Immer wieder Sonntags


Immer wieder Sonntags 158

Heute ist Tag X. Ein guter Tag, der in meine persönliche Geschichte eingehen wird und meine Gesundheit, ebenso wie meine Zukunft massiv prägt, denn: Mein Handyvertrag ist ausgelaufen und ich habe ihn nicht verlängert. Gleichzeitig habe ich mein WhatsApp Konto und 238 Kontakte gelöscht. Geblieben sind eine handvoll enger Kontakte, bestehend aus Familie und Freunden, die auf mein berufliches Handy (im Sinne von: da sind Apps für meinen beruflichen Alltag drauf) rüber wandern.

Aber warum entscheidet man sich dazu, sich so zu verkleinern?
Wer hier lange mit liest, der weiß, dass mein Verhältnis zum Smartphone schon immer recht ambivalent war (Geschrieben habe ich dazu z.B. „Mein Leben passt in ein Smartphone – Ich will das nicht mehr„, oder „Eine Woche ohne Smartphone“ und „ENDLICH Abschalten“ aber auch bei Immer wieder Sonntags war es oft Thema z.B. hier als ich Marius mein Handy zur Verwahrung gab oder hier als ich das erste mal meine Nutzungszeiten getracked habe). Immer Fluch und Segen zugleich. Ich hab vieles probiert und meine Nutzungszeit in den letzten Jahren von bis zu sechs Stunden täglich (Wie krass ist das bitte?) auf maximal 30 Minuten reduziert. Ausnahmen bestätigen (wie immer) die Regel.

„Allein bei WhatsApp habe ich (in den letzten 77 Tagen) durchschnittlich 63 Nachrichten und knapp 2 Anrufe pro Tag erhalten plus insgesamt knapp 2 Gigabyte an Daten.“

Das war auch super. Ich habe aber gemerkt, dass mir persönlich die ewige Erreichbarkeit, die Omnipräsenz gefragter und ungefragter Informationen, aber insbesondere auch meine fehlende Abgrenzung gegenüber Problemen und Grenzüberschreitungen anderer, über das Smartphone mehr schadet, als dass es mir nutzt. Egal wie sehr ich es auch für mich persönlich reduziere, die Flut von Außen bleibt gleich. Allein bei WhatsApp habe ich (in den letzten 77 Tagen) durchschnittlich 63 Nachrichten und knapp 2 Anrufe pro Tag erhalten plus insgesamt knapp 2 Gigabyte an Daten. (Überlebens)wichtig war davon gar nichts.

Für mich sind SMS, WhatsApp & Co. als Informationsaustausch super.
Für viele andere ist es aber leider DAS Hauptkommunikationsmittel – manche haben ja nicht mal mehr ein normales Telefon – da prallen Welten aufeinander zwischen Bekannten, Verwandten, Freunden, beruflichen Kontakten etc.
Ich kann mich nicht abgrenzen und fühle mich oft gezwungen, zu reagieren. Einige haben ein so krasses Durchhaltevermögen, dass sie mir tagelang über ihre Probleme/Fragen/Sorgen schreiben, ohne auch nur eine Antwort von mir zu erhalten. Wenn ich schreibe, dass ich gerade wirklich keine Zeit dafür habe, wird kurz „Ok, kein Problem“ geschrieben und weiter gemacht.

„Nicht selten kam es vor, dass ich den ganzen Tag für andere telefonisch oder per WhatsApp Probleme gelöst habe, aber mit meiner EIGENTLICHEN Arbeit oder meinen eigenen Problemen keinen Schritt voran kam“

Wie ich schon letzte Woche schrieb: nicht selten kam es vor, dass ich den ganzen Tag für andere telefonisch oder per WhatsApp Probleme gelöst habe, aber mit meiner EIGENTLICHEN Arbeit oder meinen eigenen Problemen keinen Schritt voran kam. Auch die ewigen Telefonate, die ich von Fremden oder Bekannten bekomme, haben so überhand genommen. Ich habe noch nie gerne auf Zuruf telefoniert. Anrufe ohne Nummer sind komplett blockiert in der Telefonanlage, unbekannte Nummern habe ich noch nie angenommen und gleiches gilt für ungefragte Anrufe. Aber Anrufe auf dem Smartphone machen mich oft nervös. Weil meine Verknüpfung immer war: Anruf auf dem Handy = Notfall

Ich musste lernen, dass diese Verknüpfung offenbar nur bei mir so vorhanden ist.
Kaum jemand nutzt die Anruffunktion vom Smartphone nur in dringenden Fällen oder im Notfall. Selbst am Wochenende klingelte das Smartphone nicht selten spät abends. Mein Herz fängt sowieso immer an zu klopfen, wenn das Telefon zu ungewohnten Zeiten klingelt (als mein Papa starb haben wir Handy und Telefon nachts nicht gehört, seit dem bin ich da „geschädigt“). Und am Wochenende abends ist definitiv ungewohnt. Das hat mich also zusätzlich „getriggert“.

„Ungefragte Anrufe sind die Light-Version von ungefragt vor der Tür zu stehen!“

Ich persönlich empfinde es aber schon immer als unhöfliche Grenzüberschreitung, andere Leute (außerhalb meiner Familie und meinem engen Freundeskreis, wobei ich selbst da meist frage) wegen jedem Pups und ungefragt anzurufen. Das ist die Light-Version von ungefragt vor der Tür zu stehen! Egal ob beruflich oder privat (Notfälle ausgenommen <- das ist, wie gesagt, meine Verknüpfung).

Mach das aber mal Leuten klar, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als zu telefonieren und Nachrichten hin und her zu schicken. All das (und vieles mehr) lässt sich bei über 200 Kontakten nicht unterbinden. Meine persönlichen Werte in Bezug auf Kommunikation sind für manche offenbar so’n bisschen 90er. Aber mittlerweile bin ich zumindest dahingehend so gut gefestigt, dass ich meinen Weg konsequent gehe.

Deshalb geht es für mich „back to the roots“.
Jetzt wo es so weit ist, fühle ich mich erleichtert und frei. Mit dem beruhigenden Wissen, die absolut richtige Entscheidung für mich getroffen zu haben. Eine Entscheidung, die eigentlich schon seit Jahren überfällig war. Ich hab aber tatsächlich immer auch Angst gehabt, etwas zu verpassen. FOMO. The fear of missing out.

Die letzten Jahre waren für mich eigentlich eine Vorbereitung auf diesen letzten Schritt. Mir selbst klar zu machen, dass es NICHTS zu verpassen gibt. Schon gar nicht, wenn ich gerade arbeite, mit meinem Freund im Restaurant sitze, mit Freunden etwas unternehme,  gute Gespräche führe, durch die Natur wander oder einfach Zeit für mich nutze.

„Es fehlt noch ein Stück, um auch zu verinnerlichen, dass ich mich für meine Entscheidungen nicht rechtfertigen muss“

Es fehlt noch ein Stück, um auch zu verinnerlichen, dass ich mich für meine Entscheidungen nicht rechtfertigen muss (und auch keine Verantwortung für die Sorgen und Probleme anderer trage). Das habe ich gemerkt, als mich ein paar WhatsApp Kontakte panisch fragten, wie sie mich jetzt kontaktieren können oder sich Sorgen machten, dass es mir nicht gut geht (-> eigentlich auch echt krass oder? Wie? Du nutzt dein Smartphone nicht mehr? Geht es dir gut? Müssen wir dich einweisen? Bist du schwer krank? ÄH…ja.). Ich hatte zu Beginn sofort das Gefühl, Kontaktmöglichkeiten bieten zu müssen und das Gefühl, meine Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Dabei muss ich das natürlich auf gar keinen Fall.

Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht mehr 24/7 für alle Leute erreichbar sein möchte, schon gar nicht auf meinem Telefon oder Smartphone. Punkt. Wenn andere das mit ihrem Lebensstil nicht vereinbaren können, dann ist das schlicht und ergreifend nicht mein Problem.

Viele Reaktionen insgesamt haben gezeigt, wie unüblich meine Entscheidung ist. Es gibt kaum noch Menschen, die auf diese Form der Kommunikation freiwillig verzichten. Dass ich den Großteil meiner Kunden noch nie persönlich getroffen oder gesprochen habe, ist für viele regelrecht unvorstellbar.

Einige Kontakte hab ich, auf die verzweifelten Fragen hin, dann an meine E-Mailadresse verwiesen und letzte Woche mit Erschrecken festgestellt, dass es viele Menschen gibt, die Mails wie SMS schreiben. Ich bin eher Team „Romanschreiberin“ – möglichst viele Informationen in eine Mail – der Großteil der anderen eher Team Kurznachricht.

Neue Mail. „Danke“.
Neue Mail „Ich hab noch eine Frage. Xyz.“
Neue Mail  „Oder ist das so und so.“
Neue Mail „Achso, hab gerade mal geschaut, es ist so. Aber danke trotzdem.“
Neue Mail „Ne doch nicht. Geht das auch so? Guck mal.“
Neue Mail „Bist du überhaupt am Pc?“
Neue Mail „Wohl nicht.“
Neue Mail „Naja, Ich versuchs nochmal selber.“
Neue Mail „Jetzt geht’s. Was ich aber noch fragen wollte“
Neue Mail „Bist du jetzt zufällig da?“
Neue Mail „Hm. Wohl immer noch nicht. Ok. Schönen Tag dir!“
Neue Mail „Achso, kannst du bitte noch xyz für mich machen? Eilt und schaff es selber nicht. Danke!“

Zum Glück lasse ich mich nicht dazu hinreißen, auch so zu antworten und habe auch nicht das typische Verpflichtungsgefühl auf jede Mail (und SOFORT) zu antworten, so wie beim Smartphone. Sonst hätte sich das Problem ja nur verlagert. Hallelujah!

Glaub viele von Euch kennen all diese und ähnliche Situationen, die ich oben beschrieben habe. Einige scheinen damit kein Problem zu haben und lieben diese Form der scheinbar kurzen, letzten Endes aber endlos langen Kommunikation (was das für eine Zeit frisst, all diese Nachrichten und Anrufe – irre!), anderen geht es wie mir. Ich hab mich davon jetzt also weitestgehend befreit und weiß jetzt schon, dass es sich für mich lohnen wird.

Eine Person hat meinen Wunsch nach Briefen oder Postkarten jedenfalls direkt in die Tat umgesetzt: Tina, die mich jetzt auch schon seit einem Jahr in den Frauen-Workshops begleitet. Die Postkarte hängt an meinem Kühlschrank und erinnert mich genau an das, was für mich im Leben mittlerweile eine wichtige Maxime ist: nicht labern, machen! :-) Danke, Tina!


Was war diese Woche sonst noch los? Wir haben uns in Werne eine Mini-Auszeit gegönnt und waren u.a. bei der Oma meines Freundes. Diese Woche haben wir außerdem wieder darauf geachtet, jeden Tag ne Runde raus zu gehen. Und wir waren mit meinem Bruder und meiner Mutter ne Runde Badminton spielen. Das war neben der Arbeit alles sehr erholsam und schön.

Insbesondere die frühlingshaften Tage haben wir sehr genossen. Es gab ein ausgiebiges Frühstück (ich liiiiiebe es!) und mehrere Tage, an denen wir auf dem Balkon essen und chillen konnten. Ich hab mir diese Woche auch mal wieder Zeit zum Lesen genommen. Das kam letzte Woche zu kurz und gerade liegen hier schon wieder sieben Bücher, die ich auf jeden Fall lesen will.

 

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Aphorismus der Woche|

Früher hatten wir Freunde – heute haben wir ein Smartphone.
© Matthias Scharlach

|Gesehen| dieses wunderschöne Stück Musik inkl. der Möglichkeit Vorurteile zu überprüfen und abzubauen
|Gehört| siehe oben, rauf und runter
|Getan| gearbeitet, gelesen, gekocht, gewachsen, gelernt, geschrieben, gegessen, gemacht statt „nur“ geredet
|Gegessen| siehe „Was essen wir heute
|Gefreut| über meine Entscheidungen und meine Klarheit
|Gelesen|Mein Leben mit Martha*“
|Geärgert| wenig …
|Gekauft| eine Fahrradklingel* für eine Freundin und 20 Paar Socken* für 10€ für mich (da tut sich noch ein Thema auf: wie macht ihr das nur, immer so viel zu sparen? Zum Beispiel SO! Das Angebot ist aber schon wieder vorbei)
|Geliebt| meine Klarheit und die Last, die von den Schultern fiel
|Geträumt| oh man, wieder so wirres Zeug. Zum Beispiel, dass Marius mit mir Schluss gemacht hat (weird genug aber wartet nur ab) und ich auf der Straße dann völlig verzweifelt war und mit einem Obdachlosen sprach. Den kannte ich offenbar schon. Jedenfalls bin ich mit ihm dann in seinen „Unterschlupf“ um mich auszuheulen (WAAARUUUM? Echt weird). Er wollte mich küssen und ich lehnte ab. Irgendwann sah ich dann, dass er total saubere Kleidung trug und gewaschen war und wir fingen an uns über Vorurteile gegenüber Obdachlosen zu unterhalten…. äh ja.
|Geklickt| nichts, an das ich mich entsinne
|Geschrieben| darüber, was Glücklichsein bedeutet und Achtsamkeit nervt! oder Was Achtsamkeit für mich bedeutet
|Geplant| nächste Woche stehen vor allem geschäftliche Termine bei Kunden an, außerdem ist Donnerstag wieder Workshop-Abend. 

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Über den Autor

Die Checkerin

[Sinnn­flu­en­cerin]
Person, die [in sozialen Netzwerken] Menschen mit großer Vorliebe zum Nachdenken anregt und mit unterschiedlichen Themen inspiriert

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