Kategorien
Aus dem Leben

ADHS im Erwachsenenalter als Frau – Mein Weg zur Diagnose (mit 34 Jahren)

Wie ’ne Folge Domian über ADHS im Erwachsenenalter mein Leben verändert hat

Stell dir vor, du fühlst dich dein Leben lang anders und hast Probleme, die von niemandem richtig ernst genommen werden. Probleme, die du selbst nicht lösen, teilweise sogar nicht mal richtig in Worte fassen kannst.

Du redest als Kind so viel, dass Menschen nicht selten von dir genervt sind und verstehst gar nicht warum. Mit der Zeit gewöhnst du dir ab, lebhaft und viel zu erzählen, damit niemand mehr von dir genervt ist. Später hört man dir nur selten bis zum Ende deiner Erzählungen zu. Irgendwann als Erwachsene erzählst du die meiste Zeit gar nichts mehr von dir, wenn du nicht direkt danach gefragt wirst.

Du kannst dich nie richtig auf eine Sache konzentrieren. Schon beim Spielen wurde dir eine Sache schnell langweilig. Aber weil Oma und Opa sagen, du sollst mal bei einer Sache bleiben, tust du so, als würdest du weiter spielen, dabei bist du mit den Gedanken schon woanders. Du willst ganz viel auf einmal und findest es im nächsten Moment doof.

In der Schule hast du früh Probleme. Vor allem in Mathe. Du verstehst es einfach nicht. So sehr du es auch versuchst, in deinem Kopf ergeben die Zahlen das reinste Chaos. Du lernst und lernst und lernst, aber verlierst dich bereits in den ersten Minuten. Alles, was du heute für die Fächer, die dich nicht interessieren, gelernt hast, hast du morgen schon wieder vergessen.

Deine Noten werden immer schlechter (auch später, als du erwachsen bist). Deine Eltern sind verzweifelt und enttäuscht. Du kannst dem Unterricht nicht folgen. Bleibst mehrmals sitzen. Um in der Klasse nicht so negativ aufzufallen, wirst du zum Klassenclown.

Nirgendwo in deinem Leben hast du das Gefühl, wirklich dazu zu gehören. Selbst in deiner Familie fühlst du dich oft außen vor. Immer wieder wirst du gemobbt. Erst in der Schule, als dich Lehrer versuchen systematisch fertig zu machen, später dann auch im Beruf.

Um stetig auftretende Konfliktsituationen sowie soziale Bestrafungen zu vermeiden oder sozial weniger aufzufallen, fängst du an dir Dinge auszudenken oder dazu zu erfinden und zu konfabulieren. Aber auch deine Geschichten sorgen nicht dafür, dass du endlich dazu gehörst und anerkannt wirst.

Du hast Probleme damit Ordnung zu halten. Du WILLST es und versuchst es immer wieder, du siehst die Lösung sogar vor dir, bist oft überzeugt davon, richtig sauber gemacht und aufgeräumt zu haben, aber du schaffst es einfach nicht. In deinem Kopf ist ein riesengroßes Chaos, das sich später auch, in Form einer Messie-Wohnung, im Außen widerspiegelt. Du fühlst dich hilflos, schämst dich und schwörst dir, was zu ändern, aber es gelingt dir nicht.

Du trinkst Unmengen an Alkohol, weil du für einen Moment dazu gehörst. Weil die Leute dich kurz dafür anerkennen, wie viel du saufen kannst und weil sie über deine Witze lachen. Oft trinkst du sogar heimlich alleine Zuhause vor dem Computer und machst „Ego-Partys“, um dich von deinen Problemen abzulenken und dich besser zu fühlen.

Du probierst viele Berufe aus, die meisten davon gefallen dir nur ein oder zwei Tage. Spätestens nach einigen Monaten wirfst du das Handtuch. Nur deine Ausbildung ziehst du durch, weil der gesellschaftliche und familiäre Druck so hoch ist, dass du dich nicht traust, die Ausbildung aufzugeben.

Du bist schnell gelangweilt. Fühlst dich unterfordert. Möchtest mehr Vielfalt in deinem Beruf und nicht nur immer ein und dieselbe Sache machen. Aber du findest nicht das Richtige für dich.

Auf der Arbeit gibt es Probleme, weil du auch bei Routineaufgaben immer und immer wieder Flüchtigkeitsfehler machst, dich nicht konzentrieren, organisieren und strukturieren kannst. Außerdem bist du „trottelig“ und machst immer wieder Dinge aus Versehen kaputt. Anfänglich lachen noch alle über dich und deine Trotteligkeit, später führt genau das zu Problemen und nervt deine Vorgesetzten und Kollegen. Sie alle halten dich für desinteressiert und faul.

In Diskussionen und Streitgesprächen wirst du sehr schnell sehr wütend und sagst Dinge, die du später bereust. Als Kind beißt du dich vor Wut oft heimlich, schreist in dein Kissen und haust Wände. Später unterdrückst du diese Impulse und unkontrollierte Wutausbrüche werden häufiger. In Folge dieser Ausbrüche, verletzt du dich teilweise aus Versehen selbst. Vor allem aber bist du „rasend vor Wut“ und kannst dich selbst nicht mehr kontrollieren oder runter kochen. In diesen Situationen fühlst du dich besonders hilflos, weil nichts zu helfen scheint.

In Unterhaltungen bist du sehr impulsiv. Oft überschreitest du ungewollt Grenzen und sagst Dinge, die man normalerweise eher nicht erzählt. Teilweise entstehen dir dadurch Nachteile, weil andere das Gesagte gegen dich verwenden, du auf Fremde einen falschen Eindruck machst oder du andere durch unbedachte Worte verletzt oder abstößt.

Du redest, noch bevor du denkst. Weshalb neben der unbedachten Worte, auch völlig wirre Sätze oder Worte aus dir heraus purzeln. Deshalb liebst du das Schreiben. Es kostet dich zwar viel Zeit, aber hier hast du die Möglichkeit, deine Gedanken und Gefühle zu sortieren und lange darüber nachzudenken.

Dein Leben lang begleiten dich Ängste. Du hast Angst, dass etwas Schlimmes passiert. Das jemand plötzlich stirbt. Du kontrollierst Nachts die Atmung deiner Eltern, deines Bruder und später auch deines Partners. Du hast Angst schwer krank zu werden oder dass jemand anderes schwer krank wird. In Situationen, in denen du dich nicht wohl fühlst, wird dir schlecht. Du hast teilweise Angst umzukippen. Kannst nicht richtig durchatmen. Hast insgesamt große Versagens- und Verlustängste.

Du nimmst dich selbst als wertlos wahr und stellst dich immer an letzte Stelle. Alle anderen sind wichtiger. Auch weil du so hoffst, Aufmerksamkeit zu bekommen und so behandelt zu werden, wie alle anderen. Wenn jemand ein Problem oder einen Wunsch hat, lässt du alles andere liegen. Du fühlst dich immer persönlich angegriffen.

Dinge, für die du brennst, gehen dir hingegen leicht von der Hand. Du bringst dir Dinge, für die du dich interessierst, autodidaktisch bei. Kreatives wie singen, schreiben und zeichnen, aber auch das Arbeiten am Computer, kannst du stundenlang und ohne Probleme durchführen.

In diesen Momenten ist dein Kopf ruhiger und mehr im Jetzt, als sonst. Andere legen dir das zum Nachteil aus, weil du angeblich absichtlich nur das machst, was dir gefällt und egoistisch bist. Gleichzeitig zweifelst du selbst an den Dingen, die du eigentlich kannst, sobald jemand einen Hauch Zweifel an deinem Können erkennen lässt. Dann wirfst du alles über Bord und hältst selbst die Sachen, die du gut kannst, für unmöglich.

Deine Beziehung leidet unter all diesen Problemen, weil dein Partner täglich am meisten von all dem mit und abbekommt. Er ist derjenige, der alles organisieren muss, weil du es alleine nicht hin bekommst. Er ist derjenige, der deine Wut abbekommt. Er ist derjenige, der hinten ansteht, weil alles andere wichtiger ist. Aber er ist auch derjenige, der als Erstes das bemerkt, was du schon lange fühlst: da stimmt was nicht mit dir.


Vor der Diagnose

Seit ich denken kann, habe ich das Gefühl, das etwas nicht mit mir stimmt. Ich konnte dieses Gefühl nie ganz eingrenzen, weil meine Probleme so viele Facetten haben und ahnungslos, von Außen und Innen betrachtet, erst mal in keinem Zusammenhang stehen. Dass genau dieses „Knäuel“ unterschiedlicher Probleme und Gefühle zu meinem Krankheitsbild gehört – wie hätte ich das je ahnen sollen?

Ungefähr seit meinem 16. Lebensjahr suche ich regelmäßig nach Hilfe. Ich habe Ärzte, Therapeuten, Psychologen und Co. konsultiert. Jeder hatte eine andere Idee davon, woher meine Probleme kommen. Die meisten glaubten, ich bilde mir alles nur ein. Andere sagten, ich sei einfach etwas zu sensibel und zudem faul „Da müssen sie einfach mal aktiv werden!“, wieder andere vermuteten (m)eine generalisierte Angststörung als Ursache.

Über drei Jahre Therapie, etliche Einzelcoachings und Arztbesuche haben mir viele neue Erkenntnisse gebracht, aber mich in Bezug auf meine WIRKLICHEN Probleme keinen Schritt voran gebracht.

Immer wieder betonte ich, wie unglaublich belastend der Alltag durch meine Probleme nicht nur für mich, sondern insbesondere auch für Marius ist und dass mir bisherige Strategien nicht helfen. Und auch, dass sowohl er als auch ich das Gefühl haben, dass das etwas „allumfassenderes“ in Bezug auf den Kopf, Hormone oder Botenstoffe sein könnte – weil es sich eben genau so für mich bzw. uns darstellt. Es half aber leider nichts.

Ende 2019 sahen Marius und ich dann „zufällig“ eine Folge Domian (die Folge ist leider nicht mehr online abrufbar). Eine Frau erzählte von ihrer Krankheit. Ich hatte vor lauter Schreck, in Bezug auf die Ähnlichkeit zwischen ihren und meinen alltäglichen Problemen, Tränen in den Augen. Marius und ich haben uns angesehen und waren uns einig: DAS ist des Rätsels Lösung.


Mein Weg zur Diagnose

Es folgten Gespräche mit meiner Therapeutin die mir sagte, dass sie diese Diagnose bei mir für nicht sehr wahrscheinlich hält. Sie empfahl mir jedoch eine ADHS-Ambulanz in der Nähe von Wuppertal, bei der ich mich noch am selben Tag meldete und einen Termin zur Diagnostik vereinbarte.

Es folgten mehrere Termine in der Ambulanz und bei Ärzt*innen, um verschiedene Sachen abzuklären/auszuschließen, zu testen und zu besprechen. Meine Mutter und mein Mann Marius mussten Fragebögen ausfüllen.

Die Zeit bis zur Abschlussdiagnose nutzte ich, um mich in einer Selbsthilfegruppe mit Betroffenen auszutauschen, mir Rat zu holen und „einfach mal zu schauen“. Zum ersten Mal fand ich mich unter Menschen wieder, die verstanden wie es mir geht und meine alltäglichen Probleme nicht nur ernst nahmen, sondern vor allem auch nachvollziehen konnten, weil sie selbst betroffen sind (viele von ihnen sind zudem auch ehemalige Messies und haben eine generalisierte Angststörung – ich erfuhr, dass auch das Begleitsymptome meiner Krankheit sind).

Für mich war klar, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag. Ich hatte auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen aber dennoch große Angst davor, dass die Ärzte in der Klinik meine Probleme ebenfalls nicht ernst nehmen würden. Dass dieser letzte Strohhalm, doch keine Hilfe verspricht. Die Monate bis zur endgültigen Diagnose im August 2020 waren entsprechend quälend für mich. Ich fühlte mich noch hilfloser und verlorener als sonst.

Auch weil ich bei vielen, denen ich im Vorfeld von meiner Vermutung in Bezug auf ADHS im Erwachsenenalter erzählte, mindestens auf Zweifel und Vorurteile, nicht selten sogar auf Ablehnung stieß. „Das ist doch nur eine neumodische Erfindung. Die Krankheit gibt es gar nicht. Du bist nur (hoch)sensibel/speziell/besonders faul/ein Messie/gestresst/…“. Ich fühlte mich nicht nur unverstanden, sondern vor allem auch nicht ernst genommen. Gleichzeitig zweifelte ich an mir und meinem Urteilsvermögen.

Immer wieder las ich in Foren, sprach mit Betroffenen, wälzte Studien und Bücher und fand heraus: Alle Betroffenen kennen das Problem. Kritik und Kontroversen beziehen sich nahezu ausschließlich auf fehl-/überdiagnostizierte Kinder und/oder drogenabhängige Jugendliche/Studenten und kommen in den allermeisten Fällen von Menschen, die mit der Krankheit oder (insbesondere erwachsenen!) Betroffenen selten bis nie persönlich in Kontakt gekommen sind.


Die Diagnose

Anfang August 2020 hatte das Warten ein Ende und ich bekam schwarz auf weiß die Diagnose bestätigt, die wir seit November 2019 vermuteten: Erwachsenen ADHS (vom vorwiegend unaufmerksamen Typus). Der Arzt hat mich mit seiner Aussage wirklich sehr gerührt:

„Diese Diagnose ist auch eine Anerkennung für all ihre Probleme, die sie ihr Leben lang mit sich rum geschleppt haben.“.

Für mich ist diese Diagnose mehr als das. Sie ist die erste Chance auf Heilung die ich habe. Eine Tür in ein neues Leben, in dem meine Probleme ernst genommen werden und die Belastung, die ich mein Leben lang erfahren habe, sich hoffentlich mehr als halbiert. Eine Türe, die mir den Zugang zu Expert*innen ermöglicht, die sich mit ihren Therapien auf ADHS im Erwachsenenalter spezialisiert haben.

Und eine Möglichkeit unterstützende Medikamente zu bekommen, die mir helfen können, meinen Alltag besser zu bewältigen und die durcheinander geratene Informationsverarbeitung in meinem Gehirn besser koordinieren zu können, um auf lange Sicht ein normales Leben zu führen.

Ich bin erleichtert.


Buchempfehlungen rund um ADHS im Erwachsenenalter*


Für Interessierte habe ich schon jetzt eine großartige Artikelempfehlung: „ADHS: „Reiß dich zusammen, du Scheißgehirn!“. Außerdem kann man hier 25 grobe Erwachsenen ADHS-Anzeichen lesen und HIER insgesamt sehr viel über die Erkrankung lesen und lernen. Je nach Ausprägung und Art unterscheiden sie sich nochmal und sind letzten Endes auch nur „Leitsymptome“.

Insbesondere die Auswirkungen auf den Alltag sind das, was das Leben insgesamt so belastend für Betroffene und Angehörige machen. Wenn ich für mich alles sortiert habe, erzähle ich euch sicher mehr.

Eine Antwort auf „ADHS im Erwachsenenalter als Frau – Mein Weg zur Diagnose (mit 34 Jahren)“

Liebe Sandra, vielen Dank, dass du deine Geschichte geteilt hast!
Ich kann mir gut vorstellen, wie es dir ergangen sein muss und dann auch noch so lange auf die Diagnose zu warten, war sicher nicht einfach.
Alles Gute für dich!
Gruss Viola

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.