Aus dem Leben


“Mein Beileid” und andere Floskeln & Worthülsen

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Da das Thema dieses Artikels durchaus emotional werden kann, möchte ich an dieser Stelle nochmal explizit darauf hinweisen, dass es hier ausschließlich um meine Erkenntnisse, philosophische Gedanken und Gefühle geht. Der Artikel erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Ich mag es, mich mit Worten und Kommunikation im Gesamten auseinander zusetzen. Die Macht unserer Worte ist gigantisch. Auch auf meinen Blogs habe ich mich schon mit der Thematik auseinander gesetzt (z.B. in “Mir geht es schlecht, du bist schuld“, “Gewalt ist allgegenwärtig” oder “Warum die Fäkalsprache und ich getrennte Wege gehen“).

In letzter Zeit beschäftigen mich vor allem alltägliche Floskeln und ihre Bedeutung besonders.

Der Begriff “Floskel” wird, mit Blick auf seine ursprüngliche Bedeutung, eigentlich falsch verwendet. Floskel leitet sich vom lateinischen ‘flosculus’ = “Blümchen” ab und bezeichnet ursprünglich einen Denk-/Sinnspruch. Heute meint man mit “Floskel” umgangssprachlich häufig unbewusste, sinnleere, nichtssagende und/oder unnötige Redewendungen oder Phrasen. 

Typische Floskel-Klassiker sind beispielsweise

  • “Wie geht es dir?” (auf diese Frage erwarten nur die wenigsten einen ausführlichen “Lagebericht”, weshalb die meisten von uns floskelhaft mit “Gut” oder “Muss” antworten ;-) )
  • “Guten Tag” (noch nie habe ich darüber nachgedacht, dass ich jemandem damit wünsche, einen guten Tag zu haben. Es ist für mich ein reines Begrüßungsritual)
  • “Gesundheit!” (wehe man vergisst auf einen Nieser “Gesundheit!” zu sagen)
  • “Ganz ehrlich…” (so wirft man automatisch die Frage auf, ob die eigenen Aussagen sonst nicht ehrlich sind )

Floskeln zählen zu den Konventionen der Höflichkeit und sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken. In den allermeisten Fällen benutzen wir sie ganz automatisch, weil wir es irgendwann mal so gelernt haben. Ob und wenn ja welchen tieferen Sinn die jeweilige Floskel hat, hinterfragen wir selten. 

Drei alltägliche Floskeln (zumindest bezogen auf den deutschsprachigen Raum), die ich oft selbst nutze oder höre, habe ich für mich hinterfragt und möchte euch im Folgenden an meinen Gedanken, Gefühlen und Erkenntnissen dazu teilhaben lassen.

"Ich entschuldige mich"

Schuld ist etwas, das wir alle von uns weisen möchten. In der Schöpfungsgeschichte wird Schuld bzw. daraus resultierende Sünde als Ursache des Todes aufgefasst. Wer seine Sünde jedoch einsieht, Reue zeigt und beichtet, dem wird Gott vergeben (sagt zumindest die Kirche)😏 

Wir möchten Schuld also möglichst schnell loswerden. In Form alltäglicher Schuld(gefühle) tun wir dies für gewöhnlich, indem wir uns entschuldigen. “Ich entschuldige mich!”. Ich möchte meine Schuld loswerden, indem ich mich selbst ent-schuldige. Nicht mein Gegenüber bestimmt über schuldig oder nicht, ich entlaste mich selbst. Das nimmt auch gleich die Gefahr, dass mein Gegenüber sagt: “Das ist für mich unentschuldbar.”.

Erst als ich näher über den Begriff “ent-schuldigen” nachdachte, fiel mir auf, mit wie wenig tiefergehender Bedeutung wir Menschen uns oft entschuldigen. “Ich entschuldige mich” ist eine selbstverständliche Konvention. Vorrangig geht es uns bei der Entschuldigung um uns und nicht um unser Gegenüber. 

Unser Ziel ist weniger, dass unser Gegenüber sich besser fühlt – wir wollen uns mit unserer Entschuldigung besser fühlen. Nimmt unser Gegenüber die Entschuldigung nicht an, sagen wir auch oft sowas wie “Tja. Mehr als mich entschuldigen kann ich auch nicht! Wenn du meine Entschuldigung nicht annehmen willst, ist das deine Sache.”

Je mehr ich über diese Floskel und die Art der Verwendung nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie falsch wir sie anwenden. Selbst wenn wir uns selbst von Schuld freisprechen könnten: ist es nicht viel aufrichtiger, sinnvoller und tiefgründiger, unser Gegenüber um Entschuldigung / Verzeihung zu bitten? 

Letztlich ist Schuld auch etwas, das bleibt. Wer sich einmal etwas zuschulden kommen lassen hat, bleibt in dieser Sache schuldig. Auch dann, wenn die Strafe (im gesetzlichen oder gesellschaftlichen Sinne) abgebüßt wurde und/oder verziehen wurde. 

Für mich geht es bei den Gedanken rund um “Ich entschuldige mich” allerdings nicht um die Frage, ob ich oder jemand anderes mich von Schuld freisprechen kann. Es geht mir viel mehr darum, mich nicht mehr selbst zu entschuldigen. Mir erscheint es als nicht ehrlich, aufrichtig und passend. Und auch das ständige Entschuldigen für Dinge, für die ich mich gar nicht entschuldigen muss (z.B. für “Nein”, “Ich habe keine Zeit/Lust”, “Sorry, dass ich weine.” etc.) möchte ich aufhören.

Wenn ich überlege, was ich am liebsten höre und am aufrichtigsten empfinde, dann ist es: “Ich bedauere xyz sehr und möchte dich um Entschuldigung bitten.” Entschuldigung angenommen!💜 

"Es tut mir leid"

Mit “Es tut mir leid” verhält es sich ein bisschen ähnlich. Ich begehe einen Fehler und möchte meinem Gegenüber mein Bedauern zum Ausdruck bringen, indem ich ihm sage, was mein Verhalten mit mir macht (nämlich leid tun), obwohl es doch eigentlich darum gehen sollte, was mein Fehler bei meinem Gegenüber verursacht hat.

Jemand ist sauer auf mich und ich sage: “Es tut mir leid (nämlich, dass du sauer bist)”. Damit gebe ich die Verantwortung für das Gefühl an mein Gegenüber ab. Mit Entschuldigung und echtem Mitgefühl hat das nichts zu tun.

In Bezug auf den Ausdruck von Mitgefühl finde ich diesen Satz auch äußerst seltsam. Jemand erzählt mir beispielsweise, dass das Haus seiner Eltern abgebrannt ist und ich bringe mein Mitgefühl durch ein “Oh, das tut mir leid.” zum Ausdruck ?! 😅

Manchmal sagen wir es fast reflexartig:

“Tut mir leid, aber ich verstehe Sie nicht.”, “Tut mir leid, das kann ich nicht.”, “Tut mir leid, sowas mache ich nicht.”, “Tut mir leid, das möchte ich nicht.”, “Tut mir leid, da habe ich keine Zeit.” usw. 

Was man wissen sollte: Das “leid” in “Es tut mir leid” geht nicht auf das Substantiv “Leid” zurück, sondern auf das Adjektiv “leid” (= unangenehm, betrübend). Insofern wird es in einigen der genannten Kontexte durchaus korrekt angewandt, bleibt in meinen Augen aber dennoch ziemlich floskelhaft.

Nicht nur, weil wir es so inflationär benutzen, sondern auch weil wir sagen, dass es uns leid tut, obwohl es uns oft nicht mal berührt oder wirklich leid tut. In diesem Sinne: tut mir leid, aber mehr habe ich dazu nicht zu schreiben 🤷🏼‍♀️

"Mein Beileid!"

Ich habe noch niemals jemandem “Mein Beileid” gewünscht, weil ich diesen Begriff so fürchterlich nichtssagend finde. Hätte ich eine persönliche Floskel-Antipathie-Top 10, wäre “Mein Beileid” definitiv die unangefochtene Nummer 1 dieser Liste. Gleichzeitig ist es auch diejenige Floskel, mit deren Ablehnung man den meisten Menschen vor den Kopf stoßen kann 🙈

Man sagt “Mein Beileid”, weil es eine gesellschaftliche Konvention ist (Danke, “Trauerknigge” 🙄), aber auch, weil man nicht weiß, wie man sonst Mitgefühl und Betroffenheit zum Ausdruck bringen soll. Es ist klar vorgegeben (siehe z.B. hier), wie alles rund um Tod, Trauer, Abschied und Beileid im besten Fall abzulaufen hat.

“Mein Beileid” setzt sich zusammen aus dem Präfix “bei-” und dem Substantiv “Leid” und sagt: “Ich leide bei deinem Leid mit” oder “Hier hast du zu deinem Leid auch mein Leid dabei”.

Ich kann natürlich nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Für mich war das klassische Beileid die reinste Qual. Das steife Kondolieren von teilweise über 300 Personen am offenen Grab während der Trauerfeier. “Hey, Wir haben uns 20 Jahre nicht gesehen. Mein Beileid. Hand schütteln, pathetischer Blick. Tschüss! Bis zur nächsten Beerdigung.”

Mir persönlich ist es wichtiger (und ich empfinde es als Hinterbliebene auch ‘hilfreicher’) etwas zum Ausdruck zu bringen wie: “Du bist nicht alleine”, “Ich fühle mit dir.”, “Ich bin für dich da”, “Ich bin in Gedanken bei dir”, “Ich fühle mich in dieser schweren Zeit zu dir verbunden” oder wenn ich einfach nur still umarme (bzw. umarmt werde).

Natürlich ist jedem von uns klar, was unser Gegenüber mit diesen Worten zum Ausdruck bringen möchte. Dennoch möchte ich euch hiermit dazu anregen nachzufühlen: wie war das, als ihr mit dem Tod konfrontiert wurdet? Was hat euch da wirklich geholfen? Welche Worte sind euch ans Herz gegangen und in Erinnerung geblieben? War es das hundertste unpersönliche “Mein Beileid” oder eher eine stille Umarmung?  

Und die Moral von der Geschicht?

Mir ist aufgefallen, dass es bei vielen Floskeln eine Konstante gibt: wir sagen oder tun etwas, um etwas Unangenehmes zu verdrängen / zu übergehen. Reden also nicht, um WAHRHAFTIG etwas zum Ausdruck zu bringen, sondern um des Redens willen.

Wie so oft hilft es, glaube ich, zu reflektieren. Wie würde ich mich fühlen, wenn jemand das zu mir sagt, was ich gerade sagen will / gesagt habe? Was würde ich in dieser Situation gerne hören? Ist das, was ich sagen möchte, gerade wirklich wichtig und / oder hilfreich? Muss gerade überhaupt etwas gesagt werden?  

Ich bemerke bei mir, dass vor allem die Frage danach, wie ich mich fühlen würde, wenn mir jemand das sagt, was ich sagen will, sehr viel verändert. Wenn wir bei “Es tut mir leid” und dem Streit bleiben, erinnere ich mich an Situationen, in denen Menschen zu mir “Es tut mir leid” gesagt haben, ich das aber nicht fühlen konnte und mir etwas anderes (z.B. mehr Aufrichtigkeit oder eine Umarmung) gewünscht hätte. 

Außerdem glaube ich, dass es wichtig ist, dass wir uns mit der Bedeutung und der Macht unserer Worte ehrlicher und intensiver beschäftigen. Das zeigt mir die Auseinandersetzung mit der Thematik immer wieder. Sprache ist etwas, das bei uns so oft völlig unbewusst abläuft. Viele Redewendungen haben wir übernommen, ohne jemals über den tieferen Sinn nachzudenken. 

Mir passiert es häufiger, dass ich gewisse Wortbedeutungen erst jetzt (auch in ihrer Gegensätzlichkeit) “verstehe”, weil ich über sie nachdenke, statt sie bloß zu verwenden. Als Beispiel fallen mir Oxymora wie “Hallenfreibad” (Halle oder Frei?) oder “Plastikglas” (Plastik oder Glas?) ein, aber auch Worte wie “Rückantwort” (Ist eine Rückantwort anders als eine Antwort?) “Salzlake” (Hat Salzlake mehr Salz als eine Lake?) oder “wildfremd” (sind einem Wildfremde fremder als Fremde?).

Gerade in Bezug auf unbewusst genutzte Redewendungen und Worte, könnte ich den Artikel jetzt sicherlich noch unendlich verlängern. Hiermit entschuldige ich mich bei euch. Es tut mir leid, dass ich keine Lust habe, diesen Artikel an dieser Stelle bis ins Unendliche fortzuführen. Mein Beileid. Ich begrüße eure Rückantwort aber sehr. Träumt nicht euer Leben, sondern lebt euren Traum. 😅

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5 Kommentare

  • Total spannend. Über manche Sachen hab ich bis eben nicht bewusst nachgedacht.

    Habt ein entspanntes Wochenende.
    Liebe Grüße

      • Ja, auf jeden Fall. Ich liebe es, Denkanstöße zu kriegen… Grad bei so Worten/Sätzen , die man doch kennt und unreflektiert genutzt hat.
        Liebe Grüße

        • Total! Und wenn man da einmal gedanklich “drin ist”, fällt einem im Alltag so viel auf. Heute Morgen z.B. “Das ist mir relativ egal”. Ist es jetzt egal oder nur relativ egal? :-P

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