese Smartphones ^^.

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