Aus dem Leben


“Die hat sich wegen dem so verändert”

Geschrieben von Sandra Stüber

Diese Artikelidee entstand vor ziemlich genau zehn Jahren und ist jetzt fertig geworden. Manches braucht einfach seine Zeit.

In all den Jahren sind Marius und ich häufig unausgesprochen oder direkt mit dem “Die hat sich wegen dem SO verändert” Vorwurf konfrontiert worden (deutlich mehr noch als “Der hat sich wegen der so verändert”). Schon damals steckte man Marius (etwas übertrieben ausgedrückt) in die “Unterdrücker” Schublade und mich in die der “Unterdrückten”.

“Der neue Partner ist schuld” – die einfachste Erklärung

Meinem Partner zu unterstellen, er würde mich zu Veränderungen drängen und umgekehrt mir zu unterstellen, ich würde diese Veränderungen wegen / für ihn vornehmen, war die einfachste Erklärung für mein Umfeld. Anders konnte man sich einfach nicht erklären, warum die lustige, partygeile, verrückte Sandra “plötzlich” so anders war.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Veränderungen eine Zeit betreffen, in der ich von einer jungen Erwachsenen zur Erwachsenen wurde, passierte in dieser Zeit noch viel mehr, das mich prägte und mein Leben in seinen Grundfesten erschütterte. Diejenigen, die sowas sagten, hatten keinen blassen Schimmer von meinem oder Marius Leben.

Davon, dass Marius mich aus meiner Messie-Bude “gerettet” hat, während er selbst sich in einer seiner schwersten Lebensphasen überhaupt befand. Seine Mutter war ein schwerst Pflegefall, die in einem Heim fast zu Tode gequält wurde. Er war mit diesem Problem, der gesamten Organisation, der Auflösung eines großen Hauses (inkl. Werkstatt & Atelier mit tausenden Produkten), dem Umzug von Münster nach Wuppertal und einigen anderen großen Problemen komplett alleine. Mit gerade 24 Jahren. Es gab keinerlei Unterstützung und von einer Freundin abgesehen, niemanden, der ihm half.

Mein Freund funktionierte nicht so, wie das Umfeld es erwartete

Entsprechend dieser Probleme war Marius seelischer Zustand. Er hatte keine Lust auf Partys, stumpfe Gespräche und albern sein. Ihm ging es schlecht. Mein Umfeld bestand damals aber fast ausschließlich aus “Party und Spaß” und reagierte verhalten bis irritiert. “Was ist denn mit dem schon wieder los?” “Der ist schon ein komischer Kauz…” “Langweiler” “Nur ein bisschen was trinken…”. Ich fühlte mich immer dazu genötigt, Marius zu verteidigen oder Ausreden dafür zu finden, warum er nicht so funktionierte, wie es sich die anderen wünschten oder als “normal” empfanden.

Letzten Endes war Marius derjenige, der mir zuliebe so viel Alkohol trank, bis er die “Stimmung” ertragen konnte und niemand mehr sich über ihn wunderte. Rückblickend tut mir das furchtbar leid weil ich weiß, wie sehr er sich verbogen hat und wie schlecht er sich deshalb am nächsten Tag fühlte. Ich habe das aber erst sehr spät verstehen gelernt.

DAS IST DOCH NICHT SANDRA!

Für mich war die Zeit seit 2010 in vielerlei Hinsicht sehr prägend. Ich habe erst spät angefangen, mich mit meinen Problemen, meinen Wünschen und mir ehrlich auseinanderzusetzen. Bis 2014 noch im kleineren Rahmen (dadurch, dass ich meinen Job als Zahnarzthelferin kündigte, um mein Abitur nachzumachen), nach dem Tod meines Vaters (den ich als krassen Augenöffner und Wegweiser empfand), dann wirklich allumfassend.

All diese Veränderungen schrieb man (oft, nicht immer) Marius zu (die andere Seite fragte dann hier und da entsetzt “Was sagt denn eigentlich dein Freund dazu???“), weil mir kaum jemand aus meinem “alten Leben” zutraute, dass ich “so krasse Veränderungen” aus freien Stücken vornehmen könnte.

Aufhören zu rauchen? Keinen Alkohol mehr trinken? Nur so viel arbeiten wie zwingend notwendig? Keine tierischen Produkte mehr essen? Nicht mehr irgendwo den Hintern platt sitzen, wo ich keine Lust drauf habe? Auch mal Nein sagen? Niemanden bei der standesamtlichen Hochzeit dabei haben wollen? DAS IST DOCH NICHT SANDRA!!! (Ich hörte diesen Satz erst vor wenigen Wochen über tausend Ecken, weil sich einige bei meiner Familie und Freunden darüber ausließen, dass ich alleine beim Standesamt heiraten wollte – schöne Grüße an dieser Stelle!).

Leider hatte ich nur selten die Chance nutze ich nur selten die Chance, diesen Leuten klipp und klar ins Gesicht zu sagen: DOCH, GENAU DAS BIN ICH!

Ich bin erwachsener geworden UND ich habe, nicht zuletzt mit Hilfe der Therapie und meinem eigenen Buch*, angefangen (!), meinen (!) wahren Kern frei zu schaufeln. Das was ich, losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen & Dogmen, von all dem was ich von meiner Familie, von Freunden, Bekannten und Fremden als richtig oder falsch vermittelt bekommen habe, wirklich denke, fühle und ersehne.

Die Konsequenzen für die eigene Veränderung tragen

Die Inspiration und der Wille zur Veränderung kamen nicht durch oder wegen meinem Partner, sondern für mich und wegen mir. Er hat mir den Rückhalt gegeben und den Raum dafür eröffnet, manche Veränderung sogar für sich selbst interessant gefunden und aufgegriffen. Aber niemals wurde ich zu etwas gedrängt oder fühlte mich genötigt, mich für ihn zu verändern. Das mag in anderen Beziehungen Alltag sein, trifft auf uns aber nicht zu.

Auch das ist etwas “außerhalb der Norm”, denn viele Beziehungen überstehen so krasse Veränderungen nicht. Und auch das bereitet dem alten Umfeld, das womöglich sogar beide schon länger kennt, oft Probleme. Leider verändert sich nämlich nicht alles und jeder gemeinsam in dieselbe Richtung.

Ich habe viele Menschen von früher verloren oder verabschiedet, weil es schlicht und ergreifend nicht mehr gepasst hat. Etliche haben Probleme damit, die “eigenartig neue Sandra” zu verstehen, ernst zu nehmen und zu akzeptieren. Ich habe umgekehrt Probleme damit zu akzeptieren, dass Menschen viele meiner Veränderungen nicht akzeptieren/tolerieren können, obwohl die Vorteile für mich SO OFFENSICHTLICH sind.

Oberflächlich betrachtet ist natürlich die alte Party Sandra, die alle unter den Tisch gesoffen und betrunken “lustige” Sachen gemacht hat, nicht mehr existent und entsprechend langweilig. Und auch die Sandra, die alles lustig und toll fand, überall mit dabei war, gibt es so nicht mehr. Aber wenn das das einzige war, dass man mit mir als Person verband, hat man mich ohnehin noch nie richtig gekannt.

Niemand, der mich heute wie damals wirklich gut kennt, kann und wird behaupten, dass ich mich zum Negativen verändert habe oder dass ich früher glücklicher/lockerer/losgelöster/authentischer war. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Zumindest für mich (denn mein neues”Nein” sagen z.B. ist für viele ein großes Problem). Das muss ich mir selbst immer wieder bewusst machen, weil ich mich als Mensch, der es allen recht machen möchte, oft selbst verleugne. Ich war und bin ein großartiger Mensch. Heute eben nur anders, als damals und manches ist sogar so geblieben, wie es war ;-)

Wer sich nicht verändert, ist tot.

Veränderung wird häufig (erst mal) negativ empfunden. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und Unbekanntes ist unbehaglich und macht uns oft sogar Angst. Gerade wenn jemand so ganz anders als die Masse handelt, sich aus der Komfortzone und aus gängigen Konventionen heraus wagt, herrscht große Unsicherheit.

“Darf sie das überhaupt? Muss das sein? Das ist doch viel zu krass! Sowas kann doch nicht von heute auf morgen in einem Menschen entstehen? Was bedeutet das für mich? Muss ich jetzt auch so sein? Macht sie mir meinen Alkohol / mein Essen/ mein Leben madig? Das kann doch nur von ihrem Typen kommen!” .

Die meisten reagieren aus ihrer Unsicherheit heraus mit Ablehnung und machen sich darüber lustig oder gehen in die Verurteilung (ich werde konfrontiert mit Aussagen wie “Die auf dem Selbstfindungstrip” “Ökofotze” “Moralapostel” “Freak”).

Aber wir und alles um uns herum verändert sich. Tag für Tag. Würden wir es nicht tun, wären wir tot. Das ganze Leben besteht aus Veränderung und das ist doch sogar richtig gut!

Ein paar Fragen zur Selbstreflexion zum Schluss

Wie traurig wäre es, wenn wir uns nicht weiter entwickeln, vom Fleck bewegen, Neues lernen und Altes hinter uns lassen würden? Wenn wir immer noch die bockigen Teenies von damals wären? Wenn wir Schicksalsschläge nicht verarbeiten würden? Wenn wir niemals etwas hinterfragen und daraufhin für uns anders machen würden?

Bist du noch der Mensch, der du vor zehn Jahren warst? Möchtest du in zehn Jahren noch da stehen, wo du jetzt stehst?`Teilst du immer noch dieselben Ansichten wie damals? Magst du dieselben Dinge und dasselbe Essen? Hast du dieselben Vorlieben? Glaubst du, Veränderung ist nur durch Druck von Außen möglich oder meinst du, sie kann auch in einem selbst entstehen?

Wenn dich Veränderungen von anderen oft nerven / triggern: wovor hast du Angst? Fühlst du dich durch die Veränderungen anderer unter Druck oder herab gesetzt? Welche Veränderung wünschst du dir für dein Leben? Warum kannst du es nicht verändern? Betreffen dich die Veränderungen persönlich? Und wenn ja: kannst du einen Schritt zur Seite treten oder deine Arme öffnen, um Platz für sie zu schaffen?

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Über den Autor

Sandra Stüber

Ü30, seit 1998 Bloggerin, alberne Öko-Frohnatur und
naturverbundene Pflanzenfresserin. Versucht hier seit 2013 die Menschen zu inspirieren.

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