Aus dem Leben

Ich war ein Messie

Als ich das Thema vor ein paar Monaten auf Instagram ansprach, da ist mir etwas aufgefallen, das mich in der Konsequenz dazu inspiriert hat, dieses Thema noch stärker zu thematisieren: es spricht kaum jemand öffentlich drüber. Mich haben soooo viele Menschen angeschrieben, dass es Ihnen ähnlich ging oder sogar ähnlich geht, aber sie nicht darüber reden können. Ich find das fürchterlich und möchte anderen Betroffenen mit meiner Geschichte Mut machen.

Das Thema ist sicher das persönlichste Thema hier auf dem Blog. Ein Thema, das ich bisher absichtlich komplett aus der Öffentlichkeit heraus gehalten habe. Für mich ist es, bis heute, mit einer großen Emotionalität verbunden, weil diese Zeit zu einer der schlimmsten Zeiten meines Lebens gehört. Zum Einstieg gibt es das Posting, das ich dazu auf Instagram veröffentlicht habe, weil es die Story kurz auf den Punkt bringt:

 

Wird doch Mal wieder Zeit für #100tageselbstfindung #100daysofselfexploration ❤ Das für mich persönlichste und unangenehmste Thema, das mir gleichzeitig sehr viel bedeutet. Heute Morgen bin ich mit dem Gedanken „Du hast es geschafft“ aufgewacht und finde, dass es an der Zeit ist, davon zu erzählen. Vor etwas über sieben Jahren sah meine damalige Wohnung aus wie ein Schlachtfeld. Alle Zimmer, bis auf das Schlafzimmer und das Klo, waren vermüllt und verschlossen. Aus Angst vor Ungeziefer habe ich die meiste Zeit mit Anziehsachen (also auch Jacke und Schuhe und Kapuze) gepennt. Völlig sinnlos, aber ja. So war es. Es war ähnlich wie in den Wohnungen, die wir alle aus dem Fernsehen kennen und bei denen wir uns fragen: wie ist das möglich? Und: WARUM? Ich hab darauf keine plausible Antwort. Ich war krank. Mit Faulheit hat es nichts zu tun. Ich fühlte mich einsam, unverstanden, überfordert. Hatte einen Job, den ich hasste. Viele Jahre Mobbing hinter mir. Irgendwo dazwischen liegt der „Auslöser“ für mein krankhaftes Verhalten. Es ist „einfach so“ passiert. Meine größte Angst damals: sterben! Sterben in einem Haufen Müll und meine Familie enttäuscht und fassungslos zurück lassen. Das war mein größter Horror. Ich wollte was ändern, wollte mir Hilfe suchen. Wusste aber nicht wie und schämte mich unendlich.😔 Dann kam Marius. Es ist wie in nem Kitsch-Film. Eine Woche, nach dem wir zusammen kamen und er mich mehrfach wegen meiner Wohnung aushorchte (ich log ihn immer an), kam ich eines abends von der Arbeit nach Hause.Ich weiß noch, wie mir der Atem stockte, als ich sah, wie hell der Flur war. Alle Zimmertüren standen offen.Kein Müll mehr in den Zimmern. Alles, wirklich ALLES hatte er weggebracht. Ich hab vor Erleichterung sicher zwei Stunden geheult und hab heut noch Pipi inne Augen, weils so groß ist. Dieser Typ hat völlig selbstlos, die größte Baustelle meines Lebens, einfach in Luft aufgelöst. Für ihn war das selbstverständlich. Bis heute muss ich manchmal noch gegen alte Verhaltensmuster ankämpfen (z.B. alles SOFORT wegzuräumen, statt einfach liegen zu lassen) aber er ist die beste Unterstützung, die ich mir je hätte wünschen können ❤ Ich hab’s geschafft. ✌

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Das Messie-Syndrom ist eine Krankheit

Es gibt kaum Aufklärung und (mediale) Präsenz zum Thema. Klar, man sieht hier und da vermüllte Wohnungen, aber was WIRKLICH dahinter steckt, wie sich der Mensch in diesem Chaos fühlt, dass niemand gerne Müll sammelt, wie man helfen kann und was man dagegen tun kann, wird nur selten thematisiert. Auch ich habe damals Hilfe gesucht aber keine Menschenwürdige gefunden. Denn wann immer es um Messies ging, war man eine „alte Drecksau“ oder ein „faules Schwein“. Das ist natürlich leicht über die Lippen gebracht. Man kann die Menschen in solche Schubladen stecken, man wird Ihnen so aber nicht gerecht.

Messies sind keine faulen Drecksschweine!

Fakt ist, dass es sich um eine (psychische) Krankheit handelt die, ebenso wie Depressionen, Burn Out, Magersucht oder Borderline, professioneller Hilfe bedarf. Fernab von Vorwürfen, Unverständnis und Ablehnung. Ich wollte mir so oft Hilfe holen, aber wann immer ich danach googlte (insgesamt war meine Wohnung rund 5 Jahre vermüllt), wurde man als asozial und widerlich abgestempelt. Es gab nur Entrümplungsfirmen, die laut eigener Aussagen, auch den widerlichsten Sauställen Deutschlands an den Kragen gehen. Wer zur Hölle ruft da noch an, wenn er ernsthaft Hilfe benötigt und auf der Suche nach Halt ist?

Es ist ein Teufelskreis

Ich wollte zu keiner Zeit für asozial, dreckig und faul gehalten werden, wusste aber auch nicht, wie ich meine Scham überwinden und den Menschen erklären soll, was passiert ist, wenn ich es selbst nicht mal verstand. Die Angst vor Ablehnung und Unverständnis war riesen groß. Also habe ich mich irgendwann meinem „Schicksal ergeben“ und völlig resigniert. Ich wusste zum verrecken nicht mehr weiter.

Ich war mir meiner Misere täglich bewusst

Als Messie war ich mir meiner Misere jeden Tag bewusst. Es ist nicht so, dass ich die Türen zugeschlossen habe und danach das wachsende Chaos hinter den Türen nicht mehr da war. Ganz im Gegenteil, hämmerte es eigentlich 24/7 gegen meinen Kopf. Nicht nur, weil mein Alltag Jahrelang total eingeschränkt war, ich weder kochen noch richtig schlafen und duschen konnte, sondern auch wegen der massiven Ängste und der sozialen Isolation. Ich hatte Angst, dass ich sterbe und meine Familie enttäuscht vor diesem riesigen Haufen steht und sich fragt, wie das passieren konnte. Angst, dass mein Vermieter, meine Kollegen, mein damaliger Chef, meine Freunde das mitbekommen. Angst, vor der kompletten Isolation. Angst, dass (noch mehr) Ungeziefer sich breit machen. Und gleichzeitig umgab mich diese unsagbare Hilflosigkeit, Überforderung und die Verzweiflung. Ein verfluchter Teufelskreis.

Wer heute meine Wohnung besucht und später von meiner Vergangenheit erfährt, der kann das alles gar nicht glauben. Dass es Messies gibt, die „normal“ aussehen und eine saubere Wohnungen haben, davon hört man halt auch nie etwas. Selbst heute traut man sich nicht darüber zu reden. Auch mir ging das oft so. Aus meiner Familie weiß es niemand, außer meine Eltern und mein Bruder.Meine Freunde wussten nie, wie schlimm es wirklich war. Man schämt sich unendlich dafür, weil man leider immer noch viel zu oft (vor)verurteilt wird.

Was ging in Dir vor?

Die Frage wurde mir oft gestellt, man kann das aber nicht in einem Satz oder einem Artikel beantwortet. Es ist eine Krankheit, die sich Jahre lang ausbreiten durfte. Jeden Abend habe ich mir vorgenommen: „Morgen, da schnappst Du Dir einfach heimlich den Anhänger von Mama und Papa und bringst alles weg!“. Aber ich konnte nicht. Ich wusste nicht wo ich anfangen sollte, ekelte mich vor dem Gestank, dem Ungeziefer und ich hatte unfassbare Angst erwischt zu werden. In dem Moment, in dem ich den Müll irgendwo hinstellte, dachte ich nicht „Scheiß drauf.“ sondern „Ich kann das jetzt nicht.“ oder „Mir ist das alles zu viel.“ „Du bist eh ne dreckige Sau und kannst gar keine Ordnung halten.“. Dieser Berg an Müll schien mir absolut unerklimmbar, sobald ich davor stand. Das, die Scham und Angst gingen in mir vor. Mehr nicht.

Ich hatte Glück aber vorbei war es damit nicht

Ich hatte großes Glück, dass Marius in mein Leben kam und meine Ausflüchte damals nicht gelten lassen hat. Wann immer er zu mir kam, waren ja alle Türen verschlossen. Ich bin dem Thema völlig ausgewichen, also hat er die Türen in meiner Abwesenheit aufgebrochen, weil er spürte, dass ich Hilfe brauche und diese nur zulasse, wenn es jemand für mich in die Hand nimmt. Marius hat den äußerlichen Müll beseitigt und mich in den letzten sieben Jahren auf einem, für mich sehr steinigen, Weg begleitet. Denn mit der Beseitigung des Mülls war zwar im Außen nichts mehr sichtbar, meine Probleme und das Chaos in mir sind aber geblieben.

Der Müll geht, das Chaos bleibt

Sich realistisch, authentisch und wirksam mit dem Thema und den eigenen Problemen auseinander zu setzen ist schwer. Anzunehmen und zu erkennen, wo meine Probleme liegen und dass nicht alles immer nur „wieder gut“ wird, sich Probleme nicht mit einem Lachen und einer geschlossenen Türe weg zaubern lassen, das war sogar verflucht schwer und schmerzlich. Ich musste erst erkennen, dass ich mich mit dem Gedanken, dass diese Zeit im Müll nur eine „pubertäre Faulheit“ war, von der ich auch nicht so recht weiß, wie das passieren konnte, selbst belüge.  Es ist eine Krankheit und mir musste zwingend geholfen werden. Das war keine Phase, kein Versehen, keine Faulheit, sondern eine logische Konsequenz, die aus meiner damaligen Lebenssituation erwachsen ist. Marius hat auf diesem „Weg der Erkenntnis“ für mich Meilensteine gesetzt und versetzt, die Therapie hat geholfen, anzunehmen, das Marius sehr richtig lag (das fiel mir anfänglich nämlich schwer, weil ich nicht hören wollte, was real ist, er es mir aber immer wieder sagte) aber auch zu verstehen, wie das möglich war und was ich in Zukunft zu tun habe. Letzten Endes kann man sich nur selbst helfen, wenn man es auch zulässt.

Das Problem wird immer ein Teil von mir sein und bleiben. Meinen inneren Müll außen raus zu lassen hat aufgehört, der Prozess des „inneren Aufräumens“ dauert aber weiter an. Wenn es mir besonders schlecht geht, ich überfordert bin und in der Welt „schwimme“, merke ich, wie alte Verhaltensmuster an der Oberfläche kratzen. Wie ich plötzlich einfach ein Stück Papier auf den Boden werfe, Dinge stehen lasse oder z.B. im Begriff zu sein, Dreck an der Wand abzuschmieren. Nach langem Üben und bewussterem Umgang habe ich gelernt, dieses Verhalten zu erkennen und sofort zu unterbinden, aber ich muss immer weiter üben, arbeiten und trainieren.

Hilfe Messie Syndrom

Ob Ihr es glaubt oder nicht, aber alleine auf das Instagramposting haben sich 37 Personen bei mir gemeldet, die mich gefragt haben, wie ich es geschafft haben und wie sie sich selbst Hilfe holen können. Das Wichtigste vorab, quasi von Messie zu Messie: Du bist nicht allein. Dass Du den Schritt wagst, Dich mit dem Thema zu beschäftigen und Hilfe in Erwägung zu ziehen ist MEGA mutig. Dass es Dir schwer fällt, Du nicht weißt, wo Du anfangen sollst überfordert bist und Angst hast, ist völlig normal. Dein Problem ist lösbar und ich präsentiere Dir hier ein paar Anlaufstellen, an die Du Dich wenden kannst:

Mein persönlicher Tipp: vertraue Dich irgendjemandem an. Mir persönlich fällt es immer leichter, wildfremden Menschen etwas zu erzählen, als solchen, zu denen ich eine emotionale Bindung habe. Vielleicht geht es Dir auch so. Dann ist evtl. die Hotline oder eine anonyme Selbsthilfegruppe (gibt es auch als Forum) etwas für Dich?

Ich hoffe, dass der eine oder die andere Mut findet, sich Hilfe zu holen oder jemandem zu helfen. Dass ein paar von Euch etwas weniger kritisch über Messies denken und im Alltag etwas sensibler mit dem Thema umgehen. Und natürlich hoffe ich auch, dass ich ein paar inspirieren konnte, ihre eigenen Probleme anzugehen!

Bei keinem Artikel liegt es mir so sehr am Herzen wie hier: teilt den Artikel mit Euren Freunden! Zeigt der Welt, dass Messies keine faulen Idioten sind und zeigt den Betroffenen, dass es Hilfe gibt und auch Menschen, die dasselbe erlebt haben, die hinter ihnen stehen und Verständnis für die Situation haben.

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Über den Autor

Die Checkerin

Frohnatur! - Freak! - Philosophin!
Kommt selten schnell auf den Punkt, trifft aber irgendwann trotzdem den Nagel auf den Kopf.

10 Kommentare

  • Wow, beeindruckender Artikel den du da geschrieben hast! Dadurch bekommt man einen sehr guten Eindruck aus der Sicht des Erkrankten. Danke hierfür!

  • Mein Respekt und meine Hochachtung für Deinen Bericht. Paß Dich nicht unterkriegen in Deinem Kampf…
    Ich kenne so etwas nicht ,habe aber schon Blider gesehen und könnte es nicht verstehen. Durch Deinen sehr offenen Bericht , sehe ich es mit anderen Augen.
    Ich habe Deinen Bericht sehr gerne geteilt…
    Liebe Grüße, Renate

    • Liebe Renate,

      vielen Dank für deine Worte. Ich freue mich unglaublich, dass ich dein Bild etwas gerade rücken konnte :-) Danke, dass Du mir geschrieben hast!

  • Du Liebe, ich hatte keine Ahnung und den Post damals wohl verpasst. Wow, toll dass du so offen bist, mutig und selbstbewusst. Du bist eine schöne Persönlichkeit und ein vielschichtiger Charakter mit großem Herz. Deswegen halte ich nichts von voreiligen Schlüssen, Menschen die schnell über andere richten, die sie nicht kennen und nicht wissen welchen Rucksack jemand trägt, wie schwer er ist und warum er ihn trägt.
    Du bist so stark…vergiss das nie! Du bist ein Geschenk…ja, dass meine ich ganz ernst.
    Hut ab vor deinem Mut und der Selbstreflektion. Bleib dran und in Balance mit deinem innerem Chaos.
    Und ja Marius ist Dein Engel und ein Segen wie man so schön sagt.
    Ich teile es gerne.
    Alles Liebe
    Juli

  • Herzlichen Dank für deine offene Art und deine ehrlichen Worte.
    Wir machen es grade zum 2 mal mit meinem Sohn durch und er hat auch noch Depressionen und es geht uns alle an die Nieren.
    Es bedeutet für ihn soviel Kraft aufzuwenden um einen Schritt nach dem anderen zu machen. Ich kann dich sehr gut verstehen, was ich leider nicht verstehe das es immer noch viele Menschen nicht die Krankheiten akzeptieren . Oder einfach sagen ach das ist ja nicht so schlimm . Vielen lieben Dank für den tollen Bericht
    #ichhabsgecheckt

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