Wenn die innere Stimme laut schreit

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Dieser Artikel ist ein Gastartikel einer Bloggerkollegin. Sie möchte anonym bleiben. Danke, für diesen sehr privaten Einblick in deine Gefühlswelt!

Es ist laut, viel zu laut, viel zu viele Menschen, drei Menschen, 10 Menschen, 20 Menschen, sie rufen alle meinen Namen, sie werden lauter. Nicht sitzen bleiben, aufstehen, losgehen. Bloß nicht sitzen bleiben! Piepen, ein langes Piepen, ein sehr langes Piepen. Beine die schwach sind. Nicht sitzen bleiben! Die Menschen rufen meinen Namen.

Zum fünften Mal in dieser Nacht wache ich schweißgebadet auf. Meine Ohren piepen.
Schweißgebadet wache ich in meinem Bett auf. Ich suche das Piepen. Es kommt nicht vom Ladegerät meines Handys. Die Finger in den Ohren,  das Piepen ist immer noch zu hören. Ich stehe auf, meine Beine wollen nicht. Ich muss, muss mich umziehen. Alles ist vom Schweiß durchtränkt, das fünfte Mal in diese Nacht. Ein Blick auf den Wecker verrät mir, dass ich noch zwei Stunden Schlaf vor mir habe. Ich drehe mich hin und her, meine Gedanken drehen sich im Kreis, gleich klingelt der Wecker.

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Übermüdet tappe ich ins Bad, mache mich fertig, um zur Arbeit zu fahren. Ein Druck im Magen überkommt mich. Bestimmt nur der Hunger. Das leichte Schwindelgefühl ignoriere ich. Ich steige in mein Auto und fahre los. Die Sonne scheint, warum? Ich möchte nicht, dass sie scheint. Ich möchte Regen, die Sonne schmerzt in meinen Augen! Angekommen sind sie wieder da, die Menschen. Viele Menschen. Mein Magen, er dreht sich. Ein Biss in das Butterbrot wird den Druck lindern, denke ich.

Es ist wie in einem schlechten Film, der immer wieder von vorne beginnt. Mein Magen schmerzt.
Ich schaffe das, nur diesen einen Tag noch. Das Wochenende ist nah, ich schaffe das! Es scheint wie in einem Film, der immer wieder von vorne beginnt. Gleiche Handlung, gleiche Menschen. Menschen die sich mit Worten bekriegen, Menschen die egoistisch sind, Menschen die funktionieren, so wie ich! Der Tag ist vorbei. Ich muss essen, nur ein wenig. Der Druck im Magen, er ist da, ich ignoriere. Ignorieren habe ich gelernt. Ignoranz, viele Wochen lang. Sich anpassen, nichts sagen, einfach funktionieren. Mein Teller ist halb leer. Der Rest kommt in den Kühlschrank. Ich funktioniere wunderbar!

Und dann hat mich das Bett wieder. Ich bin todmüde, ich bin hellwach. Es ist zu hell, es ist zu dunkel. Gedanken, viel zu viele Gedanken. Was ist morgen? Ich muss weiter funktionieren, ich muss weiter ignorieren, dem Rufen nach meinem Namen folgen, aufstehen. Gleiche Handlung, gleicher Film. Aber ich schaffe das. Schweißgebadet wache ich auf. Mein Bett ist mit Handtüchern bestückt, Wechselklamotten liegen bereit. Ja, ich funktioniere. Es ist alles eine Sache der Organisation, auch nachts.

Wie bin ich überhaupt zur Arbeit gekommen? Waren die Ampeln rot oder grün? Mein Kopf dröhnt.
Der Wecker klingelt. Meine Augen brennen, mein Magen rumort, ich schaue nicht in den Spiegel. Mein Gesicht sieht alt aus, tiefe Augenringe, habe ich abgenommen? Einfach ignorieren, das habe ich doch gelernt! Wie bin ich überhaupt zur Arbeit gekommen? Waren die Ampeln rot oder grün? Menschen rufen meinen Namen, viele Menschen. Mein Kopf dröhnt, Ich muss aufstehen, zu Ihnen gehen, weiter ignorieren. Mein Magen, er tut weh, so sehr.  Ich kann das nicht mehr ignorieren. Ich fahre nach Hause. Meine Beine sind schwer. Auf der Couch schlafe ich sofort ein. Das Piepen im Ohr, es wird lauter, viel zu laut. Nur noch einen Tag, dann ist wieder Wochenende.

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Das Wochenende verbringe ich auf der Couch, ausschlafen kann ich nicht mehr. Meine Gedanken kreisen, zu viel, viel zu viel. Ich starre in die Leere, mir fallen die Augen zu, ich beginne zu schwitzen, eine Hand auch meinem Bauch. Ignorieren und weitermachen? Magenschmerzen, das Piepen im Ohr, viel zu viele Zigaretten, Schlaflosigkeit, Schwitzattacken, rasende Kopfschmerzen. Konzentrieren kann ich mich schon lange nicht mehr. Wann habe ich das letzte Mal durch geschlafen? Wann habe ich das letzte Mal gelacht? Einfach funktionieren? Nicht mehr!

Stopp! Ende! Bis hier hin und nicht weiter!

Eine Woche eher? Zwei Wochen eher? Hätte ich erkennen müssen, bevor es zu spät ist?

So kann es nicht weiter gehen. Ich muss die Reißleine ziehen!
Wir funktionieren, wir ignorieren, wir machen weiter.
Ich habe erkannt, dass es so nicht weiter gehen konnte. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe Menschen, aber ich verachte Ignoranz, Egoismus und Lügen. Dinge, die mir täglich begegneten.
Mein Verstand lies mich aufstehen, weiter machen, während mein Körper die Symptome der Erschöpfung offen zeigte. Ich hatte gelernt zu ignorieren, mich zu organisieren, zu funktionieren, aber nicht gelernt auf meinen Körper zu hören.

Die Konsequenz trage ich nun. Das Schlafen, das Entspannen, das normale Essen muss ich neu erlernen, mich regenerieren.

Die Reißleine zu ziehen fällt uns Menschen oft schwer. Wir haben Angst davor. Angst entdeckt zu werden, Angst vor unserer Schwäche! Diese Angst hatte auch ich. Vor allem wollte ich niemanden enttäuschen. Was wird meine Familie sagen, was werden meine Freunde sagen? Werden Sie mich verstehen? Warum halte ich nicht durch, wie alle anderen? Warum funktioniere ich nicht weiter? Meine Ängste waren unbegründet. Ich erfuhr Verständnis und Rückhalt und werde wieder gesund.

Ab jetzt wird es kein Ignorieren mehr geben.

 

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2 Kommentare

  • Hervorragender Artikel, sehr gut beschrieben, wie man sich von Tag zu Tag hsbgelt, von Nacht zu Nacht während dieses Gefühl alles nicht zu bewältigen können überhand nimmt. Danke dafür.

  • Ich fühle mich so ziemlich ähnlich erschöpft und fertig. Nach mehreren Hörstürzen in den vergangenen Wochen ist auch mir klar, dass ich etwas ändern muss. Ich hoffe, ich kann mich bald überwinden….
    Toller Artikel@

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